Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

08/03/2010

Konservatismus



K. oder auch Konservativismus, abgeleitet von lat. conservare, ist ein Sammelbegriff für geistige und polit. Bewegungen, welche die Bewahrung bestehender oder die Wiederherstellung früherer gesellschaftl. Ordnungen zum Ziel haben, wobei diese auf eine natürliche oder transzendentale Begründung zurückgeführt werden. Der Konservative steht sozialen Veränderungen und abstrakten Theoremen eher skeptisch gegenüber.

Ausgehend vom Widerstand gegen Aufklärung und Französische Revolution verstand sich der schweiz. K. anfänglich als Gegenbewegung zu Liberalismus und Radikalismus und nahm in den Einigungs-, Verfassungs- und Kirchenkonflikten der 1830er und 40er Jahre ideologische und organisatorische Gestalt an. In dieser Zeit fand der Begriff konservativ auch als Bezeichnung für parteiähnl. Vereinigungen Eingang in die polit. Sprache der Schweiz. In der Bundesversammlung gab sich die kath. Rechte 1882 offiziell den Namen Katholisch-Konservative (KK); die Bezeichnung konservativ verschwand erst 1971 mit der Umbenennung in Christlichdemokratische Volkspartei (CVP).

Im Unterschied zu Liberalismus und Sozialismus stellt der polit. K. mehr eine Haltung in einer spezifischen hist. Situation denn eine geschlossene polit. Philosophie dar. Betrachtet man die Auseinandersetzungen um die Moderne als zentral, bietet der K. für jene Teile der Gesellschaft eine Ideologie, die von der Modernisierung zurückgesetzt oder übergangen wurden. Sein Verhältnis zur modernen Welt blieb ambivalent. Um die Moderne zu bekämpfen, bediente sich der K. auch moderner Instrumente wie der Vereine, Parteien und Medien.

Im Verlaufe des 19. und 20. Jh. drehte sich die konservative Gesellschaftskritik häufig um Themen wie die Funktion von Religion und Kirche in der Gesellschaft, um Familie, Schule und Erziehung und um die Identität von Nation und Volk. Jahrzehntelang bildete der Föderalismus einen Schlüsselbegriff im polit. Programm des schweiz. K.; er drückte das konservative Misstrauen vor der Macht des Bundesstaates aus. Sozialpolitisch vertrat der kath. K. ab dem späten 19. Jh. das Programm eines dritten Wegs zwischen dem "individualistischen" Liberalismus und dem "kollektivistischen" Sozialismus, das bis zum 2. Weltkrieg ständestaatl.-korporativist. Elemente enthielt (Korporativismus). Soziologisch gesehen hatte der K. bei Wahlen und Abstimmungen bis nach dem 2. Weltkrieg seine Hauptstützen in Kleinstädten und ländl. Gebieten. Rückhalt boten christlich geprägte Volkskreise. Sieht man von städt. Patriziern ab, waren es v.a. die ländl.-kleinstädt. Oberschichten beider Konfessionen, Bauernführer, Pfarrer, Rechtsanwälte und Journalisten, die den Kern der konservativen Eliten stellten. Die Instrumentalisierung der direktdemokrat. Referenden verlieh der konservativen Opposition gegen die "polit. Klasse" zeitweise populist. Züge.

Es ist grundsätzlich zu unterscheiden zwischen utopisch-restaurativen und realistisch-evolutionären Konservativen. Erstere orientierten sich an der Utopie der vorrevolutionären ständ. Gesellschaft. Die gemässigten Konservativen hingegen nahmen liberale Grundsätze auf und forderten wirtschaftl., soziale und bildungspolit. Reformen. Betrachtet man den K. in erster Linie als Reaktion gegen die Moderne, kann man in der Schweiz seit etwa 1800 fünf Perioden unterscheiden: erstens die Periode des antirevolutionären K. (1798-1830), zweitens des restaurativen K. (1830er und 40er Jahre), drittens des klassischen K. (1848-91), viertens des bürgerlichen. K. (1891-1960) und schliesslich fünftens des Nationalkonservatismus (seit Mitte der 1960er Jahre).

Autorin/Autor: Urs Altermatt

1 - Der antirevolutionäre Konservatismus (1798-1830)
2 - Der restaurative Konservatismus (1830-1848)
3 - Der klassische Konservatismus (1848-1891)
4 - Bürgerlicher Konservatismus (1891-1960)
5 - Nationalkonservatismus (seit Mitte der 1960er Jahre)
Quellen und Literatur