Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

1.1 - Ur- und Frühgeschichte

Wie die ganze Schweiz unterlag das Gebiet des Kt. G. in der Urgeschichte den Einflüssen der Vergletscherung, die während des grössten Teils des Jungpaläolithikums eine menschl. Siedlungstätigkeit verunmöglichten und auch so gut wie alle älteren Zeugnisse menschl. Aktivität ausgelöscht haben dürften. Die 1833 gemachten Funde aus dem Magdalénien in dem heute in franz. Gebiet liegenden Veyrier (Etrembières) stellen die ältesten Zeugnisse für die Anwesenheit von Jägern in der Region Genf dar. Die Fundorte liegen auf einem breiten Felsrücken, der inzwischen durch die Steinbrüche am Fuss des Salève weitgehend zerstört worden ist. Das Gebiet war mit Felsbrocken übersät, die sich bei Bergstürzen gelöst hatten. Diese Blöcke boten günstige Unterstände für die ersten Temporärsiedlungen von Rentierjägern, die sich hier um 13000 v.Chr. niederliessen. Die Veyrier-Gruppe aus dem späten Magdalénien ist berühmt wegen ihrer Speerspitzen aus Rentierknochen, ihrer Tierdarstellungen und ihrer Steinwerkzeuge.

Für die folgenden Jahrtausende fehlen archäolog. Funde im Kanton. Erst mit der Besiedlung von Saint-Gervais (Gem. G.) um 4000 v.Chr. erscheinen die ersten archäolog. Spuren einer Gemeinschaft von Ackerbauern und Viehzüchtern, die wohl Kontakte mit ihren südl. Nachbarn im Rhonetal pflegten.

Ab Beginn des 4. Jt. v.Chr. geben die zahlreichen nachgewiesenen Seeuferdörfer eine klare Vorstellung von der Besiedlung der Uferregion, während bis heute keine Überreste von Siedlungen oder Begräbnisstätten im Landesinneren gefunden werden konnten. In Corsier förderten archäolog. Untersuchungen in einem dem mittleren Neolithikum zugeschriebenen Dorf eine gut erhaltene archäolog. Schicht zu Tage, welche dendrochronologisch auf 3856 v.Chr. datiert ist. Die Auswertung der Funde ergibt das Bild einer Siedlung von Ackerbauern, die Weizen, Gerste und Hirse anbauten, Rindvieh, Schweine, Schafe und Ziegen züchteten sowie der Jagd, dem Fischfang und dem Sammeln von Pflanzen nachgingen - die Lebensweise der Bewohner von Corsier dürfte demnach der in der mittleren Cortaillod-Kultur gepflegten weitgehend entsprochen haben.

Das jüngere Neolithikum lässt sich schwerer erfassen, da diese Periode hauptsächlich durch Funde von aus Silex oder Grüngestein (Serpentinit) gefertigten Gegenständen bezeugt wird. Solche Werkzeuge wurden in mehreren Seeufersiedlungen gefunden, so etwa in Anières, wo man u.a. auf mehrere aus dem frühen 3. Jt. v.Chr. datierende Pfähle stiess. Die kulturellen Einflüsse gingen damals eher vom franz. Jura, dem Isèretal und dem unteren Rhonetal aus.

Auf Siedlungen oder andere menschl. Aktivitäten während der Frühbronzezeit weisen Funde an versch. Orten hin, die allerdings bis heute noch nicht genauer datiert sind. Eine nochmalige Blüte erlebt die Seeufersiedlung während der Spätbronzezeit; dieser Siedlungstypus erreicht zwischen dem 11. und dem 9. Jh. seine weiteste Verbreitung, wobei viele der damals angelegten Uferdörfer an Stellen entstanden, die schon früher besiedelt und dann später verlassen worden waren. Von der Bevölkerungsdichte während der Spätbronzezeit zeugt die Fülle des archäolog. Materials, das im 19. Jh. gefunden wurde und heute in Museen aufbewahrt wird. Ein aus der gleichen Zeit stammendes, weiter landeinwärts stehendes Gebäude im Parc de La Grange (Gem. G.) belegt, dass damals neben den unmittelbaren Uferzonen auch Gebiete im Landesinneren besiedelt wurde. Die Seeufersiedlungen wurden im 9. Jh. endgültig aufgegeben; als jüngste gilt heute jene von Collonge-Bellerive, deren Bauholz (Pfosten usw.) von um 880 v.Chr. geschlagenen Bäumen stammt.

Ausserhalb des heutigen Stadtgebiets, auf dem sich das Oppidum Genua befand, sind die frühgeschichtl. Spuren spärlich. Nur die Entdeckung einer auf 800-600 v.Chr. datierten Schanze in Verbindung mit einem Grabhügel deutet auf die Existenz eines in den Wäldern von Versoix angelegten Refugiums hin. Auch die im Dorfzentrum von Vandœuvres gefundene Herdstelle, die auf 550-400 v.Chr. datiert wird, zeugt von der Anwesenheit des Menschen. Ferner sind einige Grabbeigaben aus der frühen und mittleren Latènezeit in Corsier, Meyrin oder Chêne-Bourg zu erwähnen, welche die kelt. Kultur repräsentieren. Aus dieser gingen die Stämme der Helvetier und Allobroger hervor, die das Genfer Gebiet bewohnten, als dieses dem Römischen Reich angegliedert wurde.

Autorin/Autor: Jean Terrier / GL