Der Übergang von der röm. Epoche mit ihrer galloröm. Bevölkerung zur alemannisch dominierten des FrühMA war offenbar mit wenigen Kämpfen verbunden. Eine Ausnahme war die Schlacht bei Wangen (610), deren Austragungsort neuerdings im Könizer Wangental vermutet wird. Die alemann. Landnahme von Süddeutschland her vollzog sich von der Mitte des 6. Jh. an in einem offenbar zumeist friedlichen, sich über Jahrzehnte hinziehenden Infiltrationsprozess. Im Lauf des 7. Jh. erschlossen sich alemann. Siedler die guten Lagen südöstlich des Aarelaufs und zogen vom Mittelland aareaufwärts bis in die Regionen von Thuner- und Brienzersee. Alle Gebiete westlich der Aare gehörten zum in Sprache und Glauben romanisierten Burgunderreich, das 534 endgültig in das merowing. Frankenreich eingegliedert wurde. Dieses dehnte gleichzeitig seinen Einfluss auf die östl. Schweiz aus. In karoling. Zeit wird die fränk. Grafschaftsverfassung in unserem Gebiet fassbar (Grafschaften Aargau 762/778, Oberaargau 861, Bargen 965). Der Teilungsvertrag von Verdun legte 843 die Grenze zwischen Mittel- und Ostreich an die Aare und teilte so den Aareraum herrschaftlich entzwei. Auf vereinzelte fränk. Kolonisten weisen eventuell Grabfunde und Ortsnamen auf -dorf oder -court (Court, Kaufdorf) für Siedlungen hin, die sich in der Nähe von spätröm. Strassenstationen (Petinesca) befanden.
An versch. Orten sind Siedlungskontinuität und Nachbarschaft zwischen galloröm. und alemann. Bevölkerungsgruppen nachzuweisen (z.B. Oberbipp, Mett, Meikirch). Gleichwohl kam es zu einschneidenden Änderungen. Früheres Wissen auf polit., techn. und kulturellem Gebiet ging verloren, und gravierend für die Kenntnis jener Zeit wirkte sich der Rückgang der Schriftlichkeit aus. Der alemann. Besiedlungsvorgang muss deshalb v.a. archäologisch und ortsnamenkundlich erschlossen werden: Die sich herausbildende Grenze zwischen rom. und alemann. Sprachraum verlief in etwa auf der Linie Freiburg-Murten und dem Jurasüdfuss entlang. Der Raum zwischen Aare und Saane war im 7. Jh. zur Kontaktzone zwischen Romanen und Alemannen geworden. Während das Romanische östlich der Aare und im Berner Oberland früh im Alemannischen aufgegangen war, bewahrte es sich im Aaretal selbst und westlich davon länger. Hier überdauerten auch mehr vordt. Ortsnamen (z.B. Wichtrach, Rüfenacht). Die Alemannen setzten sich vom Seeland aus aareaufwärts und vereinzelt im Simmen- und im Frutigtal zuerst in Lagen mit guten Ackerböden in Nachbarschaft zu bestehenden Siedlungen fest. Indiz dafür sind Felder von Ortsnamen auf -ingen, die in das 6.-7. Jh. deuten. In den später erschlossenen Regionen des Frienisbergplateaus und v.a. des Emmentals sind Orte mit -wil-Namen und andere in das 8.-10. Jh. weisende Namenbildungen besonders dicht vertreten. Zu den letzten Ausbaugebieten gehören die waldreichen Zonen am Napf, im Schwarzenburgerland und die höheren Lagen im Berner Oberland. Rodung und Besiedlung dürften noch vor der Jahrtausendwende auch die abgelegenen Täler des Oberemmentals erreicht haben. Ein Bild der Durchmischung ansässiger und zugezogener Volksteile bieten auch die Grabfunde im Raum Aaretal und Seeland. In den nun nach Osten ausgerichteten Gräbern sind burgundisch-romanische neben alemann. Trachtelementen überliefert (Köniz, Nieder- und Oberwangen). Im Lauf des 8. Jh. ging der Brauch der Grabbeigaben verloren, und die älteren Gräberfelder (z.B. Wahlern-Elisried) wurden durch Friedhöfe im Umfeld der neu gegr. Kirchen ersetzt.
In politischer, wirtschaftlicher, rechtlicher und kultureller Hinsicht erscheint der bern. Aareraum im FrühMA als Randgebiet und Durchgangsland. Münzprägungen, die Entwicklung alemann. Rechts, die frühe Christianisierung und die Anfänge der Kirchenorganisation erfolgten vorerst ausserhalb dieses Raums und fanden erst später Eingang. Die Bischofssitze Lausanne, Basel, Sitten, Chur und Konstanz lagen weitab; im Aareraum grenzten die Diözesen Lausanne, Konstanz und Basel aneinander. Der Christianisierungsprozess kam vermutlich vom elsäss. Raum und von Westen her in Gang. So gründete die Abtei Luxeuil (Vogesen) um 630 an der alten Transitroute durch die Pierre Pertuis das Kloster Moutier-Grandval, das spätestens im 9.-10. Jh. seinen Interessenbereich bis an den Bielersee und nach Balsthal ausweitete. Bereits um 600 als Zelle gegründet wurde das später ebenfalls von Luxeuil beeinflusste Benediktinerkloster Saint-Imier. Im Seeland und im Aareraum entstanden zur Merowingerzeit erste Holzkirchen, stets Vorgänger bestehender Kirchen und nur archäologisch belegt (Kirchlindach, Oberwil bei Büren, Bleienbach). Die Archäologie hat auch eine gewisse Kontinuität von der Antike zum MA aufgedeckt: Gegen 30 Kirchen im bernisch-solothurnischen Aareraum entstanden über Ruinen röm. Villen und nachfolgenden Gräberfeldern des 7. Jh. (u.a. Meikirch, Oberbipp), die Kirche Mett über einem im 5. Jh. zum Mausoleum umgebauten Grabbau des 4. Jh. Neben einem röm. Tempelbezirk wurde auf der St. Petersinsel um 700 eine Grablege mit sechs Sarkophagen angelegt, der im 8.-9. Jh. ein Klosterbau in Holz folgte.
Der Mangel an schriftl. Quellen wirkt sich auch auf unsere Kenntnis des tägl. Lebens aus: Anlage, Grösse und Organisation der frühma. Siedlungen, Wirtschaftsformen und ganz allgemein der Alltag der Bevölkerung und ihre soziale Struktur sind kaum bekannt. Zwar geben die Alemannenrechte viele Hinweise zu Normen der rechtsständ. Ordnung; konkrete Anhaltspunkte auf deren Wirkung im bern. Gebiet stehen aber aus. Immerhin bringen auch die unterschiedl. Bestattungsformen eine soziale Differenzierung zum Ausdruck: Gräber in dominierender Lage mit reichen Grabbeigaben (Reitergrab Spiez) deuten auf Angehörige der Oberschicht, ebenso die oft (aber selten mit Sicherheit) als Stiftergräber interpretierten Bestattungen in den Kirchen (u.a. Spiez, Einigen, Amsoldingen, Lyss, Biglen, Rohrbach, Oberbipp). Bereits in der Ausbauphase des 7.-8. Jh. bestand demnach eine Gruppe von Grundherren, die in der Lage waren, (Eigen-)Kirchen und deren Priester zu unterhalten. Von der übrigen Bevölkerung hoben sie sich durch befestigte Wohnsitze (Fronhöfe) ab. Viele namenlose und urkundlich nicht überlieferte "Erdwerke", früher oft als Flieh- und Erdburgen interpretiert, gelten heute als Reste früh- und hochma. Herrensitze mit Holzburgen. Hier dürften die Wurzeln mancher Adelsgeschlechter des Hoch- und SpätMA liegen.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler, Karl H. Flatt