Vom 16. bis 18. Jh. vollzog sich der Wandel vom Kontingentsheer, das im regionalen Denken verhaftet war, zur bern. Staatsmiliz. Begleitet war er von der Entwicklung vom ungegliederten Schlachthaufen mit Spiess und Halbarte zur kunstvollen Lineartaktik mit der Feuerwaffe, die ein Exerzieren auch in Friedenszeiten verlangte. Die Wahrung der Neutralität erforderte während der mehrjährigen Kriege zwischen den europ. Grossmächten statt mächtiger, kurzzeitiger Aufgebote einen langdauernden Bereitschaftsdienst, auch ausserhalb bern. Gebiets. Die Besoldung aus dem Reisgeld und die Gewohnheit, zum Auszug nur sesshafte "Hausväter" einzuteilen, eigneten sich dafür nicht. Zudem hatten die durch ein Teilaufgebot belasteten Landesteile auch noch die Kosten zu tragen, und die rasche Mobilmachung grösserer Truppenkörper verlangte regionale Rekrutierungen. Die grossen Auszüge aus ungleichen Kontingenten unter der beschränkten Befehlsgewalt des Berner Schultheissen versagten in den Kriegen des 16. Jh.
Nach einer längeren Reformphase war 1610 die Mannschaft des Auszugs in vier Freifähnchen zu 300 Mann sowie in zwei grossen Auszügen von 6'000 Mann organisiert. Jeder der 13 Rekrutierungsbezirke stellte ein Fähnchen von aus dem Reisgeld besoldeten "Hausvätern", zusammen 13'200 Mann. Die Truppenordnung von 1628-29 bildete aus dieser Zahl sechs regional rekrutierte Regimenter von "Hausvätern", zusammen 66 Kompanien zu 200 Mann; die Hälfte davon waren Musketiere. 1651 wurde die nicht im Auszug eingeteilte Mannschaft in 118 Mannschaftskompanien organisiert. Mit zunehmender Bevölkerungszahl wurden ab 1667 aus jungen, ledigen Männern weitere Regimenter aufgestellt, die bei Mobilmachung aus dem Stadtsäckel besoldet und aus Zeughäusern mit dem neuen Steinschlossgewehr ausgerüstet wurden. So bestand die bern. Infanterie 1721 aus sechs Auszugsregimentern (13'200 Mann), acht Füsilierregimentern (9'600 Mann), dem Sukkursregiment für Genf in der Waadt (1'014 Mann) sowie den 118 Mannschaftskompanien (21'000 Mann) der Territorialtruppe. Im 2. Villmergerkrieg waren alle Truppen des Auszugs aus der Staatskasse besoldet, uniformiert und mit dem Steinschlossgewehr ausgerüstet. Im Feld erhielt das Heer eine neue takt. Gliederung in Bataillone und Brigaden, was dem 1656 geschaffenen dreizehnköpfigen Kriegsrat (Vorsitzender, vier Kleinräte, acht Grossräte) erlaubte, tüchtige, aus fremden Diensten heimgekehrte Offiziere mit einem höheren Kommando zu betrauen. Die mühsam nach 1668 aufgrund der allg. Wehrpflicht aufgestellte Kavallerie blieb wenig tauglich.
Gegen Ende der Friedenszeit des 18. Jh., in welcher viel und umständlich experimentiert und reorganisiert wurde, präsentierte sich das bern. Heer folgendermassen: Das Staatsgebiet war in 21 Regimentskreise eingeteilt, von denen jeder zwei "ausgezogene" oder "Selectbataillone" (je ein Grenadier- und Musketierbataillon) zu 500 Mann stellte. Diese bildeten zusammen das "kleine Regiment". Der Auszug oder die "regulierte Miliz" bestand aus den 21 "kleinen Regimentern" (total 21'000 Mann), den selbstständigen Bataillonen von Büren an der Aare und Avenches (1'000 Mann), 14 Jäger- und acht Scharfschützenkompanien (2'434 Mann), vier Dragonerregimentern (ca. 1'000 Mann), 24 Artilleriekompanien (1'960 Mann), dem Ingenieurkorps und der Besatzung der Genfersee-Flottille - insgesamt rund 28'000 Mann. An Artilleriematerial lagen 1790 in den Zeughäusern und Schlössern des Landes 499 Geschütze versch. Alters und unterschiedl. Qualität. Einen besonderen Ruf genossen um die Mitte des 18. Jh. die Rohre der Fam. Maritz aus Burgdorf. Die Dragoner erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen nicht; das Artilleriepersonal dagegen galt als hervorragend. Bei drohender Gefahr konnten aus der übrigen Mannschaft der Regimentskreise noch je vier Füsilierbataillone (insgesamt 48'000-50'000 Mann) formiert werden, die aber nicht die Qualität der "Selectbataillone" erreichten. Die gesamte eingeschriebene, dienstpflichtige, bewaffnete und tageweise auf den Exerzierplätzen gedrillte Miliz umfasste Ende des 18. Jh. 78'000-80'000 Mann, was etwas weniger als einem Fünftel der Bevölkerung des Staats B. entsprach.
Autorin/Autor: Georges Grosjean