Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

26/11/2009

Arbeiterbewegung



Seit etwa den 1840er Jahren umfasst der Begriff A. die Gesamtheit der Bestrebungen, durch organisator. Zusammenschlüsse und kollektives Handeln der Arbeiter am Arbeitsplatz und in andern Bereichen der Gesellschaft deren ökonom., soziale, polit. und kulturelle Emanzipation zu fördern. Obwohl die A. im Gefolge der Industrialisierung entstand, spielten die ersten Industriearbeiter, die Heimarbeiter, in ihrer Herausbildung prakt. keine Rolle. Hauptsächl. Träger waren urspr. Handwerksgesellen, die ihr berufsorientiertes Bewusstsein überwanden und sich aufgrund der Lohnabhängigkeit als eigenständige gesellschaftl. Klasse der Arbeiter verstanden (Klassengesellschaft). Beschäftigte in Fabriken beteiligten sich zwar seit dem frühen 19. Jh. sporad. an Aktionen; dauerhaft gliederten sie sich jedoch erst um die Wende zum 20. Jh. in die A. ein. Früh gewannen auch Intellektuelle beträchtl. Einfluss.

Nachdem der Begriff A. zunächst im Sinne von Aufruhr oder Krawall verwendet wurde (Grimms Wörterbuch, 1854), erhielt er mit dem Erstarken der Arbeiterorganisationen eine zunehmend positive Bedeutung. Die A. zielte nicht nur auf Selbsthilfe und Beseitigung konkreter Missstände, sondern verfügte früh über Utopien von einer besseren Gesellschaft. Organisatorisch lassen sich, bei oft bis ins 20. Jh. fliessenden Grenzen, zwei überwiegende und zwei weniger bekannte Formen unterscheiden: zum einen Gewerkschaften und Parteien, zum andern Genossenschaften (Genossenschaftsbewegung) und Arbeitervereine.

Früh entstanden ausser betriebl., lokalen und landesweiten Organisationen auch internat. Zusammenschlüsse. Neben der dominierenden sozialist. Richtung, die sich v.a. auf gewerkschaftl. Ebene auch freie nannte, erreichte die christl.-soziale (kath.) Bewegung einige Bedeutung, während die anarchist., evang., liberalen und nationalist. Organisationsversuche Randerscheinungen blieben. Unabh. davon, ob sie die Gesellschaft als Klassengesellschaft und ihr Wirken als Klassenkampf verstand, richtete die A. ihre Praxis v.a. auf reformorientierte Interessenvertretung im Rahmen des bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems aus.

1 - Anfänge der schweizerischen Arbeiterbewegung
2 - Auf der Suche nach der geeigneten Organisationsform
3 - Klassenorganisationen und Klassenkampf
4 - Sozialpartnerschaft und politische Integration
Quellen und Literatur