Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

4 - Bedeutungswandel der Bräuche

Die Ausformung von B.n prägt nicht allein die Festkultur, sondern auch Ausschnitte von Alltagsleben und Berufswelt. Die bäuerliche und alpine Brauchkultur hat seit dem 2. Weltkrieg viel an Vitalität verloren, was mit dem sozialen Wandel und dem strukturellen Rückgang des Bauernstandes zusammenhängt. Traditionelle Brauchgestaltung rund um Dienstbotentermine und Viehmärkte, aber auch symbol. Akte bei Hausbau (Aufrichte) und bei einzelnen Handwerkszweigen (Zünfte) verlieren sich zunehmend, Neues kommt aber dazu. Im Gegensatz zum durch die Industrialisierung veränderten "Volksleben" ist der Brauchaspekt in der modernen Arbeitswelt wenig erforscht. B. haben sich aber ebenfalls in Unternehmens- und Bürokultur herausgebildet, auch sie mit rituell wiederkehrenden Elementen (Betriebsausflüge, Betriebsfeste, Weihnachtsessen, Geburtstage, Beförderung, Jubiläen, Pensionierung usw.).

Bestrebungen, alte B. durch gezielte Pflege vor dem Untergang zu retten, setzten im ausgehenden 18. Jh. ein. Die Alphirtenfeste in Unspunnen (1805, 1808) mit Steinstossen, Schwingen, Alphorn und Jodel belegen eine solche frühtourist. Folklorisierung exemplarisch (Tourismus). Brauchpflege wurde später von organisierten Vereinigungen betrieben, so vom Schweizer Heimatschutz, der sich von 1906 an auch für Trachtenerhaltung und Brauchbelebung einsetzte. Eine solche strahlte auch von der Geistigen Landesverteidigung vor dem 2. Weltkrieg aus, während sich das als Abteilung des Schweiz. Bauernverbandes 1930 gegr. Schweizer Heimatwerk der Verbreitung regionaler Gebrauchs- und Brauchkunst annahm.

Die Brauchgeschichte verweist vielerorts auf Phasen von Verrohung und Auswüchsen. Nicht wenige B. wurden durch Verbote bekämpft oder stillgelegt, um später in "domestizierter" Form wieder aufzutauchen. Folklore im Sinne des Folklorismus -- unter diesem Begriff werden die neu belebten bzw. ausserhalb früherer Sinnzusammenhänge funktionierenden, publikumswirksamen Unterhaltungsbräuche zusammengefasst -- dient vielen Funktionen. Dabei erweisen sich Folklorisierung und Modernisierung, wechselseitig aufeinander bezogen, als aufschlussreiche Prozesse. Sie eröffnen therapeutisch-symbolbesetzte Fluchtwege in eine neu aufbereitete Vergangenheit und bilden gleichzeitig Elemente moderner Lebensstile.

Starke Gestaltungsimpulse und Verbreitungshilfe empfingen die "neuen" B. in den letzten Jahrzehnten durch Tourismus, Massenmedien und Werbung, letztere oft mit Folklore spielend. Sie belegen, dass B. wandelbar sind und ihr Wesen mithilfe der Kriterien "echt" und "ursprünglich" nicht adäquat erschliessbar ist. Viele B. haben überhaupt nur dank künstl. Revitalisierung überlebt. Einzelne Lokalanlässe entwickelten sich auf diese Weise zu Grossveranstaltungen, z.B. das Pferderennen in Saignelégier, die Winzerfeste in Vevey (Fête des Vignerons), Neuenburg und im Tessin, das Klausjagen in Küssnacht (SZ), die Räbechilbi in Richterswil und der Zibelemärit in Bern.

Während sich brauchgeprägtes Handeln an den wichtigen Wendepunkten und Übergängen im Lebenslauf und in der Arbeitswelt in der Tendenz eher individualisiert und privatisiert, nimmt die Bedeutung von Jahresbräuchen (besonders Festbräuchen) im öffentl. Gesellschaftsleben zu. Die Verwaltung und Nutzung von B.n liegt heute zunehmend in der Hand von Vereinen, Medien, Tourismusorganisationen, Museen, Schulen, öffentl. Transportunternehmen (SBB, Schiffsbetriebe) sowie weiteren daran interessierten Kreisen (Gastronomie, Souvenirmarkt, Ethnodesign, Kunsthandwerk und polit. Parteien). Für einzelne B. der Gegenwart typisch scheint die Verjüngung der Trägergruppen: Die Brauchausübung erfolgt in einer Art "Miniausgabe" auch durch Kinder (Kinderumzüge, Schnabel-Geissen in Ottenbach, Maibär in Bad Ragaz, Silvesterkläuse in Urnäsch).

Die für die Erforschung von B.n zuständige Wissenschaft, die Volkskunde, sieht ihre Aufgabe u.a. darin, traditionelle und moderne Formen und Funktionen gleicherweise zu erfassen und jeweilige Bedeutungen kontextual zu bestimmen. Besonders interessant wird dabei das komplexe Zusammenspiel von Archaik und Moderne, wo sich neue Formen mit alten Substanzen vermischen und innovatorisch wirken. Für viele Festbräuche existiert ein spezifisch helvet. Brauchfundament mit eigenen Merkmalen: Alpenmythos (Hirtenvolk), demokrat. Tradition und Wehrhaftigkeit liefern Strukturpläne, die einen Grossteil der schweiz. Volksbräuche durchdringen.

Autorin/Autor: Ueli Gyr