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Riva San Vitale

Politische Gemeinde des Kantons Tessin, Bezirk Mendrisio. Das Dorf liegt am südlichen Ende des Luganersees sowie am Fuss des Monte San Giorgio und umfasst den Ortsteil Poiana. 774 Primo Sobenno, 1115 Ripa Sancti Vitalis. 1591 500 Einwohner; 1643 517; 1719 600; 1769 636; 1801 611; 1850 851; 1900 1333; 1950 1166; 2000 2292.

Gemeinde

Von zahlreichen Funden, die eine kontinuierliche Besiedlung vermutlich seit dem Neolithikum bezeugen, sind vor allem diejenigen römischen Ursprungs von grosser Bedeutung. Auf einer Stele aus der Zeit vor dem 3. Jahrhundert n.Chr. werden die Bewohner des vicus von Riva San Vitale als subinates bezeichnet. 1115 besass die Benediktinerabtei Sant'Abbondio in Como Güter in Riva San Vitale. Während des zehnjährigen Kriegs zwischen Como und Mailand (1118-1127) bildete der Hafen von Riva San Vitale einen wichtigen Stützpunkt für die Comasker Schiffe. Im Spätmittelalter musste Riva San Vitale, das im Stadtrecht von Como von 1335 als burgus erwähnt ist, seine Vorrangstellung im Handelsverkehr an Capolago abtreten, genoss aber weiterhin verschiedene bis in die Frühneuzeit reichende Privilegien und Steuerbefreiung. Im 15. Jahrhundert war es für kurze Zeit Marktort.

Die 962-966 erstmals erwähnte Pfarrkirche San Vitale geht mit grosser Wahrscheinlichkeit auf den Beginn der Christianisierung im südlichen Alpenvorland zurück. Sie wurde 1756-1759 in spätbarockem Stil neu erstellt und 1993-1995 letztmals restauriert. Das auf den Grundmauern eines römischen Gebäudes errichtete Baptisterium San Giovanni stammt aus frühchristlicher Zeit (um 500), wurde 1919-1926 und 1953-1955 restauriert und ist das älteste vollständig erhaltene Gotteshaus der Schweiz. Die von der Familie Della Croce gestiftete Kirche Santa Croce wurde 1582-1591 erbaut; sie ist eine der bedeutendsten Sakralbauten der Spätrenaissance in der Schweiz.

Landwirtschaft, Fischerei und Ziegelherstellung waren früher die Haupterwerbsquellen. Ab 1869 war in Segoma eine Seidenzwirnerei in Betrieb, die 1889 rund 100 Arbeiter beschäftigte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte Riva San Vitale einen industriellen Aufschwung und entwickelte sich zur Wohngemeinde. 2000 waren ca. drei Viertel der Erwerbstätigen in Riva San Vitale Wegpendler, vor allem nach Lugano, Mendrisio und Chiasso. 2005 stellte der 2. Sektor 45% und der 3. Sektor 52% der Arbeitsplätze. Im Gebäude des ehemaligen Collegio Baragiola, das 1855-1925 als Sekundarschule genutzt wurde, befindet sich das 1926 eröffnete Istituto Canisio, eine Sonderschule für Behinderte.

Pieve

Wie das frühchristliche San Giovanni zeigt, war Riva San Vitale eines der ältesten kirchlichen Zentren der Diözese Como, zu der es bis 1884-1888 gehörte. Von hier aus verbreitete sich das Christentum im Tessin. Mit den Pieven Balerna und Uggiate (Como) bildete die Pieve Riva San Vitale im 12. Jahrhundert ein consortium (Gütergemeinschaft). Das Chorherrenstift ist ab 1190 bezeugt, Lafrancus de Mellano (1254) wird als erster Erzpriester genannt. Die Anzahl der residierenden und nicht residierenden Chorherren ist schwer zu bestimmen. 1190 und 1321 sind jeweils zwei erwähnt. 1786 löste Papst Pius VI. das Stift auf. Ursprünglich gehörten zur Pieve Riva San Vitale auch Rovio, Bissone, Meride, Tremona, Brusino Arsizio, Rancate, Arzo, Besazio, Melano, Arogno, Maroggia und Saltrio (Varese). Die Pieve Riva San Vitale bildete auch eine weltliche Verwaltungseinheit, zu der, im Gegensatz zur kirchlichen, nach 1416 auch Capolago, nicht aber Saltrio gehörte. 1170 war sie Teil der Grafschaft Seprio, im 13. Jahrhundert unterstand sie der Stadt Como. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts bildete sie mit den Pieven Agno, Balerna und Capriasca die Talschaft Lugano, die 1517 unter eidgenössischer Herrschaft zur Vogtei Lugano wurde. Die Pieve Riva San Vitale war sowohl am Generalkongress der Talschaft vertreten, welcher Befugnisse im Finanz- und Steuerbereich sowie in der Salzversorgung hatte, als auch in deren Verwaltungsorgan, dem Landschaftsrat. Nach dem gescheiterten Versuch vom 15. Februar 1798, die Vogtei Lugano der Cisalpinischen Republik anzuschliessen, schlossen sich alle Gemeinden der Pieve zur Republik Riva San Vitale zusammen, die aber nur vom 23. Februar-16. März 1798 bestand. 1803 wurde die Pieve Riva San Vitale dem Bezirk Lugano zugeschlagen und in die zwei Kreise Ceresio und Riva San Vitale unterteilt. 1814 wurde sie in den Bezirk Mendrisio eingegliedert.

Quellen und Literatur

  • HS II/1, 140-149
  • F. Macchi, Riva San Vitale, 1989
  • ISOS TI 1, 2002, 207-224
  • R. Cardani Vergani, L. Damiani Cabrini, Riva San Vitale: das Baptisterium San Giovanni und die Kirche Santa Croce, 2006
  • A. Moretti, Da feudo a baliaggio: la comunità delle pievi della Val Lugano nel XV e XVI secolo, 2006, v.a. 174-177
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Bianchi, Stefania: "Riva San Vitale", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 01.12.2010, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002242/2010-12-01/, konsultiert am 19.01.2022.