Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

11/02/2005

Schiers



Polit. Gem. GR, Kreis S., Bez. Prättigau/Davos. Strassendorf im untersten Talkessel des Prättigaus, im Mündungsgebiet des Schraubachs. Zentrum des mittleren und äusseren Tals. Die Gem. besteht aus dem Dorf S. mit Tersier im Tal und den bäuerl. Fraktionen Lunden, Fajauna-Stels, Maria-Montagna, Pusserein sowie Schuders an den Südhängen. 1875 wechselte der Weiler Sigg von S. zur Gem. Valzeina. 1101 Scieres. 1780 1'110 Einw.; 1850 1'741; 1900 1'654; 1950 2'312; 1990 2'400.

Aus der Bronzezeit stammen ein Einzelfund in S. sowie ein Depot- oder Hortfund in Montagna. Eine späteisenzeitl. Siedlung ist auf der Chrea in S. nachgewiesen. Aus röm. Zeit datiert ein Münzfund in Montagna. Funde und Befunde in S. und Umgebung belegen eine Siedlungskontinuität von der Antike bis ins FrühMA. Im Pfrundgarten kamen 1955-60 Überreste zweier kleiner frühchristl. Friedhofkirchen mit über 100 Bestattungen (5.-7. Jh.) zum Vorschein. Durch eine bischöfl. Stiftung um 1100 und Schenkungen aus weltl. Hand waren die Domherren von Chur im 12. Jh. bedeutendste Grundbesitzer in S. geworden. Grundherren waren im 13. Jh. auch die Frh. von Vaz und die Ritter von Aspermont. Die Hoheitsrechte hatten nach dem Aussterben der Vazer die Gf. von Toggenburg bis 1436 inne, dann die von Montfort und von Matsch, von 1452 an im ganzen Gericht S. die Vögte von Matsch. Die österr. Herrschaft dauerte 1496-1649. Innerhalb des aus der Herrschaft Solavers entstandenen Gerichts S. hatte sich aus der geistl. Grundherrschaft ein Chorherrengericht entwickelt, das 1436 mit der Gerichtsgem. S. dem Zehngerichtenbund beitrat. 1506 wurde es in das Gericht S. einverleibt, das sich 1679 in zwei Halbgerichte teilte. Die Germanisierung vom Rheintal und durch Walser von Davos her war Mitte des 16. Jh. abgeschlossen. Die 1101 erstmals erw. Kirche St. Johann, damals vermutlich Talkirche, hatte im SpätMA einen Kirchsprengel, der von Seewis im Prättigau bis Küblis reichte; das Kollaturrecht lag bei der weltl. Herrschaft. Kurz nach der Reformation in S. (1563) verliessen die Domherren das Dorf, 1677 verkauften sie ihre letzten Güter und Rechte. Kirche und Dorf wurden zweimal zerstört: 1622 durch ein österr. Heer, 1767 duch einen Dorfbrand. Um 1800 waren mind. 80% der Einw. mit Viehzucht (Alpwirtschaft) und Ackerbau beschäftigt. Bis 1990 sank der Anteil des 1. Sektors auf 14%, wogegen er im 3. Sektor auf 56% stieg. Die Verkehrsentwicklung (Talstrasse 1849, Bahn 1889, Umfahrung 1967) und die Industrialisierung förderten die Migration. Nach 1945 setzte die Mechanisierung der Landwirtschaft ein. Das alteingesessene Gewerbe (u.a. Orgelbau in der 1. Hälfte des 19. Jh.) wurde im 20. Jh. vielfältig ergänzt (Grossmetzgerei, Buchdruckerei, Holzverarbeitung, Baugewerbe). Als Zentrum des Prättigaus beherbergt S. die Evang. Mittelschule S. (1837 als Lehrerseminar gegr.), eine Bäuerinnen- und Haushaltungsschule (seit 1950), ein Tagungszentrum auf Stels, das Regionalspital Prättigau (seit 1881) mit angegliedertem Alters- und Pflegeheim (Flury-Stiftung) sowie die "Prättigauer Zeitung" (seit 1901).


Literatur
-M. Thöny, S., 1934 (21995)
-F. Oswald et al., Vorrom. Kirchenbauten, 1966-71 (21990), 304 f.
-E. Kobler, La commune de S., 1970
-Archäologie in Graubünden, 1992

Autorin/Autor: Otto Clavuot