Unter dem Einfluss von Vorbildern namentlich aus Frankreich und England setzten sich bis 1980 im Schweizer F. zwei fundamentale Erneuerungen durch: Während in der franz. Schweiz der Spielfilm Erfolge feierte, entwickelte sich in der dt. Schweiz der Dokumentarfilm zu einer Besonderheit des einheim. Filmschaffens. Zu beiden Formen dieses sog. neuen Schweizer F.s trug das Fernsehen als Ko-Produzent entscheidend bei.
Während in der Westschweiz vor 1960 nur wenige F.e mit einem eigenständigen Charakter produziert worden waren (z.B. Max Hauflers "Farinet " aus dem Jahr 1938 nach Charles Ferdinand Ramuz), setzten sich die Werke frankophoner Autoren in den 1960er Jahren innert kurzer Zeit an die Spitze der gesamtschweiz. Entwicklung. Sie fanden v.a. in Frankreich und in weiteren europ. Ländern, aber auch in der dt. Schweiz einen Zuspruch, der bis in die 1980er Jahre anhielt. Alain Tanner ("La Salamandre", "Jonas, qui aura 25 ans en l'an 2000"), Michel Soutter ("Les Arpenteurs") und Claude Goretta ("L'Invitation", "La Dentellière") wurden international renommierte Cineasten. Sie machten Genf zu einem weiteren Topos des Schweizer F.s. Im Vergleich zu Kurt Früh und Franz Schnyder nahmen sie jedoch eine kritischere Haltung ein. Stil bildende Westschweizer Autoren, zu denen sich mit "Les petites fugues" auch Yves Yersin gesellte, verlegten ihre Tätigkeit zunehmend ins Ausland. Ab Mitte der 1980er Jahre fand ihr Wirken kaum mehr vergleichbare Nachfolger in der Westschweiz. Die französischsprachige Spielfilmproduktion hielt zwar an, doch ohne nochmals über die Landesgrenzen hinaus auf ein grösseres Echo zu stossen. Ernest und Gisèle Ansorge sicherten der Westschweiz einen festen Platz auf dem Spezialgebiet des internat. Trickfilmschaffens. In diesem Sektor vermochte die dt. Schweiz mit der Westschweiz nie gleichzuziehen.
In der Deutschschweiz ging die Erneuerung der 1960er und 70er Jahre deutlich langsamer vonstatten. Im Dokumentar- und im Experimentalfilm entwickelte sich jedoch ein eigenständiger Stil, der sich durch eine oft strenge Systematik und eine hohe ethische Gesinnung auszeichnete. Spätestens ab 1974, als Yves Yersins "Die letzten Heimposamenter" entstand, machte der Dokumentarfilm der dt. Schweiz über die Grenzen hinaus Schule. Erfolgreich waren "Ursula oder das unwerte Leben" von Walter Marti und Reni Mertens, "Siamo Italiani" von Alexander J. Seiler, "Pazifik oder die Zufriedenen" von Fredi M. Murer, "Bananera Libertad" von Peter von Gunten.
Nachdem sich der herkömml. Mundart-Film nach der Krise von 1960 und unter den Vorzeichen des neuen Schweizer F.s zurückgebildet hatte, erlebte der Dialektfilm nach 1975 eine Renaissance. Die Wiederbelebung des Spielfilms kam in der dt. Schweiz ab 1972 nur mit erhebl. Verzögerung in Gang. Sie wurde von den Erfolgen der Genfer Kollegen inspiriert. Doch anders als bei den Dokumentarfilmen liess sich bei den Spielfilmen kein eigener Deutschschweizer Stil ausmachen. Die Thematik war nicht mehr auf einige wenige Grundtypen reduziert, die F.e wiesen eine grosse Vielfalt an Stilen und Motiven auf. In den letzten drei Dekaden des 20. Jh. etablierten sich Kurt Gloor ("Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner"), Rolf Lyssy ("Die Schweizermacher"), Markus Imhoof ("Das Boot ist voll"), Fredi M. Murer ("Grauzone", "Höhenfeuer"), Xavier Koller ("Reise der Hoffnung") und Daniel Schmid ("Schatten der Engel", "Il bacio di Tosca") als führende deutschsprachige Kino-Erzähler. An ihre Seite gesellte sich als Dokumentarist von europ. Format Richard Dindo ("Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.", "Max Frisch, Journal I-III", "Grüningers Fall").
Einen Sonderfall bildet der in der Westschweiz lebende und tätige Jean-Luc Godard. Als einer der bedeutendsten Filmemacher überhaupt schuf er u.a. "A bout de souffle", "Pierrot le Fou", "Sauve qui peut (la vie)" und "Hélas pour moi". Godards eigenständige hermet. Diktion lässt den eigensinnigen Alleingänger kaum einem bestimmten nationalen Filmschaffen zuordnen.
Auch der Tessiner F., der lange unter schwierigen Produktionsbedingungen gelitten hatte, machte in den 1970er Jahren von sich reden. Es gelang ihm, sein Publikum mit den versch. Problemen zu konfrontieren, die aus der Grenzlage des Tessins ("Storia di confine" von Bruno Soldini, 1971), der Einwanderung, aus sozialer Devianz ("24+24" sowie "Cerchiamo operai per subito, offriamo ..." von Villi Hermann, 1972 resp. 1974) und eigener sprachl. Identität ("E noi altri apprendisti" von Giovanni Doffini, 1976) resultierten.
Zwischen Anfang der 1970er und Mitte der 80er Jahre erlebte die gesamte schweiz. Produktion in einer ungewöhnl. Konjunktur von Mitteln und Talenten und begleitet von nachhaltiger internat. Resonanz eine Blüte. Lokale Eigenwilligkeit verband sich mit kosmopolit. Flair. Das sog. Filmwunder Schweiz mit seinen kurz- und mittelfristigen Erfolgen war in erhebl. Mass der Bundesfilmförderung zuzuschreiben, die ab 1962 schrittweise wirksam wurde. Das Filmgesetz regelte die Zusammensetzung und Aufgaben der Eidg. Filmkommission, Förderungsmassnahmen sowie Filmverleih und -ausfuhr. Neben selektiver und erfolgsabhängiger Förderung (seit 1997) verleiht das Bundesamt für Kultur auch Prämien (z.B. für Ausbildung). Zudem wird seit 1998 jährlich der Schweizer Filmpreis vergeben. Die staatl. Filmförderung ermöglicht nebst der Mobilisierung auch die Kanalisierung der Mittel aus kant., kommunalen und privaten Quellen sowie des Fernsehens. Ironischerweise wurde der F. mit dem bedeutendsten kommerziellen Erfolg, "Die Schweizermacher" (1979), der im Inland 1 Mio. Eintritte verzeichnen konnte, ohne Bundessubventionen produziert.
Autorin/Autor: Pierre Lachat