Typ. Merkmale der spätma. Frömmigkeit waren auch im Bernbiet v.a. das Ablasswesen, die Reliquienverehrung, Wallfahrten, Bruderschaften und Stiftungen. Erste Ablässe erhielten 1262 die Zisterzienserinnen von Fraubrunnen und 1265 die Deutschherren von Köniz für ihre Kirche in der Stadt B. Um 1479 erwarb der Berner Rat sog. Romfahrten (Plenarablässe) zur Finanzierung des Münsterbaus. Grössere Reliquiensammlungen befanden sich in der Stadt B., in Einigen, Burgdorf und Saanen. Beliebte bern. Wallfahrtsziele waren Oberbüren und Reutigen (Patronin: Maria), Einigen (Patron: Michael), Oberbalm (Sulpitius), Würzbrunnen (Stefan) sowie Beatenberg und die Beatushöhle am Thunersee. Stadt- und Landbewohner unternahmen Pilgerfahrten auch nach fernen Zielen wie Santiago de Compostela und Jerusalem. Religiöse Bruderschaften bestanden nicht nur in der Stadt B., sondern z.B. auch in Oberbüren (1482) und Huttwil (1487). Von frommen Stiftungen profitierten im SpätMA auch die Klöster: Das Frauenkloster Interlaken blühte v.a. im 14. und 15. Jh. 1393 stiftete Peter von Thorberg in seinem Stammsitz eine Kartause. In B. und Burgdorf entstanden in Anlehnung an Bettelordenskonvente versch. Beginenhäuser. Im 15. und frühen 16. Jh. kam es zu zahlreichen Neu- und Umbauten von Kirchen auf dem Land (z.B. Oberburg, Kirchberg, Hindelbank, Utzenstorf, Jegenstorf, Ligerz) und in den Städten (B., Biel, Burgdorf). Zeichen von Aberglauben zeigten sich im Engerlingsprozess (1478-79), im Jetzerhandel (1507-09) oder bei den ersten Hexenverfolgungen (Stadt B. Mitte des 15. Jh. und 1523, Schwarzenburg 1473, Wangen an der Aare und Aarwangen 1491).
Die vorreformatorische Kirchenkritik richtete sich v.a. gegen die Lebensführung einzelner Kleriker, gegen die Inkorporierung von Pfarrpfründen in Klostergüter und gegen die oft mangelhafte Wirtschaftsführung einzelner Konvente. Bereits vor der Reformation gab es Ansätze zu einem obrigkeitl. Kirchenregiment. So griff der Berner Rat z.B. 1474 mit der Bevogtung des Doppelklosters Interlaken in kirchl. Belange ein. 1484-86 hob er die Klöster bzw. Stifte Amsoldingen, Münchenwiler, St. Petersinsel, Rüeggisberg, Därstetten, Frauenkappelen und Interlaken (Frauenkloster) auf und übertrug deren Klostergüter dem 1484 gegr. Stadtberner Stift St. Vinzenz.
Grundlagen des kirchl. Lebens nach der Reformation waren die zehn Thesen der Berner Disputation von 1528 und der Berner Synodus (Kirchenordnung) von 1532. Nach der Auseinandersetzung mit luther. Strömungen (Sebastian Meyer, Simon Sulzer) und der Abgrenzung vom strengen Calvinismus kam es in der 2. Hälfte des 16. Jh. zur Konsolidierung der Berner Kirche (1566 2. Helvet. Bekenntnis, 1587 Prädikantenordnung, 1618 Dordrechter Synode). Die Leitung der bern. Kirche lag zunehmend in der Hand des hauptstädt. Kirchenkonvents. Die Kapitelsversammlungen der Landdekanate und die bern. Gesamtsynoden verloren vom 17. Jh. an ihre Bedeutung. Die allmähl. Verfestigung zur prot. Orthodoxie zeigt sich u.a. in der Einführung einer eigenen Bibelübersetzung (Piscator-Bibel 1684, 1748) und in der späten Übernahme des "katholischen" gregorian. Kalenders (1701). Mit grosser Opferbereitschaft wurden nach 1685 zahlreiche Hugenottenflüchtlinge aufgenommen. Das wichtigste Instrument zur allmähl. Durchsetzung der ref. Ethik im Alltag waren die Chorgerichte. Dennoch lebten Formen des Aberglaubens weiter, und der Hexenwahn erlebte 1581-1620 mit rund 970 Todesurteilen einen Höhepunkt. Die Hexenprozesse verschwanden erst in der 2. Hälfte des 17. Jh. Schwer lastete das Verhältnis zu den Täufern, die als strenge Biblizisten die Amtskirche und die staatl. Rechtsordnung ablehnten, auf der bern. Obrigkeit und Kirche. Ihre weiteste Verbreitung fanden die Täufer jeweils in der 2. Hälfte des 16. und 17. Jh. im Emmental, im bern. Aargau und im Oberland. Die Obrigkeit erliess von 1531 bis ins 18. Jh. zahlreiche Täufermandate, büsste Angehörige der Sekte, verbannte Rückfällige, steckte Täuferlehrer ins Zucht- und Arbeitshaus und verhängte nach Täuferunruhen in Eggiwil 1671 sogar Galeerenstrafen. Dank der Fürsprache niederländ. Mennoniten erhielten bern. Täufer 1711 die Erlaubnis zur Auswanderung, deren bevorzugte Ziele das Fürstbistum Basel, die Niederlande und Nordamerika wurden. Der bern. Rat, die Amtskirche und die eigens geschaffene Täuferkammer (1658-1743) reagierten auf die religiöse Herausforderung v.a. mit intensiverer Seelsorge, Förderung der Schule, Vermehrung der Pfarrstellen und Errichtung neuer Kirchgemeinden in den besonders betroffenen Gebieten: Im Bernbiet wurden 1660-1730 ca. 70 neue Kirchen gebaut. Auch den Pietismus, dessen Exponenten Samuel König (1671-1750) und Samuel Lutz (1674-1750) waren, lehnten Obrigkeit und Konvent anfänglich scharf ab (Pietistenprozess 1698-99, Assoziationseid 1699). In der 1. Hälfte des 18. Jh. beruhigte sich die Situation aber allmählich.
Vor der Reformation besassen im Bernbiet nur einzelne Klöster, Stifte (Interlaken, Amsoldingen) und Kommunen ständige Schulen. Die Lateinschulen von B., Burgdorf und Thun waren städt. Institutionen, ihre Rektoren oft zugleich als Schreiber tätig. Elementare Lese- und Schreibfertigkeiten vermittelten in Stadt und Land herumziehende Lehrmeister und "Lehrgotten". Mit der Reformation erhielt der höhere Unterricht eine einheitl. Ordnung: 1528 errichtete der Rat im ehemaligen Berner Barfüsserkloster zur Aus- und Weiterbildung ref. Theologen eine Hohe Schule, 1537 eine entsprechende Anstalt in Lausanne. Die bern. Hohe Schule wandelte sich im 17. und 18. Jh. dank neuer Lehrstühle zur allg. Akademie (1805): Zu Theologie und Alten Sprachen kamen 1680 bzw. 1718 Rechtswissenschaften, 1684 Eloquenz, 1709 Geschichte, 1736 bzw. 1749 Mathematik und 1664 eine Anatomieschule im Inselspital. Auf die Hohe Schule hatten Lateinschulen vorzubereiten, wie sie in den Städten B., Biel, Burgdorf, Thun, Aarau, Brugg und Zofingen bestanden. Die Lateinschulen und die Hohen Schulen standen v.a. Burgerssöhnen der Stadt B. und der Munizipalstädte offen. Unbemittelten ermöglichten die 1529 errichtete Mushafenstiftung und versch. Legate das Studium. Auch nach der Reformation besuchten zahlreiche Berner ausländ. Universitäten und Akademien, v.a. in ref. Ländern (Theologie), aber auch z.B. die Pariser Sorbonne oder die Universitäten in Bologna und Padua, oft versehen mit Stipendien des Rats. Mit der Reformation wuchs das Interesse von Rat und Kirche an der Volksschulung: 1533-36 wurde im ganzen Bernbiet eine Kinderlehre für Sechs- bis Vierzehnjährige eingeführt. 1596 wandelte der Rat die bisher private Deutsche Schule in B. zur städt. Institution um. 1606, 1616 und v.a. mit der Landschulordnung von 1628 verpflichtete die Regierung alle bern. Kirchgemeinden, Schulen zu errichten. Die Schulaufsicht übergab sie den Pfarrern. Vom 18. Jh. an waren elementare Lesefertigkeiten auch auf dem Lande weitgehend eine Selbstverständlichkeit.
Bereits in vorreformatorischer Zeit lässt sich im Bernbiet literar. Schaffen auch ausserhalb der Städte nachweisen: Als Minnesänger sind Heinrich von Strättligen (Mitte 13. Jh.) und Johannes von Ringgenberg (1. Hälfte 14. Jh.) belegt. Aus Spiez stammt die Handschrift einer Marienklage, und in Einigen schrieb Elogius Kiburger seine Strättliger Chronik (Mitte 15. Jh.). Neben dem Berner Predigerkloster war im 15. Jh. die Kartause Thorberg unter Prior Marcellus Geist ein Zentrum wiss. Schaffens. Im Umkreis der ref. Hohen Schule entstanden v.a. theol. Werke (u.a. Johann Heinrich Hummel), im 18. Jh. aber auch hist., jurist. und mathemat. Arbeiten (Johann Georg Tralles). Fasnachts- und Schulspiele wurden vom 15. Jh. an auch ausserhalb der Stadt B. aufgeführt, z.B. 1540 und 1550 in Burgdorf, 1549 in Signau, 1552 in Herzogenbuchsee, 1553 in Langenthal, 1554 im Obersimmental und 1568 in Nidau. Weite Verbreitung fanden die Stücke von Jakob Fünklin aus Biel. 1560 schrieb Konrad Boll ein Loblied auf seine Vaterstadt Büren an der Aare. Der Bauer Jodokus Jost von Brechershäusern (1589-1657) zeichnete seine Beobachtungen zum Zeitgeschehen auf, und 1669 verfasste Albrecht Herport seinen Bericht über eine Ostasienreise. Das erste gedruckte Buch im Bernbiet entstand 1475 in Burgdorf. Die 1537 von Matthias Apiarius in der Stadt B. eröffnete Offizin bestand bis um 1565. Dem danach herrschenden Mangel begegnete der Rat, indem er 1589 eine obrigkeitl. Druckerei einrichtete, die bis 1831 in Betrieb blieb. Öffentl. Bibliotheken entstanden im 18. Jh. auch ausserhalb der Hauptstadt (Burgdorf 1729, Biel 1765, Thun 1785).
In der Berner Kirche wurde um die Mitte des 16. Jh. der Gemeindegesang eingeführt (u.a. Werke von Claude Goudimel 1588, neues Gesangbuch 1606), zu dessen Unterstützung Zinken und Posaunen mitwirkten. Die stadtbern. Musikordnung von 1663 regte auch andernorts die Bildung von Collegia musica an (Thun 1668, Burgdorf 1701, Langenthal 1765). Im 18. Jh. wurden die Kirchen versch. Landstädte mit Orgeln ausgestattet (Burgdorf 1703, Thun 1765, Biel 1783).
Auch in B. erfolgte die Auseinandersetzung mit der Aufklärung v.a. innerhalb der gebildeten Oberschicht. Als kurzlebige Publikationen erschienen ab 1721 das "Freytagsblättlein" und ab 1739 der "Brachmann" von Johann Georg Altmann. Wichtiger waren das Wirken einzelner Patrizier wie Albrecht von Haller, Beat Ludwig von Muralt, Johann Rudolf Sinner von Ballaigues, Niklaus Emanuel von Tscharner oder Karl Viktor von Bonstetten, die sich mit der Reform von Schule und Landwirtschaft befassten. Unter den zahlreichen Klubs und Sozietäten wurden v.a. die 1759 gegründete bern. Ökonom. Gesellschaft und die 1761-79 im damals bern. Schinznach tagende Helvet. Gesellschaft bedeutsam.
Autorin/Autor: Urs Martin Zahnd