16.12.1908 Interlaken,
26.11.2004 , konfessionslos, von Gränichen. Sohn des Robert, Gerichtspräsidenten in Meiringen. ∞ Ruth Rudolf, Fürsprecherin, Tochter des Alfred Rudolf. Nach dem Gymnasium in Burgdorf absolvierte S. ein Rechtsstudium an der Univ. Bern. Im Besitz des Fürsprecherpatents wurde er 1934 Kammerschreiber am Berner Obergericht, dann Adjunkt beim Bern. Handels- und Industrieverein, 1938 Beamter des damaligen Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Biga, heute seco). Er war massgeblich am Aufbau der Kriegswirtschaft beteiligt, zu deren Chef ihn der Bundesrat im Mai 1941 ernannte. 1946 trat S. in die Handelsabteilung des Volkswirtschaftsdepartements über und wurde schon nach wenigen Monaten zum Delegierten für Handelsverträge (zuständig für Westeuropa und die USA) befördert, ab 1952 mit Ministertitel. Zwei Jahre später wählte ihn der Bundesrat zum Direktor der Handelsabteilung. Als die grosse europ. Freihandelszone am Nein Charles de Gaulles scheiterte, Europa die Spaltung und der Schweiz die handelspolit. Diskriminierung drohte, lud S. seine Kollegen aus den Nicht-EWG-Staaten zu einer Besprechung nach Genf ein: Mit dieser sog. Beamtenverschwörung legte er den Grundstein für die kleine Freihandelszone (Efta), zu deren massgeblichsten Initianten er von da an zählte. In der Bunderatswahl 1959 unterlag der freisinnige S. als wilder Kandidat nur knapp dem Sozialdemokraten Hans Peter Tschudi (Zauberformel). Im Juni 1961 wurde S. dann als offizieller Kandidat der FDP im ersten Wahlgang mit 175 Stimmen zum Nachfolger von Max Petitpierre gewählt. Er war der erste und bisher einzige Spitzenbeamte der Zentralverwaltung, der Bundesrat wurde. Zu den wichtigsten Erfolgen seiner Regierungszeit gehören der dritte Landwirtschaftsbericht, die Bundesbeschlüsse zur Konjunkturdämpfung und v.a. die schweiz. Politik in der Efta. S. verhalf dem wirtschaftspolit. Konzept einer weltweiten Interdependenz mit westeurop. Schwergewicht in der Praxis zum Durchbruch. Er festigte die Efta, normalisierte die Wirtschaftbeziehungen zu den osteurop. Staatshandelsländern und baute die Kontakte der Schweiz zur sog. Dritten Welt aus. Unter seiner Ägide wurde die Schweiz Mitglied des Gatt. 1969 trat er aus Gesundheitsgründen aus der Landesregierung zurück. Später übernahm er Verwaltungsratsmandate der Sandoz AG (als Vizepräsident), der Alusuisse, der Textilmaschinenfabrik Rieter AG und der Kabelwerke Cossonay. Von der OECD wurde er in eine Eminent Persons Group berufen, die den Auftrag hatte, eine neue Handelspolitik zu definieren. Der UNO diente er als Mitglied einer Expertengruppe, welche die Rolle der internat. Konzerne und deren Auswirkungen auf den Süden zu untersuchen hatte. Ende der 1970er Jahre verzichtete S. auf weitere Funktionen und Ämter.
Literatur
-Altermatt, Bundesräte, 506-511
Autorin/Autor: Konrad Stamm