Das älteste Haustier ist der Hund, der vom Wolf abstammt. Die Domestikation des Wolfes fand 13'000-8'000 v.Chr. in versch. Regionen Europas sowie dem Nahen Osten statt. Die ältesten Nachweise aus dem Gebiet der heutigen Schweiz datieren um 12'000 bis 10'000 v.Chr. Die Domestikation von Schaf und Ziege erfolgte im 9. Jt. v.Chr. in Zusammenhang mit der Ausbildung einer bäuerl. Wirtschafts- und Lebensweise im Vorderen Orient, im Gebiet des sog. Fruchtbaren Halbmonds. Zusammen mit dem Anbau von Kulturpflanzen vollzog sich in dieser Zeit der stufenweise Übergang von der "aneignenden" zur "produzierenden" Wirtschaftsweise des Neolithikums. Im 8. Jt. v.Chr. wurden auch das Wildschwein zum Hausschwein (Schwein) und der Ur zum Hausrind domestiziert. Die bäuerl. Lebensweise mit den H.n Schaf, Ziege, Schwein und Rind breitete sich auf zwei Wegen vom Vorderen Orient nach Europa aus: Der eine verlief den Mittelmeerküsten entlang Richtung Süd- und Südwesteuropa. Der andere führte über den Balkan nach Zentral- und Nordeuropa. Beide erreichten im 6. Jt. v.Chr. Mitteleuropa.
Für das Gebiet der heutigen Schweiz ist anzunehmen, dass sich die Kenntnis des Ackerbaus etwas vor derjenigen der Viehwirtschaft durchsetzte. Letztere breitete sich von Südfrankreich her offenbar kurz nach 5'500 v.Chr. im nördl. Einzugsgebiet des Rhonetals und im franz. Jura aus. Die ältesten Haustierfunde stammen aus jungsteinzeitl. Fundstellen im Kt. Wallis. In den aus der gleichen Zeit stammenden Fundstationen im Tessin haben sich dagegen keine Tierknochen erhalten. Die jungsteinzeitl. Siedlungen Planta und Sous-le-Scex in Sitten werden beide um 5'000 v.Chr. datiert. Schaf, Ziege, Schwein und Rind konnten nachgewiesen werden. Bereits 98% der untersuchten Tierknochen stammen von H.n. Es wird angenommen, dass es auch im schweiz. Mittelland unter dem Einfluss mittel-, ost- sowie südwesteurop. Kulturgruppen in der 2. Hälfte des 6. Jt. v.Chr. erste Ansätze von Haustierhaltung gab. Die frühesten erhalten gebliebenen Haustierknochen (in erster Linie Speise- und Schlachtabfälle) stammen aber erst aus den Seeufersiedlungen, die um 4'350 v.Chr. entstanden (z.B. Egolzwil, Zürich-Kleiner Hafner). Dank ausgezeichneter Erhaltungsbedingungen im feuchten Milieu der Ufersiedlungen verfügen wir für die Zeit von ca. 4'350 bis 2'400 v.Chr. über ausgesprochen gute Kenntnisse zur Wirtschaftsweise. In diese Zeitspanne fiel die Konsolidierung der Haustierhaltung.
Die Bedeutung der jungsteinzeitl. Haustierhaltung ist eng mit der Landschaftsentwicklung verknüpft. Während der frühesten Besiedlungsphase der Seeufer war das schweiz. Mittelland von einem Urwald bedeckt, der höchstens kleine, inselartig verteilte Lichtungen aufwies, die hauptsächlich auf natürl. Weise entstanden waren. Untersuchungen an Zürcher Seeufersiedlungen bestätigen, dass den H.n bis etwa 3'400 v.Chr. keine grosse Bedeutung zukam. Das Fehlen grösserer offener Flächen oder Wiesen im heutigen Sinn schränkte bis zu diesem Zeitpunkt insbesondere den Umfang der Rinderherden mit ihrem beträchtl. Futterbedarf stark ein. Im Sommerhalbjahr wurde das Gross- und Kleinvieh auf die Waldweide getrieben. Im Winterhalbjahr wurde Laubheu verfüttert, dessen Gewinnung mit der Schneitelwirtschaft sehr aufwendig war. Die Futterversorgung setzte der Haustierhaltung enge Grenzen. Ab dem 3. Jt. v.Chr. entstand im Mittelland eine offenere Landschaft mit zusätzl. Ackerbrachen sowie ersten wiesenähnl. Flächen. Gleichzeitig setzte eine Intensivierung der Haustierhaltung ein. Sie erfolgte zuerst bei den Schweinen (Horgener Kultur), danach auch bei den Rindern, Schafen und Ziegen (Schnurkeramikkultur). Das Bestreben, v.a. die Rinderhaltung zu steigern, steht höchstwahrscheinlich im Zusammenhang mit der Intensivierung des Ackerbaus, bei dem Rinder als Arbeitstiere eingesetzt wurden. In der Regel entfallen 80-90% der untersuchten Tierknochen aus dem 3. und 2. Jt. v.Chr. auf H. Funde von Kotballen und Mist belegen den period. Aufenthalt des Viehs in den Siedlungen. Ställe konnten bisher archäologisch keine nachgewiesen werden. Wahrscheinlich hielten die jungsteinzeitl. Bauern die Ziegen, Schafe und auch Rinder zuweilen in den Wohnhäusern.
Möglicherweise bereits gegen Ende des Neolithikums, sicher ab der Frühbronzezeit ist als neues Haustier das Pferd bezeugt. Die geringen Knochenzahlen sprechen dafür, dass ihm in dieser Phase noch keine grosse Bedeutung zukam. Über die Entwicklung zwischen dem Ende der Bronzezeit und der späten Latènezeit sind wir nur unzureichend unterrichtet. Die wenigen Fundmaterialien lassen darauf schliessen, dass sich die Intensivierung der Haustierhaltung und die Öffnung der Landschaft fortsetzten. Der Domestikationsprozess hat die Grössenentwicklung der Tiere beeinflusst. Die Grösse von Rind, Schaf, Ziege und Schwein war zwischen dem Neolithikum und der späten Eisenzeit stetig rückläufig. Neben der Einschränkung des natürl. Verhaltens verursachten ein vermindertes Futterangebot sowie die Selektion von weniger aggressiven und dadurch schwächeren Tieren eine kontinuierl. Reduktion der Körpergrösse von Generation zu Generation. Als neues Haustier ist vom 8. Jh. v.Chr. an in Mitteleuropa und ab dem 5. Jh. v.Chr. auch in der Schweiz das Haushuhn (Geflügel) belegt.
Autorin/Autor: Peter Lehmann, Jörg Schibler