An der Wende zum 20. Jh. gewannen S. eine neue Dynamik. Dies hing mit der Bevölkerungsumschichtung durch die rapide Urbanisierung, mit der Agrarkrise und den ländl. Protesten (Bauernbünde der 1890er Jahre), dem zunehmend organisierten Aufbruch der kath. Minderheit und der sozialist. Bewegung zusammen. Die heftigste Form von S.n im liberal-bürgerl. Verfassungsstaat stellten die industriellen Konflikte dar (Arbeiterbewegung, Streiks), die erst Ende der 1940er Jahre erfolgreich eingedämmt werden konnten. Die integrierende Kraft demokrat. Prozesse erwies sich in diesem Fall als begrenzt wirksam, da es nicht um Fragen der polit. Partizipation, sondern um die Arbeitsverhältnisse lohnabhängiger Schichten ging. Die Arbeitskonflikte steigerten sich über den zeitlich und örtlich begrenzten Gegensatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Einzelbetrieb zu heftigen, auch politisch ausgetragenen Konflikten, die als Generalstreik ganze Gemeinden lahm legten und häufig zum Einsatz von Polizei und Militär führten. Als tief greifende Klassenkonflikte erfuhren sie ihren Höhepunkt vor und nach dem Landesstreik vom November 1918. Längerfristig trugen S. zur Integration der Arbeiter in den Bundesstaat bei, die ihrerseits in kollektivem Arbeitsrecht und polit. Partizipation (Vernehmlassung, Konkordanz) ihren institutionalisierten Ausdruck fand.
Weit weniger zügig verlief die polit. Integration der weibl. Bevölkerung, was mit deren geringem Organisationsgrad zusammenhängen dürfte. Die Auseinandersetzung um die Stellung der Frauen blieb lange Zeit meist latent oder wurde innerfamiliär ausgetragen. Ab 1900 trugen die Frauen ihre Forderungen in organisierten Gruppen vor, vermochten jedoch keine dem Klassenkonflikt vergleichbare Breitenwirkung zu entfalten (Frauenbewegung).
Letzteres zeigt, dass S. erst dann öffentl. Wirkung zeigen, wenn Wünsche und Forderungen sich in organisierter Form manifestieren. Nicht jedes Anliegen erweist sich in gleicher Weise als organisierbar, so dass S. latent bleiben können bzw. individuell verarbeitet werden müssen. Kriminalität, innerfamiliäre Gewalt und andere soziale Probleme können damit zusammenhängen. Wo hingegen der Konflikt aufbricht, kann er zum Motor des sozialen Wandels werden. Manches weist darauf hin, dass die Entwicklung in diesem Fall über ungeregelte Formen des Protests zur Regelung, Verrechtlichung und sozialer Integration führt und damit andere Verhältnisse schafft. Es handelt sich dabei um einen Prozess, in dem Integration und Befriedung nie von unbegrenzter Dauer sein können.
Im Lauf der 1960er Jahre kam es wieder zu heftigeren S.n. Das Abklingen des Klassenkonflikts liess ältere, lange überlagerte Gegensätze zwischen Einheimischen und Fremden wieder hervortreten (Fremdenfeindlichkeit). Der bis dahin wenig virulente Jura-Konflikt gewann erst mit der Ethnisierung in den 1960er Jahren seine polarisierende Dynamik (Berner Jura). Die fremdenfeindl. Bewegungen der 1960er und 70er Jahre, die seither sporadisch aufflackern, entzündeten sich u.a. am ethnisch-kulturellen Gegensatz zwischen Eingesessenen und Zuwanderern. Ebenfalls um kulturelle Fragen ging es in der Etablierung neuer Muster von Massenkonsum und populärer Freizeit, die immer wieder Forderungen nach erzieherischer Intervention auslösten, während auf der Gegenseite das (v.a. jugendliche) Begehren nach eigenen Freiräumen stand (Jugendbewegungen).
Die Welle der S. in den späten 1960er und den 70er Jahren wurde von der Soziologie unter dem Titel "Neue soziale Bewegungen" erfasst. Diese ähnelten sich trotz hoher Diversität der Beteiligten und der Ziele (Jugendbewegungen, Ökologische Bewegung, Antimilitarismus, Pazifismus, Frauenbewegung) in ihrem öffentlichkeitswirksamen Auftritt. Nach einer Phase provozierend unkonventioneller Aktivität passten sich diese Bewegungen vielfach in das polit. Spiel der Kräfte ein, machten von den Instrumenten der direkten Demokratie Gebrauch und hielten ihre Anliegen auf diese Weise im Gespräch. Die Konfliktfreudigkeit ist im letzten Viertel des 20. Jh. gestiegen. Hoch ist jedoch nach wie vor der Anteil der latenten Konflikte. Die weltweit in den Spitzenrängen liegenden schweiz. Werte für Suchtanfälligkeit (Drogen) und Selbstmord verweisen auf Konflikte, die durch rigide innere und äussere Kontrollen zurückgedrängt werden.
Autorin/Autor: Mario König