Obwohl A. im FrühMA bis in hohe Lagen verbreitet war -- im südl. und inneren Alpenraum z.T. bis auf 2000 m --, darf die Bedeutung dieses extensiv betriebenen, auf die Sicherung der Subsistenz ausgerichteten Wirtschaftszweigs im Vergleich zur Viehwirtschaft nicht überschätzt werden. Bedeutung gewann der A. v.a. vom 11. Jh. an, als im Zuge der Bevölkerungsentwicklung im Mittelland in grossem Umfang neue Anbauflächen erschlossen (Landesausbau) und der Ertragsfaktor durch technolog. Verbesserungen (z.B. Einführung des Beetpfluges) oder den Einsatz ertragreicherer Bodennutzungssysteme wie der Dreizelgenbrachwirtschaft (Zelgensysteme) anstelle der bis dahin verbreiteten einfachen Feldgraswirtschaft gesteigert wurde.
Als Wintergetreide überwog im niederschlagsreichen deutschschweiz. Mittelland der Dinkel, in der etwas trockeneren Westschweiz der Weizen. Roggen wurde in allen Gebieten zuweilen dem Dinkel bzw. Weizen beigemischt (sog. Mischkorn) und überwog in höheren milden und niederschlagsarmen Landschaften (Wallis, Mittelbünden). Als Sommergetreide waren Hafer in tieferen Lagen, Gerste aufgrund ihrer kurzen Reifezeit in höheren Gebieten verbreitet. Im alpinen Raum wurde A. vorwiegend gartenbaumässig in Sonderfluren in einer drei- oder zweijährigen Fruchtfolge (Dinkel-Hafer/Gerste-Brache bzw. Hafer/Gerste-Brache) betrieben, mehrheitl. in Wechselwirtschaft, im Wallis, Tessin und in Südbünden auch im Dauerfeldbau, d.h. der Nutzung immer derselben Parzellen (Roggen-Gerste) bei intensiver Düngung. Kollektiv geregelte Fruchtfolgen (z.T. im Unterengadin) waren die Ausnahme.
Entscheidend für die weitere Entwicklung waren die vom 13. Jh. an wichtiger werdenden städt. Märkte sowie die vom SpätMA an zunehmende Ausrichtung des Voralpen- und Alpenraums auf die Vieh- und Milchwirtschaft, wodurch sich der A. im Mittelland von einem subsistenz- zu einem marktorientierten Wirtschaftszweig wandelte (Agrarmarkt). Auf die Bedürfnisse städt. Bürger ausgerichtet waren auch die in unmittelbarer Umgebung spätma. Städte angelegten intensiven Sonderkulturgürtel, in denen Wein, Gemüse, Obst, Textil- und Färbepflanzen usw. produziert wurden. Im ausgehenden SpätMA und dann v.a. in der frühen Neuzeit wurden insbes. in Krisenjahren oft die kollektiv genutzte Allmend oder brachliegende Felder unter den Pflug genommen und beispielsweise mit Hafer, Gerste oder Ackerbohnen bebaut.
Autorin/Autor: Martin Leonhard