de fr it

Dietikon

Politische Gemeinde des Kantons Zürich, Hauptort des Bezirks Dietikon, ursprünglich Bauerndorf, heute zur Agglomeration Zürich gehörender Industriestandort, 11 km unterhalb Zürichs an Limmat und Reppisch gelegen. Um 1100 Dietinchovin. 1779 686 Einwohner; 1836 1025; 1850 1291; 1900 2613; 1910 4493; 1950 7132; 1960 14'920; 1970 22'705; 1990 21'152; 2000 21'353.

Dietikon von Osten, Anfang 19. Jahrhundert. Lavierte Federzeichnung mit Sepia von Jakob Kuhn (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
Dietikon von Osten, Anfang 19. Jahrhundert. Lavierte Federzeichnung mit Sepia von Jakob Kuhn (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). […]

Siedlungsspuren und Gräberfelder, vornehmlich der späten Bronze- und Latènezeit, finden sich vor allem im Nordwesten. Statt des vermuteten Vicus wurde 1984-1990 im Zentrum ein bedeutender römischer Gutshof ausgegraben. An dieser Stelle wurden auch eine alemannische Siedlung und hochmittelalterliche Grubenhäuser entdeckt. Graf Kuno von Achalm-Wülflingen vergabte um 1090 ein Viertel des Dorfes, der Kirche und der Limmatfischerei an das von ihm gegründete Kloster Zwiefalten (Württemberg). Dieses verkaufte den Besitz nach langem Streit mit seinen Vögten, den Bayernherzögen Welf IV. und V., an die Gemahlin Ottos II. von Habsburg. Die damalige Zugehörigkeit der restlichen drei Viertel ist ungewiss. Im 13. Jahrhundert verfügte Habsburg jedoch über reichen Grundbesitz in Dietikon, über Patronat und Vogtei der Kirche sowie über das niedere und das hohe Gericht, welches aus dem Erbe der Grafen von Lenzburg stammte. Der spätere König Rudolf und seine Vettern von Habsburg-Laufenburg veräusserten 1259 die Hauptmasse ihres Besitzes mit Twing und Bann sowie Vogtei an das Kloster Wettingen. 1310 schenkte Graf Rudolf von Habsburg-Laufenburg Kirchenpatronat und Kirchenvogtei mit den abhängigen Kapellen Urdorf und Spreitenbach dem Kloster. 1367 erwarb das Kloster von den Herren von Schönenwerd, habsburgische Ministerialen auf der gleichnamigen Burg oberhalb Dietikons, Twing und Bann sowie Vogtei über das südlich anschliessende Dietikon-Oberdorf. Der Grundbesitz der Grafen von Habsburg und der Herren von Schönenwerd ging durch Kauf und Schenkung grösstenteils an die Klöster Wettingen und Oetenbach. Weiteres Gut kam von Zürcher Bürgern an dieselben und an die Zürcher Klöster Selnau, St. Verena, an Gross- und Fraumünster. 1652 erwarb Wettingen den grössten Teil der Oetenbacher Grundzinsen. Die Grundherrschaft und Gerichtsbarkeit Wettingens über Dietikon bestanden bis 1798 (Offnung um 1370 aufgezeichnet), die Hochgerichtsbarkeit ging 1415 bei der Eroberung des Aargaus von Habsburg an die Eidgenossen über. Bis 1798 gehörte Dietikon nun zur Grafschaft Baden, dann kam es an den kurzlebigen Kanton Baden, 1803 an den Kanton Zürich. Bis 1816 gehörte es zum Bezirk Horgen, danach zum Bezirk Zürich. 1989 wurde Dietikon zum Hauptort des neu gegründeten gleichnamigen Bezirks.

Bereits Ende des 11. Jahrhunderts besass Dietikon eine dem heiligen Ulrich, später der heiligen Agatha geweihte Pfarrkirche. Nach dem Erwerb des Patronats erwirkte Wettingen ihre Inkorporation in das Kloster und besetzte die Pfarrstelle mit Klostergeistlichen. Der reformierte Pfarrer, von Wettingen eingesetzt und besoldet, sass seit 1627 im reformierten Urdorf. Bis 1861 wurden die zur ehemaligen Grosspfarrei Dietikon gehörenden Gemeinden Killwangen, Urdorf, Spreitenbach und Rudolfstetten eigenständige Pfarreien. Dietikon wies eine starke reformierte Minderheit auf. Die Kirche wurde bis zum Neubau zweier getrennter Gotteshäuser 1926 von beiden Konfessionen benützt. Bis 1963 war Dietikon eine der vier öffentlich-rechtlich anerkannten katholischen Kirchgemeinden im Kanton Zürich. 1972 wurden Geroldswil-Oetwil und das Neubauquartier Schönenwerd mit der 1967 erbauten Kirche St. Josef zu selbstständigen, zur Kirchgemeinde Dietikon gehörenden Pfarreien. 2003 beschlossen die Kirchgemeinden Dietikon und Schlieren angesichts des Priestermangels die Bildung eines gemeinsamen Seelsorgeraums. Die Gemeinde zählte 2000 42% Katholiken und 26% Reformierte.

Das Limmattal bei Dietikon, um 1850. Atlas der Schweiz, Blatt 22, Massstab 1:25'000 (Bundesamt für Landestopografie).
Das Limmattal bei Dietikon, um 1850. Atlas der Schweiz, Blatt 22, Massstab 1:25'000 (Bundesamt für Landestopografie).
Das Limmattal bei Dietikon, um 2000. Landeskarte, Massstab 1:25'000 (Bundesamt für Landestopografie, BA035760).
Das Limmattal bei Dietikon, um 2000. Landeskarte, Massstab 1:25'000 (Bundesamt für Landestopografie, BA035760).

Bereits 1259 wurden eine Taverne, Mühlen und Schmiede in Dietikon erwähnt. Die seit dem Mittelalter bekannten zwei Mühlen an der Reppisch waren Ausgangspunkte späterer Gewerbe- und Fabrikbetriebe. Bei der Obermühle bestand seit 1719 eine Gerberei, seit 1797 eine Gipsmühle und 1895-1962 ein Marmor- und Granitwerk (Marmori). Aus der bei der Untermühle betriebenen Färberei Rotfarb gingen nach 1900 die Reppischwerke AG, eine Metallgiesserei und Maschinenfabrik, hervor. Dietikons verkehrsgünstige Lage an der überregional bedeutenden Strasse Zürich-Baden-Basel sowie seine seit 1847 bestehende Anbindung an die Spanischbrötli-Bahn (Zürich-Baden) förderten ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Ansiedlung von Firmen der Textil-, Nahrungsmittel- und Baubranche. Durch den Bau der ersten Limmatbrücke (1897), durch die Bremgarten-Dietikon-Bahn (ab 1902), die Limmattal-Strassenbahn (1900-1930) und den Anschluss an das laufend ausgebaute regionale Busnetz wurde Dietikon mit seinen Nachbargemeinden verbunden. Um 1920 war aus dem landwirtschaftlich-kleingewerblich geprägten Dietikon ein Industrieort geworden. Einer Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung seit dem Ersten Weltkrieg folgte ab 1945 der zweite Wachstumsschub. Die ursprünglich entlang der Reppisch und im Zentrum konzentrierte Industrie verlagerte sich mit der Erschliessung des Gebiets Lerzen-Silbern, vorher im Besitz der Bürgergemeinde, nach 1950 in den Nordwesten der Gemeinde. Das Branchenspektrum mit den Schwerpunkten Bauwirtschaft, Metall- und Maschinenindustrie, Nahrungs- und Genussmittel, Textil- und grafisches Gewerbe blieb bei überwiegend kleineren und mittleren Betrieben breit gestreut. 1971 erhielt Dietikon einen Anschluss an das Nationalstrassennetz. Ab 1980 kam die Umgestaltung des Zentrums in eine moderne Geschäftszone in Gang. Seither überwiegt der Dienstleistungssektor.

Der seit 1626 bestehende Schulunterricht wurde 1637-1900 nach Konfessionen getrennt erteilt. Seit 1870 gibt es eine Sekundarschule, seit 1899 eine Fortbildungsschule für Lehrlinge, Vorgängerin der Berufsschule Amt und Limmattal, und seit 1968 eine heilpädagogische Schule. 1958 ersetzte Dietikon infolge der stürmischen Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung als erste Landgemeinde im Kanton Zürich die Gemeindeversammlung durch ein kommunales Parlament. 1969 erklärte es sich in einer Volksabstimmung zur Stadt. 2003 wurden die Zivilstandsämter aller elf Bezirksgemeinden in Dietikon zentralisiert.

Quellen und Literatur

  • Njbl. von Dietikon, 1948-
  • L. Wiederkehr, Dietikon im Wandel der Zeit, 1972
  • Die Zwiefalter Chroniken Ortliebs und Berchtolds, hg. von L. Wallach et al., 21978
  • Archiv des hochlobl. Gottshauses Wettingen, Faksimile-Nachdr. 1992
  • Dietikon: Stadtluft und Dorfgeist, 2003
Von der Redaktion ergänzt
  • Grunder, Karl: Der Bezirk Dietikon, 1997, S. 98-143 (Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, 9).
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Fortuna, Ursula: "Dietikon", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 29.12.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000161/2011-12-29/, konsultiert am 29.11.2021.