Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

5.3 - Gesellschaft

Im 1. Drittel des 19. Jh. besetzten wie im Ancien Régime Mitglieder der Geschlechter Blumer, Heer, Schindler, Tschudi und Zwicky praktisch alle wichtigen öffentl. Ämter. Nicht mehr dabei waren die Marti und Streiff sowie nur noch am Rande die Zweifel. Der Eindruck einer weitgehenden Kontinuität bei den führenden Gruppen täuscht allerdings, denn zum Teil waren es neue Zweige der alten Geschlechter, welche zu den regierenden Fam. vorstiessen. Grundlage der polit. Aktivitäten waren nun zum grösseren Teil Vermögen, welche durch erfolgreiche Handelstätigkeit erworben worden waren. Grosskaufleute verdrängten in zunehmendem Masse die Grossgrundbesitzer und Soldunternehmer aus den Spitzenpositionen der Gesellschaft.

Wirte, Müller, Bäcker, kleine Händler und Verleger vertraten eine gesellschaftl. Mittelposition. Darunter gab es die grosse Mehrheit der armen Bevölkerung. Rund die Hälfte stützte die Existenz auf einen kleinen Bauernbetrieb. Ein weiteres Drittel lebte mehr schlecht als recht von der Heimweberei. Krieg und Teuerung hatten eine so grosse Not gebracht, dass zwischen 1800 und 1820 gut ein Fünftel der Bevölkerung auf Almosen angewiesen war. Die einzige rechtlich ausgegrenzte Bevölkerungsgruppe bestand aus den meist armen Bei- und Hintersässen. Ohne Ortsbürgerrecht hatten diese in der Gem. nicht nur kein Stimmrecht, sondern waren auch von der Nutzung der Tagwensgüter ausgeschlossen. Zudem hatten sie ein jährl. Sitzgeld zu bezahlen. Im Unterschied zu den landesfremden Hintersässen konnten die Beisässen als Glarner Bürger auf der kant. Ebene mitentscheiden. Die Ausgrenzung war v.a. für die bäuerl. Bevölkerung spürbar. Mit deren Rückgang verlor die Benachteiligung an Schärfe.

Der Aufschwung der Textilindustrie nach 1820 liess zwei neue Gesellschaftsgruppen entstehen, die Fabrikunternehmer und die Fabrikarbeiter. Die Unternehmer fanden rasch ihren Platz bei den Grosskaufleuten und bekamen auch Zugang zu wichtigen polit. Ämtern. Die Arbeiter machten ab der 2. Hälfte des 19. Jh. mehr als die Hälfte der Beschäftigten aus. Die grosse Zahl gab ihnen Stimmkraft an der Landsgemeinde. Innerhalb der Arbeiterschaft bestand allerdings eine klare Abstufung mit entsprechenden Unterschieden beim Lohn. An der Spitze standen die Zeichner und Modelstecher, unmittelbar danach die Textildrucker. Es folgten die Weberinnen, die Spinnerinnen und schliesslich die Handlanger. Die Arbeitstage waren lang und hart. Die ganze Fam. musste in der Fabrik arbeiten, wenn die Existenz einigermassen gesichert sein sollte. Erwerbsausfall infolge Krankheit, Invalidität oder Altersschwäche war kaum gedeckt. In einer solchen Situation bewährte sich die Tradition, einen "Pflanzplätz" mit Gemüse und Kartoffeln anzubauen und ein paar Ziegen zu halten.

Ab dem letzten Viertel des 19. Jh. wurde das Bild vielseitiger und bunter, nicht zuletzt wegen der Einwanderung einiger Hundert ital. Arbeitskräfte für die Textilindustrie und das Baugewerbe. Diese brachten nicht nur eine andere Sprache und Mentalität mit, sondern verstärkten auch die Position der kath. Bevölkerung, die um 1850 noch einen Achtel der Bevölkerung ausgemacht hatte. Im Bereich von Handwerk und Gewerbe stammten die Einwanderer v.a. aus Deutschland und Österreich. Zur Zeit des 1. Weltkriegs lag der Ausländeranteil bei knapp 9% der Bevölkerung und blieb bis 1950 einigermassen stabil.

Zwischen 1950 und 1970 nahm die ausländ. Wohnbevölkerung auf 18% zu. Obwohl damals Überfremdungsängste auftauchten, blieb das Zusammenleben friedlich. Die seit den 1980er Jahren zugewanderten Personen stammen vorwiegend aus dem ehem. Jugoslawien (2'706 bzw. 34% der ausländ. Wohnbevölkerung im Jahre 2000) und der Türkei (913 bzw. 12%). Ihre Integration stellt für Gem. und Schulen eine anspruchsvolle Aufgabe dar.

Autorin/Autor: August Rohr