Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

1 - Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte

Während das Unteremmental geografisch zum Mittelland gehört und Altsiedelland ist (Siedlungsspuren seit der Hallstattzeit, urkundl. Belege seit dem 9. Jh.), bildet das eigentl. E. einen Teil des Napfberglandes und zählt zum Kolonialland der Alemannen. Älteste Siedlungszeugen sind die ca. 60 bekannten Erdwerke, Reste ständig bewohnter Wehranlagen des 10.-12. Jh. Die Besiedlung des waldreichen Hügellandes dürfte im 9. und 10. Jh. (Orte im Bigental 894 erw.) begonnen und nach 1000 auch die abgelegenen Täler des Oberemmentals (Klosterstiftungen Trub vor 1130, Röthenbach vor 1148, Rüegsau 1. Hälfte des 12. Jh.) erreicht haben. Die Siedlungsstruktur des Unteremmentals (Dörfer, Weiler) unterscheidet sich von jener im Tal oberhalb Burgdorfs, die durch Taldörfer, Weiler und die typ. Einzelhöfe auf den Talterrassen und Eggen geprägt ist. Fast alle Kirchen in den Taldörfern werden bis 1275 erwähnt; die Stadtgründungen Burgdorfs und Huttwils erfolgten vor 1175 bzw. 1313. Auch die Einzelhofbesiedlung der höheren Lagen war wohl zu diesem Zeitpunkt weitgehend beendet. Unter dem Bevölkerungsdruck des 16. Jh. fand ein Ausbau im bisher kaum besiedelten Gebiete statt: Im Schwemmland der Talflüsse entstanden Schachensiedlungen; die Hochwälder des Berglandes wurden gerodet, um dort Alpwirtschaft zu betreiben. Markt- und Gewerbezentren waren Burgdorf und Langnau, wobei die Stadt Burgdorf nach einer Blüte im SpätMA zusehends unter der Krise der Stadtwirtschaft sowie im 17. und 18. Jh. an der Verarmung der Handwerkerschaft litt, welche der aufkommenden (Proto-)Industrie feindlich gesinnt war. Vom 16. Jh. an verlagerte sich das wirtschaftl. Schwergewicht in die Landwirtschaftszone: Die Grosshöfe fanden für ihre Produkte Abnehmer im neu entstandenen ländl. Handwerk, dessen Stümper auch in der Landwirtschaft im Taglohn arbeiteten. Im 17. und 18. Jh. waren das E. und sein Gewerbezentrum Langnau für ihren Wohlstand berühmt, der auf dem Export von Leinwandprodukten (Gespinst, Tuche), Käse, Holz und Pferden beruhte; das Gebiet war damals vermutlich der wirtschaftlich am weitesten entwickelte Landesteil Berns. Erst nachdem in der 1. Hälfte des 19. Jh. das Leinwandgewerbe infolge der Konkurrenz der Fabrikkantone untergegangen und die Alpkäserei wegen der neuen Talkäserei zusammengebrochen war, wurde - nicht zuletzt durch Jeremias Gotthelfs Werk - die Armennot des E.s sprichwörtlich. Die Erschliessung durch die in den Talsohlen angelegten Kunststrassen (1832-60), der Anschluss an die Bahnlinien Olten-Bern, Bern-Luzern, Solothurn-Langnau (1857-81) und die Erstellung neuer Bahnlinien im Inneren (1881-1915) brachten ab der Jahrhundertwende nach und nach eine wirtschaftl. Erholung. Gewerbe und Industrie siedelten sich nun in den verkehrsgünstig gelegenen Tal- und Schachendörfern wie Zollbrück, Trubschachen und Rüegsauschachen an, die im 20. Jh. die Hofgebiete wirtschaftlich überflügelten. Dies führte seit den 1880er Jahren zu einer demograf., ökonom. und finanziellen Gewichtsverlagerung vom Hofgebiet auf die Taldörfer.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler