Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

3 - Badeleben und Einrichtungen

Pro Kur waren 24-30 oft mehrstündige B. vorgesehen. Die Trinkkur nötigte den Kurgast zu 4-15 Gläsern pro Tag. Die Kosten bzw. den Arbeits- und Erwerbsausfall einer Kur von 3-5 Wochen Dauer konnte sich der grösste Teil der Bevölkerung bis ins 20. Jh. nicht leisten. Die Reise gestaltete sich aufwendig, nicht zuletzt weil ein Teil des Hausrats und sogar Haustiere mitgenommen wurden. In den B.n trafen sich Oberschichten aus ganz Europa. Mit diesem Publikum und dessen Erwartungen wurden B. zu Schrittmachern des Hotelkomforts (Gastgewerbe, Hotelbau).

Neben den renommierten B.n spielten die zahlreichen kleinen B. für die übrige Bevölkerung eine wichtige Rolle, geschildert u.a. von Jeremias Gotthelf. Oft an entlegenen Orten, entzogen sie sich dem wachsamen Auge der Obrigkeit. Zahlreich sind Belege, wie Pfarrer und Amtspersonen gegen das überbordende Badeleben vorzugehen versuchten. B. waren Treffpunkte des Jungvolks, das sich im und neben dem Wasser vergnügte. Hier wurden Bekanntschaften und Ehen angebahnt. In B.n nahmen aber auch polit. Prozesse ihren Anfang, z.B. im Bad Bubendorf die Schaffung des Kt. Basel-Landschaft.

Die Thermalbäder waren meist Gemeinschaftsbäder, das Energieproblem stellte sich nicht. In Leukerbad wurden die Badebecken gar in der Nacht aufgefüllt, damit das Wasser am Morgen ausreichend abgekühlt war. Wo das Mineralwasser geheizt werden musste, waren Einzelbadewannen üblich. Noch 1874 waren z.B. im Unterengadiner Val Sinestra ausgehöhlte Stämme in Gebrauch. Vom 19. Jh. an wurden Blechwannen eingeführt, dann emaillierte Metallwannen und Keramikwannen. Der Vorwurf der sittl. Verwilderung an solchen Orten lag u.a. im Umstand begr., dass sich nicht nur aus energieökonom. Gründen oftmals mehrere Personen gemeinsam in den Badekästen aufhielten. Badekleider kamen erst im 16. Jh. auf. In Gemeinschaftsbädern trugen die Badenden meist wollene Badehemden. Gegen das 19. Jh. zu wurden die Kostüme immer zugeknöpfter. Duschen, urspr. ein zu kippendes Fass mit einem Loch, waren vom 16. Jh. an bekannt, aber lange medizin. umstritten. Erst im 19. Jh. wurden sie gezielt eingesetzt, insbes. zu Massagezwecken. Es entwickelten sich Varianten, z.B. die Fall-, Steig- oder Sprühdusche.

Zur Unterhaltung der Badegäste entstand eine spezif. Freizeitkultur. Vorbilder dafür waren die B. der internat. Spitzenklasse wie Karlsbad (heute Tschechien) oder Badgastein und Bad Ischl (beide A). So dienten Konversationszimmer, Damensalons, Bibliotheken, Fumoirs, Kurorchester, Promenaden, Aussichtspavillons, gedeckte Wandelhallen usw. der Erholung und Zerstreuung. Bekannt wurden in der Schweiz die B. von Saxon, die ihren Betrieb bis zum Verbot der Spielbanken mit einem Casino kombinierten. Einige Heilbäder legten auch den Grundstein für den Tourismus, so z.B. in Leukerbad, Lenk, Scuol, St. Moritz und Vals.

Autorin/Autor: Quirinus Reichen