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Orsières

Politische Gemeinde des Kantons Wallis, Bezirk Entremont, an der Passstrasse des Grossen St. Bernhards am Fuss des Mont-Blanc-Massivs gelegen. Die Gemeinde an der Grenze zu Frankreich und Italien erstreckt sich über eine Fläche von 165 km2 und umfasst die zwei Täler Val Ferret und Vallée de Champex, den an der Drance d'Entremont gelegenen Marktflecken Orsières und zwölf Weiler, darunter Champex, Ferret, Issert, La Fouly und Praz-de-Fort. Orsières war während des Ancien Régime, wahrscheinlich bereits ab dem Mittelalter, unterteilt in Tiers de Ville, Tiers d'Issert und Tiers des Côtes. 972 Pons Ursarii. 1313 304 Steuerpflichtige; 1339 402; 1356 259; 1402 122; 1798 1784 Einwohner; 1850 2305; 1900 2215; 1950 2286; 2000 2630.

972 wurde Orsières erstmals erwähnt, als eine Truppe Sarazenen in der Nähe der Brücke von Orsières, die lange die einzige über die Drance war, den Abt von Cluny, Maiolus, gefangen nahm. 1052 übertrug Aymon, Bischof von Sitten, dem Domkapitel das Dorf Orsières mit den dazugehörigen Leibeigenen, das er von seinem Onkel, Graf Ulrich, geerbt hatte. Ab dem 12. Jahrhundert war Orsières vom Grafen von Savoyen abhängig, der 1189 den Wald von Ferret der Bruderschaft des Mont-Joux (Grosser St. Bernhard) schenkte. Ab dem 13. Jahrhundert ist eine Gerichtsversammlung belegt, an welcher Angelegenheiten des Gemeinwesens behandelt wurden. Ab 1352 wurde das Gemeinwesen von einem syndic (Bürgermeister) geführt und stand unter der Herrschaft eines Mistrals. 1376 erhielt Orsières von Amadeus VI. einen Freiheitsbrief. Vom Mittelalter bis 1798 war Orsières Teil der Kastlanei Sembrancher, die ihrerseits nach dem Sieg des Oberwallis über Savoyen ab 1475 zur Landvogtei Saint-Maurice gehörte. 1800 marschierte die Italienarmee durch Orsières. Unter der Herrschaft der Franzosen (1810-1813 Departement Simplon) war die Gemeinde Teil des Kantons Entremont im Kreis Saint-Maurice.

Dorfansicht von Nordosten. Lithografie aus dem in Sitten erschienenen Album Collection des principales vues et chef-lieux des dixains du canton du Valais von Lorenz Justin Ritz, 1839 (Privatsammlung; Fotografie Jean-Marc Biner).
Dorfansicht von Nordosten. Lithografie aus dem in Sitten erschienenen Album Collection des principales vues et chef-lieux des dixains du canton du Valais von Lorenz Justin Ritz, 1839 (Privatsammlung; Fotografie Jean-Marc Biner). […]

Zwischen 1150 und 1162 übergab der Bischof die Kirche St. Pantaleon den Chorherren von Mont-Joux. Diese Übertragung wurde 1163 vom Papst nicht anerkannt, 1177 aber doch noch von ihm bestätigt. Die Kirche wurde spätestens 1228 in Saint-Nicolas umbenannt und wurde noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts von der Propstei auf dem Grossen St. Bernhard betreut. Auf das erste romanische Gotteshaus folgte ein Gebäude aus dem 15. Jahrhundert, später eines aus den 1890er Jahren. In Commeire, La Rosière, Praz-de-Fort, Ferret, Chez les Reuse und Champex stehen Kapellen. In Champex wurde 1935 auch eine reformierte Kapelle eingeweiht. In den 1780er Jahren erhielt die Gemeinde ein neues Pfarrhaus. Im 18. Jahrhundert bestanden vier Schulen, zwei in Orsières sowie je eine in Praz-de-Fort und in Commeire. 1850 besuchten 620 Schüler 14 Schulen, bei ca. 2300 Einwohnern. 1974 erfolgte die Gründung der Sekundarschule und seit 1997 wird ein Sportzentrum unterhalten.

Die Bewohner bauten Getreide, hauptsächlich Roggen, an, weshalb es eine beträchtliche Anzahl von Getreidespeichern und Mühlen gab. Sie betrieben zudem Viehzucht (1850 7189 Stück Grossvieh), besassen in Fully und Martigny Rebberge und bewirtschafteten den 45 km2 grossen Gemeindewald. 1853 gründeten die Bauern eine Genossenschaft, um Touristen und Waren über den Grossen St. Bernhard zu transportieren. Die Strasse, die früher von Martigny bis Orsières befahrbar war, wurde 1893 bis zum Pass ausgebaut. 1910 nahm die Bahnlinie Martigny-Orsières den Betrieb auf. Im 19. Jahrhundert wanderten viele Bewohner von Orsières aus. Um 1850 setzte in der Region von Champex der Fremdenverkehr ein (seit 1925 alpiner botanischer Garten). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts konzentrierte sich der Tourismus auf die Skiorte Champex und La Fouly sowie auf Wanderwege, Mountainbikestrecken und den Durchgangstourismus nach Italien oder zum Mont-Blanc. Der Anbau von Kräutern erweiterte die landwirtschaftliche Produktion. Seit 1990 ist Orsières Teil des Centre régional d'études des populations alpines.

Quellen und Literatur

  • G. Cassina, «Témoignages sur la construction de la cure d'Orsières (1779-1787)», in Ann. val., 1979, 113-148
  • R. Berthod, Orsières, 1983
  • P. Dubuis, Une économie alpine à la fin du Moyen Age: Orsières, l'Entremont et les régions voisines, 1250-1500, 2 Bde., 1990
  • S. Michellod, La Société des guides et porteurs d'Orsières, 1999

Zitiervorschlag

Albano Hugon: "Orsières", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 03.11.2009, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002678/2009-11-03/, konsultiert am 24.09.2022.