Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

3 - Archäologie und Sprachwissenschaft

Die ethn. Deutung frühma. Funde ist umstritten. Das in dem von A. polit. beherrschten Raum gefundene Material kann nicht ohne weiteres als "alemann." betrachtet werden. Zu rechnen ist mit vielfältigen Einflüssen. Die sprachl. Zeugnisse alemann. Siedlung links des Rheins sind häufig spät überliefert und lassen sich meist nur in einen groben zeitl. Rahmen einordnen. Archäologie und Sprachwiss. lassen immerhin die germ. bzw. alemann. Siedlungsbewegung in den Interferenzzonen am Hochrhein, am Bodensee und im Bodenseerheintal erkennen.

Germ./alemann. Einsprengsel hat es als isolierte Erscheinungen links des Rheins vom 4./5. Jh. an gegeben, z.B. in Windisch-Oberburg oder im rom. Gräberfeld von Kaiseraugst. Gegenüber den röm. Kastellen bezeugen "alemann." Gräberfelder des 5. Jh. eine Phase friedl. Kontaktes, so die Gräberfelder von Basel-Kleinhüningen und -Gotterbarmweg gegenüber dem castrum Basel, Herten (D) gegenüber von Kaiseraugst, Kadelburg/Rheinheim (D) gegenüber von Zurzach und Stein am Rhein gegenüber von Eschenz. Zu Beginn des 6. Jh., nach Chlodwigs Sieg über die A., scheinen grosse Teile der alemann. Oberschicht abgewandert zu sein, wohl nach Rätien, ins ostgot. Italien oder nach Burgund. Links des Hochrheins lassen sich als germ. erkennbare Gruppen erst vom 2. Drittel des 6. Jh. an archäolog. nachweisen, d.h. erst nachdem das Reich der Burgunder und die ostgot. Alemannia 532/534 bzw. 536/537 an das Frankenreich gefallen waren. Dieser erste germ. Zuzug im linksrhein. Gebiet scheint fränk. gewesen zu sein. Die entsprechenden Gräber in Basel-Bernerring, Zürich-Bäckerstrasse, Bülach und Elgg werden fränk. Amtsträgern zugeschrieben, die sich zur polit. Sicherung des Raums jeweils in der Nähe von spätröm. Siedlungskernen niedergelassen hätten. Die fränk. Orientierung blieb in der Nordostschweiz offenbar bis ins frühe 7. Jh. dominant. Erst vom 2. Viertel des 7. Jh. an werden die Einflüsse aus dem rechtsrhein. alemann. Kernland stärker. Die globale Zunahme von Fundstellen bezeugt einen Siedlungsausbau im 7. Jh., der nicht nur auf Bevölkerungswachstum, sondern auch auf Zuwanderung von A. aus dem rechtsrhein. Raum, aus den Gebieten am Hochrhein und am Bodensee zurückgeht. Auch das Bodenseerheintal zeigt einen gestaffelten Prozess germ. Ansiedlungen.

Die Sprachwiss. und die Archäologie stimmen darin überein, eine alemann. Siedlungsbewegung grösseren Ausmasses relativ spät anzusetzen, jedenfalls erst im polit. Rahmen des merowing. Frankenreichs. Die Ortsnamen bestätigen diese Datierung: Innerhalb der alemann.-dt. Siedlungsnamen ist eine ältere Namenschicht (Formen: -ingen-, -heim- und -dorf) von den Namen eines ersten frühma. Ausbauraums (Haupttyp: -inghofen bzw. -ighofen, ikofen sowie -ikon) und denjenigen eines zweiten Ausbauraums (Formen: -wil und -wiler) zu unterscheiden. Aus der Übernahme und Lautverschiebung vordt. Namen, der zeitl. und räuml. Verteilung der genannten alemann.-dt. Leitnamen, ferner aus der Verbreitung der für die alemann.-rom. Berührungszonen typ. Walen-Namen entlang der dt.-franz. Sprachgrenze sowie in der Nordost- und der Zentralschweiz kann die alemann. Siedlungsbewegung bis zum 7./8. Jh. bestimmt werden. Innerhalb dieses Siedlungsraums finden sich Orte und Zonen, in denen das Romanische noch lange weiterlebte; Sprachgrenzstücke entstanden im 7./8. Jh. erst in den Haupttälern. Die dt.-rom. Sprachgrenze der Schweiz steht also in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der frühma. alemann. Siedlungsbewegung, sondern ist das Ergebnis einer noch Jahrhunderte währenden siedlungsmässigen und sprachl. Entwicklung (Deutsch). Im Bereich der frühen alemann. Besiedlung konzentrieren sich auch die althochdt. Landschaftsnamen der Schweiz, die mit vordt. Ortsnamen gebildeten Namen der älteren Schicht (wie Augst-, Basel-, Zürich- und Arbongau) ebenso wie die nach Flüssen benannten Namen der etwas jüngeren Schicht (z.B. Aar-, Sarne-, Thur- und Rheingau).

Über die Bevölkerungszahl und -dichte in der alemann. Schweiz lässt sich nichts Sicheres aussagen. Die frühma. Funde und die Ortsnamen der frühen Ausbauphasen lassen indessen auf eine Bevölkerungszunahme schliessen und stellenweise auf eine Besiedlung, die über schon in röm. Zeit erschlossene Gebiete hinausging. Siedlungsfunde erweisen Gehöfte und Weiler als hauptsächl. Siedlungstypen. Soweit nicht röm. Gebäude übernommen und weiterbenutzt wurden, haben die A. vornehml. Holzbauten errichtet und zwar Langhäuser, Grubenhäuser und Speicher. Die Hofanlagen waren umsäumt und umfassten laut der Lex Alamannorum neben dem Hauptgebäude mit heizbarem Raum und Saal auch Speicher, Scheune, Bad- und Backstube, Kochhaus, Schaf- und Schweineställe, zuweilen gar eine wassergetriebene Getreidemühle.