E. ist ein soziales Phänomen; sie gibt Einblick in die Sozialordnung und kann als Faktor wie Indikator soziokulturellen Wandels interpretiert werden. Die sozial- und kulturhist. Untersuchung der E. gibt damit über das Physiologische hinaus wichtige Hinweise z.B. zur materiellen Kultur (Ess- und Trinksitten), zu sozialen Unterschieden, geschlechtsspezif. Rollennormen, Bevölkerungsentwicklung, Wanderungsmustern, Herrschaftsverhältnissen oder Weltbildern.
Die Geschichte der E. beschränkt sich keineswegs auf die Zubereitung und den Verzehr von Nahrungsmitteln, sondern befasst sich mit der ganzen ökonom. Kette, die von der Agrarverfassung und -technik über die Distributions-, Absatzstrukturen und Vorratshaltung bis hin zur gastronom. Haus- und Familienarbeit und zu den Problemen der Konservierung und Entsorgung reicht. Es ist deshalb wichtig, der hist. Interpretation ein vertikales Erklärungsmodell zugrunde zu legen, das Produktion, Verteilung und Konsum von Nahrung aufeinander bezieht. Weil mit der Frage der Verfügbarkeit, Verteilung und Qualität von Nahrungsmitteln die Problematik der Gerechtigkeit und das Postulat der Gesundheit ins Spiel kommen, sind auch gesellschaftl. Konfliktkonstellationen involviert. Sowohl Alltags- wie Festtagsspeisen vermochten Gemeinsinn zu generieren bzw. sozialen Abstand und feine Unterschiede zu inszenieren. Die sowohl gemeinschaftsstiftende wie auch sozial polarisierende Rolle des Essens verweist auf die polit. Dimension der E. So ist für das schweiz. "Wir-Bewusstsein" das Spannungsfeld von kultureller Vielfalt (Ernährungsregionalismus) und nationaler Identität (sog. Nationalspeisen) wichtig. Diesen Facettenreichtum der E. gilt es im Folgenden im Auge zu behalten.
Autorin/Autor: Jakob Tanner
1 - Urgeschichte bis Frühmittelalter