Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

2 - Forschung

Bei der Aufgabe, volkskulturelle Handlungsnormen zu erfassen, verwendet die Brauchforschung diverse Verfahren. Ein solches besteht z.B. darin, typ. Brauchelemente zu bestimmen. Darunter figurieren Feuer und Licht (Jahresfeuer, Herdfeuer, Kerzen), Wasser und Erde (Wasserguss, Bäder, Taufe, Heimaterde), Lärm und Musik (Charivari, Schiessen, Läuten der Glocken, Krach, Lieder, Instrumentalmusik), Raum, Zeit und Zahl (Brauchorte, Jahres- und Lebenszyklen). Brauchelemente werden, je nach Konzeption, einem "Alphabet" universaler Gestaltungsformen zugeordnet oder in sozio-hist. Kontexten gedeutet.

Unter den typ. Brauchformen interessieren stilisierte Abläufe und Bewegungen (Umzüge, Tanz, Berühren, Schlagen), Wettkampf und Schauspiel (Kräftemessen, theatral. Inszenierung, Spiele), Mimik und Maskierung, Heischen und Bescheren, Essen und Trinken (Ess- und Trinksitten). Auch der Umgang mit allerlei Brauchrequisiten, Kultgeräten, Farben und sinnlich ansprechenden Symbolen (Fahnen, Bilder, Kleider, Masken, Wagen, Tragaltäre, Rechtszeichen) prägt das häufig dramaturgisch inszenierte Geschehen, etwa bei Festumzügen. Eine weitere Analyse zielt auf Gestaltungsprinzipien, um diese als Sinn gebende Modi einer "Sprache der B." auszulegen bzw. einer "Grammatik der B." zuzuordnen. Das archaische Prinzip, das Prinzip der Wiederholung und das Prinzip der Stilisierung (Ästhetik, Zeremonialisierung) dienen dieser Betrachtung. Sie lassen sich erweitern um das Prinzip der Auflockerung (Innovationen), der Parodie und Verulkung (spasshafte Interaktionen, "verkehrte Welt"), schliesslich um jenes der Technisierung und Kommerzialisierung (Werbung, Medien, Tourismus).

Die ältere Forschung wandte sich vorzugsweise den Erscheinungsformen von B.n zu. Sie verortete sie zumeist als Übergangsriten, für die Arnold Van Gennep 1909 ein viel beachtetes Klassifikationsschema entwickelt hatte. Er fasste traditionell geprägtes Leben als eine Folge von Übergängen von einem Zustand in den anderen auf (räumlich, zeitlich, sozial), wobei alle wichtigen Ereignisse im Jahreslauf wie im Lebenslauf symbolisch markiert werden. B. übernehmen hier eine zentrale Identifikations- und Orientierungsfunktion, indem sie den Einzelnen wie die Gruppe (oder ganze Gemeinschaften) durchs Leben "begleiten" bzw. durch standardisierte Handlungsmuster kulturell entlasten. Solche Übergänge verlaufen nicht brüsk, sondern in bestimmten Phasen.

Zahlreiche Einzelabhandlungen und Monografien werden unter den Titeln "Jahreslauf" und "Lebenslauf" zusammengefasst. Einen Überblick legte Eduard Hoffmann-Krayer 1913 vor. Damit erfuhr die Schweizer Brauchlandschaft nicht nur eine umfassende Dokumentation, sondern erstmals auch eine Systematik. Sie ermöglichte die einfache Zuordnung von B.n in Lebenslauf und Lebenszyklus (Geburt, Taufe, Kommunion, Konfirmation, Verlobung, Hochzeit, Tod und Bestattung), von nicht-kalendar. Festen und B.n (in Lokalgesellschaften und Rechtspraxis, im Berufs- und Vereinsleben, bei Gedenkfeiern) sowie von kalendarisch fixierten Volksbräuchen im Jahreslauf.

Über Beschreibung und Dokumentation hinaus kommt die Brauchforschung dort, wo sie funktional verfährt. Hier werden B. über theoret. Konzepte angegangen, nach Zeichenhaftigkeit, sozialer Bedeutung und Prozesshaftigkeit befragt. Ausgangspunkt sind nicht mehr die Brauchstoffe und -elemente, sondern die Brauchträger/-innen in konkreter Handlungsgestaltung und -ausübung. Sie stammen aus ländl. Lebenswelten und Regionen, gehören städt.-bürgerl. Schichten an oder vertreten geschlechts-, alters- und interessenspezif. Gruppen, in Vergangenheit oder Gegenwart. Kollektive Äusserungen wie Repräsentation von Identität, Regelung von Interaktionen, Herstellen sozialer Balance, Kontrolle und Stabilisierung von Hierarchien, Kanalisierung von Protesten und Forderungen werden funktional ebenso wichtig wie die Überschreitung bestehender Normen. Es resultieren daraus sog. Ventilsitten (Essen, Trinken und Sexualität) oder die Übertretung von Gesetzen, z.B. bei der Ausübung von "Volksjustiz". Wie umfassend die Modellierung durch alltäglich und festlich erhöhte B. und Feiern ist, lässt sich an überlieferten Strukturen ebenso ablesen wie an neueren Entwicklungen. Geburt, Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeit oder Tod waren als curriculare Ereignisse in familiäre und dörfl. Lebensgemeinschaften weitaus stärker eingebunden als heute. Der B. prägende Einfluss der Kirche war erheblich, ungeachtet der Unterstellung von Geburt, Eheschliessung (Ehe) und Bestattung unter staatl. Aufsicht nach Zivilrecht.

Autorin/Autor: Ueli Gyr