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BischofszellGemeinde

Politische Gemeinde des Kantons Thurgau, Hauptort des Bezirks Bischofszell. Die Gemeinde liegt am Zusammenfluss von Sitter und Thur und umfasst die südlich der Sitter auf einer Terrasse gelegene Stadt Bischofszell, Bischofszell-Nord/Sittertal sowie, seit 1996, die ehemalige Ortsgemeinde Halden und Teile der ehemaligen Ortsgemeinden Schweizersholz und Gottshaus (Stocken). 1155 Bischoffescella. Die ehemalige bischöflich-konstanzische Stadt war wegen ihrer Lage an der Grenze zum Gebiet der Fürstabtei St. Gallen und ihrer Flussübergänge von Bedeutung. Seit dem 19. Jahrhundert hat sie als Bezirkshauptort und Industriestandort regionale Zentrumsfunktion, liegt aber abseits der grossen Verkehrswege. 1634 ca. 550 Einwohner; 1773 ca. 950; 1831 923; 1850 1303; 1880 2114; 1900 2618; 1910 3192; 1950 3567; 1980 3990; 1990 4563, 2000 5421 (inklusive Halden 269 und Schweizersholz 290 Einwohner).

Der Stadtbrand vom 17. Mai 1743. Radierung von David Herrliberger (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
Der Stadtbrand vom 17. Mai 1743. Radierung von David Herrliberger (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). […]

Ein bronzezeitlicher Tumulus, römische und alemannische Streufunde sowie frühmittelalterliche Urkunden zeugen von früher Besiedlung. Vermutlich gründete der Konstanzer Bischof Salomo I. im 9. Jahrhundert neben einem schon bestehenden Fronhof das (Chorherren-)Stift St. Pelagius. Fronhof, Stift, Kirche und Burg, der sogenannte Hof, wurden im Hochmittelalter durch Freihöfe abgerundet und ummauert. Um 1250 gewann Bischofszell als bischöflich-konstanzischer Vorposten gegenüber dem fürstäbtisch-sankt-gallischen Gebiet und als Marktort (1269 Bischofszeller Mass) an Bedeutung. 1273 eroberten die Herren von Montfort die Stadt und brannten sie nieder. Die östlich an den Hof anschliessende Marktsiedlung, Vorläufer der eigentlichen "Stadt", wurde im 13. Jahrhundert durch eine Ringmauer geschützt. In ihrem Zentrum steht heute das 1747-1750 von Johann Caspar Bagnato erbaute und 1977-1980 renovierte Rathaus. Dieses ersetzte den Bau von 1626-1629, der 1743 mit 70 weiteren Häusern einem Stadtbrand zum Opfer gefallen war. Als zweite Osterweiterung ist seit 1360 die Vorstadt belegt, in der die durch Lärm und Geruch belästigenden und die feuergefährlichen Gewerbe betrieben wurden. Um 1405 wurde sie aus militärischen Gründen abgerissen und erst 1437, nun ebenfalls ummauert, wieder aufgebaut. Sie fing bis ins 18. Jahrhundert das gesamte Bevölkerungswachstum auf; nur der Friedhof wurde 1544-1545 vor die Stadtmauern verlegt.

Die Stadt war vom Stift unabhängig und unterstand dem Fürstbischof von Konstanz. Der ab 1276 belegte bischöfliche Obervogt residierte in der Burg. Nach dem Stadtbrand 1419 wieder instandgestellt, wurde das nun Schloss genannte Gebäude im 17. und 18. Jahrhundert stark verändert. Der neu gegründete Kanton Thurgau übernahm dieses 1798, verkaufte es aber bereits 1811 wieder. Um 1838 stürzten die westlichen Teile ein, 1843 wurde der Bergfried abgebrochen. Seit 1930 ist das Schloss im Besitz der Gemeinde. Das Stadtsiegel von 1338 (behandschuhter Arm mit Bischofsstab) und das Stadtrecht von 1350 zeugen vom Beginn der städtischen Selbstverwaltung. Die Geldnot des Bischofs begünstigte die Autonomiebestrebungen der Bürgerschaft, die sich anlässlich der häufigen Stadtverpfändungen im 14. Jahrhundert verschiedene Rechte erkaufte. Der Obervogt war Vorsitzender des zwölfgliedrigen Stadtrats und bildete mit den beiden führenden Stadträten das Hochgericht, das 1485-1798 der Stadt gehörte. Hochgerichts- und Niedergerichtsbezirk waren nicht identisch: Das Stadtgericht übte die niedere Gerichtsbarkeit auch in der Umgebung aus, während nach der Eroberung des Thurgaus durch die Eidgenossen 1460 deren Landvogt in Teilen des städtischen Niedergerichts und im Gericht des 1369 von der Bürgerschaft gegründeten Heiliggeistspitals die Hochgerichtsbarkeit erlangte. Nach der Reformation avancierte Zürich zur Schutzmacht der evangelischen Bevölkerungsmehrheit und trat den Ansprüchen des Bischofs entgegen. Vielschichtige politische Koalitionen wurden nun für Bischofszell charakteristisch und führten unter anderem dazu, dass der Obervogt ab 1587 aus der Eidgenossenschaft stammte, auch wenn der Fürstbischof bis 1798 Stadtherr blieb.

Kirchlich gehörte Bischofszell ursprünglich zur Pfarrei Sulgen; Kollator war das St. Pelagiusstift. 1269 wurde Bischofszell zur selbstständigen Pfarrei. Die im 14. Jahrhundert neu erbaute St.-Pelagius-Kirche (älteste Fundamente 9. Jh.) war Stifts- und Pfarrkirche. Unter zürcherischem Einfluss trat Bischofszell 1529 mehrheitlich zur Reformation über, liess jedoch bereits 1535 die Wiedereinführung der Messe zu. 1536 bzw. 1563 wurde die Pfarrpfründe geteilt. Ab 1728 wurden alle städtischen Ämter paritätisch besetzt. Die beiden Kirchgemeinden umfassten Hauptwil, Gottshaus und Halden sowie Teile von Hohentannen und Schweizersholz. 1861 wurde Evangelisch-Hauptwil Filiale; seit 1908 bildet ein Teil von Gottshaus die katholische Pfarrei St. Pelagiberg. Die im Barock umgestaltete Kirche wurde bis zum Bau der evangelischen Johanniskirche 1968 simultan benutzt. Die Stiftsschule konnte ihr hohes Niveau nach der Reformation nicht halten. 1530 wurde die evangelische Schule eingerichtet. Die 1536 beschlossene katholische Stadtschule wurde erst 1660 eröffnet und vom Stift, seit dem späten 18. Jahrhundert verstärkt von der Stadt bestimmt. 1834 nahm die Sekundarschule den Unterricht auf, 1870 vereinigten sich die konfessionellen Schulgemeinden.

Perspektivische Ansicht von Bischofszell. Kopie von Ferdinand Corradi nach einer 1770 entstandenen Zeichnung, 1890 (Museum Bischofszell).
Perspektivische Ansicht von Bischofszell. Kopie von Ferdinand Corradi nach einer 1770 entstandenen Zeichnung, 1890 (Museum Bischofszell).

Die Holzbrücken über Thur (um 1300) und Sitter (ab 1428 belegt) wurden um 1500 durch steinerne ersetzt. Nicht zuletzt dank dieser Brücken, die bis 1796 zollfrei waren, wurde Bischofszell Umschlagplatz von Textilien und trat im 15./16. Jahrhundert recht erfolgreich in Konkurrenz zu St. Gallen und den Leinwandstädten des Bodenseeraums. Im 17. und 18. Jahrhundert erreichte der Fernhandel namentlich der Familien Rietmann, Bridler, Daller und Zwinger seine Blüte. Die lokale Textilproduktion war dagegen vermutlich von geringerer Bedeutung. Handwerk und Gewerbe schützten ihre Interessen mit restriktiven Erlassen (Gewerbeordnung 1699, keine Zünfte) und produzierten mit Ausnahme der Hafnerei nur für die nächste Umgebung, auf die sich auch der sonstige Marktbetrieb beschränkte.

Wie im Ancien Régime zählte Bischofszell auch nach dem Umbruch der Helvetik – das anfängliche Festhalten des Konstanzer Fürstbischofs an seinen Herrschaftsrechten verschärfte die Konflikte – zu den reichsten Gemeinden des Kantons Thurgau. 1812 wurden Bischofszell der Hof Engishalden und die Weiler Winklen, Moosburg, Muggensturm, Klausenhäusli, Katzensteig und Im Stich zugeteilt. 1834 trat zur seit 1799 bzw. 1803 bestehenden Munizipalgemeinde und zur alten Bürgergemeinde die Orts(einwohner)gemeinde. Da sich die Gebiete dieser drei Körperschaften deckten, wurden Orts- und Munizipalgemeinde 1870 vereinigt. Die als öffentlich-rechtliche Korporation fortbestehende Bürgergemeinde trat ihre Bauten (u.a. Rathaus, Sekundarschule) sowie rund ein Drittel ihres Vermögens für Ortszwecke und den Bau der Bahnlinie Sulgen-Bischofszell-Gossau ab. Deren Eröffnung 1876 dürfte neben der Wasserkraft für den industriellen Aufschwung entscheidend gewesen sein. Aus der 1856-1911 bestehenden Jacquardweberei Niederer ging die bis 1984 produzierende Papierfabrik Laager ("Papieri Bischofszell") hervor. Über 200 Fabrikarbeitsplätze boten um 1910 zwei Schifflistickereien. Erwähnenswert sind zudem die 1792 von Andreas Wehrli gegründete erste thurgauische Druckerei, die ab 1860 bzw. 1872 erscheinende "Bischofszeller Zeitung" und die 1870 gegründete Massschneiderei Munz. Bevorzugter Industriestandort war im 19. Jahrhundert das Umfeld der Brücken (Brüel, Bleiche). Im 20. Jahrhundert entstand das Industriegebiet Bischofszell-Nord/Sittertal mit der Mostereigenossenschaft Obi (1906) und der 1909 gegründeten Konservenfabrik Tobler, die seit 1945 der Migros gehört und in den 1990er Jahren mit ca. 700 Beschäftigten zur positiven Pendlerbilanz Bischofszells beitrug. Die Zuwanderung veränderte die konfessionellen (1870 61% reformierte Einwohner; 1910 55%; 1990 40%) und politischen Verhältnisse, sodass in den Proporzwahlen des 20. Jahrhunderts die CVP (bzw. ihre Vorgänger) und die FDP etwa gleich stark waren, gefolgt von der SP.

Die Hauswasserversorgung ab 1893, die eigene Gasproduktion von 1903/1908-1959, die 1908 aufgenommene Stromversorgung und die 1973 erbaute ARA verbesserten die städtische Infrastruktur. Die Stadt expandierte zuerst entlang der Geländeterrasse nach Osten. Mit der 1945-1946 erstellten Wohnsiedlung "Obi-Dörfli" sowie den Einfamilienhäusern am Lättehang und an den Strassen nach Sitterdorf und Sulgen entstanden nördlich der Sitter neue Wohngebiete. Nach einer Abwanderung in den 1970er Jahren verzeichnete Bischofszell in den Jahren um 1990 wieder ein deutliches Bevölkerungswachstum.

Quellen und Literatur

  • StATG, FirmenA der Massschneiderei Munz und der Papieri Bischofszell
  • T. Bridler, «Der Leinwandhandel, eine ehem. blühende Industrie in Bischofszell», in Thurgauer Jb. 6, 1930, 10-18
  • Kdm TG 3, 1962, 23-357
  • A. Knoepfli, Des Thurgaus erste Druckerei zu Bischofszell, 1792-1800, 1986
  • A. Hefti, Bischofszell in seinem Wandel von 1876 bis heute, Geogr. Inst. Univ. Zürich, Ms., 1992
  • A. Knoepfli, B. Sendner-Rieger, Bischofszell – Kunst, Kultur, Gesch., 31994
  • Episcopaliscella: vom Stift zur Stadt, 2000
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Spuhler, Gregor: "Bischofszell (Gemeinde)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 10.08.2004. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001865/2004-08-10/, konsultiert am 23.09.2021.