Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

09/11/2006

Volksfrömmigkeit



Der Begriff V. ist umstritten, nicht zuletzt, weil er wegen früheren Verwendungen auch ideologisch belastet ist. Kritiker ordnen ihn, ähnlich wie Volkskunst und Volksmedizin, einem antiquierten Wissenschaftsverständnis zu, welches diese Bezeichnung mit einer fast magischen, irrationalen Aura umgab. Der Ausdruck sei vage, inhaltsleer und suggeriere einen Sachverhalt, der so nicht existiere. Für andere aber verweist der Begriff auf eine Befindlichkeit, die wesentlich anders geartet ist als die "offizielle" Frömmigkeit. Anstelle von V. wurde etwa "populäre Frömmigkeit" vorgeschlagen (Gottfried Korff) und in Anlehnung an die angelsächs. und franz. Begriffsbildung auch "Volkskunde des Religiösen" (Wörterbuch der dt. Volkskunde).

Frömmigkeit zunächst ist eine Lebenshaltung, die religiöse Überzeugung, Innerlichkeit mit den äussern Akten, dem Alltagsverhalten in Einklang bringt; sie ist die gelebte Antwort des Menschen auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Lebens. V. ist die synkretist. Form des religiösen Denkens, Empfindens und Handelns von Individuen und Gruppen, welche die von den offiziellen Kirchen und ihren Amtsträgern vorgebenen Glaubensinhalte und Praxisformen den eigenen Bedürfnissen anpasst, sie amalgamiert und kreativ umwandelt. V. spricht die Sinne und das Gemüt stärker an als den Verstand. Sie liebt expressive, ausdrucksstarke Formen, ist zeichenhaft und sucht die Nähe. V. ist aber schwierig zu fassen, weil das Verhältnis zwischen etablierteren und weniger offiziellen Formen von Religiosität ein "kontinuierliches Spektrum" bildet, "das von der gegenseitigen Verzahnung bis relativen Eigenständigkeit reichte" (Kaspar von Greyerz). Fliessend waren somit auch die Übergänge zu Aberglauben, Magie und Astrologie. Zu manchen Phänomenen der V. gaben die offizielle Kirche oder Kleriker den Anstoss. Andere gingen dagegen von Laien aus und wurden durch Jahrhunderte von den Amtskirchen, die ihnen einen latent subversiven Charakter zuschrieben, argwöhnisch beobachtet und in Einzelfällen auch kriminalisiert. Gelebte und offizielle Frömmigkeit standen oft in einem oppositionellen Verhältnis.

Der Formenschatz und die hist. Entwicklung der V. in der Schweiz ähneln in vielem denen der Nachbarregionen. Die Entwicklung wurde von den allgemeinen geistigen und materiellen Strömungen der jeweiligen Zeit beeinflusst, naturgemäss, ist doch V. Ausdruck der epochalen Gesamtbefindlichkeit.

1 - Mittelalter
2 - Volksfrömmigkeit in der Neuzeit
3 - Moderne Formen
Quellen und Literatur