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Vorderösterreich

Der Name Vorderösterreich bezeichnet unterschiedliche historisch-geografische Räume. Er wird häufig synonym mit "habsburgische Vorlande" verwendet, um die Gesamtheit der habsburgischen Besitzungen westlich des Arlbergs und des Fernpasses unter Einschluss der schweizerischen, schwäbischen, breisgauischen und elsässischen Herrschaften im Gegensatz zu den inner-, nieder- und oberösterreichischen (tirolischen) habsburgischen Ländern zu benennen. Im Elsass, Sundgau und in der Nordschweiz umfassten diese Länder den ältesten habsburgischen Hausbesitz (von Habsburg), ergänzt um das Lenzburger und Kyburger Erbe (1264); im Breisgau, auf dem Schwarzwald und in Schwaben handelt es sich um jüngere Erwerbungen. Das Habsburgische Urbar (um 1303) gibt einen Überblick über die habsburgischen Besitzungen in den Vorlanden. Zugewinnen im Breisgau und in Schwaben (1301 Burgau, 1330 Rheinfelden und Schaffhausen, 1331 Breisach und Neuenburg am Rhein, 1368 Freiburg im Breisgau, 1381 Hohenberg u.a.) standen gleichzeitige Verluste im Gebiet der Eidgenossen gegenüber, sodass der Schwerpunkt der Vorlande nördlich von Bodensee und Hochrhein zu liegen kam.

Mit der Ächtung Herzog Friedrichs IV. von Habsburg auf dem Konstanzer Konzil 1415 brach die habsburgische Machtstellung westlich des Arlbergs bis auf das verpfändete Elsass fast völlig zusammen. Die Eidgenossen besetzten den Aargau und eroberten mit Baden und der Feste Stein den Regierungssitz und das Archiv der vorländischen Verwaltung. Die breisgauischen und schwäbischen Herrschaften konnte Friedrich IV. bis 1439 zurückgewinnen, dagegen gingen im Süden Freiburg im Üchtland (1452), Rapperswil (1458) und der Thurgau (1460) verloren, während wiederum der Erwerb von Bregenz (1451) und der Landgrafschaft Nellenburg (1465) Habsburgs Position in Schwaben stärkte. Der Verlust auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft und der endgültige Frontenwechsel Zürichs nach dem Alten Zürichkrieg (1450) hatte Folgen. Nach 1415 verlegten die Habsburger den zentralen Verwaltungssitz von Baden im Aargau nach Ensisheim im Elsass. Alle vorländischen Besitzungen wurden Tirol zugeordnet, lediglich in Ensisheim wurde eine eigene, Innsbruck untergeordnete vorderösterreichische Regierung eingerichtet. 1444 wurden die Lande "enhalb des Arl und Fern" erstmals als "obere vordere österreichische Lande" benannt.

Vom 15. bis 17. Jahrhundert bezeichnete Vorderösterreich aber nur die Gebiete, die unmittelbar unter der "vorderösterreichischen" Regierung in Ensisheim standen, d.h. die vier Lande Elsass, Sundgau, Breisgau und Schwarzwald, die vier Waldstädte Waldshut, Laufenburg, Säckingen und Rheinfelden sowie Villingen und Bräunlingen am östlichen Rand des Schwarzwalds. Nach dem Verlust des linksrheinischen Gebiets im Westfälischen Frieden (1648) und dem Neuaufbau der Regierung in Freiburg im Breisgau beschränkte sich Vorderösterreich auf die bisherigen rechtsrheinischen Gebiete. Zu einem geschlossenen Land ist Vorderösterreich auf Grund seiner territorialen Zersplitterung und wegen des Fehlens einer Residenz nicht geworden. Infolge des dreimaligen Entzugs der Königswürde nach dem Tod König Rudolfs von Habsburg 1291, der Ermordung König Albrechts I. 1308 und der Doppelwahl Friedrichs des Schönen und Ludwigs des Bayern 1314 gelang es nicht, habsburgisches Hausgut und Reichsbesitzungen zu verschmelzen.

Die Vorlande waren neben dem Tirol das Gebiet, in dem die Kämpfe mit den Eidgenossen am heftigsten ausgetragen wurden. In der Schlacht von Sempach 1386 (Sempacherkrieg) hatte der vorländische Adel nahezu in jeder Familie Gefallene zu beklagen. Der schwäbische und der breisgauisch-elsässische Adel sahen in den Eidgenossen nicht nur einen militärischen, sondern auch einen sozialen Gegner und drängten die Habsburger mehrfach zu militärischen Auseinandersetzungen. Der Mülhauser- und der Waldshuterkrieg wurden von vorländischen Adligen provoziert. Als Herren der Vorlande führten die Erzherzöge Albrecht VI. (1418-1463) und Sigismund (1427-1496) von Habsburg heftige Auseinandersetzungen mit den Eidgenossen um die Rückgabe verloren gegangener Besitzungen, bis Sigismund in der Ewigen Richtung (1474) den Weg zu einer friedlichen Regelung bahnte. Sigismunds Verpfändung Vorderösterreichs an das Herzogtum Burgund im Vertrag von Saint-Omer 1469 hätte fast den Verlust der Besitzungen bedeutet, konnte jedoch 1474 rückgängig gemacht werden. Ebenso bedrohlich war der Verkauf der gesamten Vorlande durch Sigismund 1487 an die Herzöge von Bayern, worauf ihn König Maximilian I. mit Hilfe der Tiroler und der vorländischen Stände zum Rücktritt zwang und die Herrschaft selbst übernahm.

Ein Teil des vorderösterreichischen Adels schloss sich der Reformation an, doch nach dem Dreissigjährigen Krieg war Vorderösterreich, auch wegen der Tätigkeit der Jesuiten, die in Konstanz, Rottweil, Rottenburg und Molsheim Kollegien errichteten und die Universität Freiburg im Breisgau übernahmen, ein geschlossen katholisches Territorium. Vom Dreissigjährigen Krieg war Vorderösterreich nachhaltig betroffen: Es verlor nahezu ein Drittel seiner Bevölkerung. Nach der Einnahme wesentlicher Teile des Elsasses floh die Ensisheimer Regierung 1633 nach Breisach und stellte 1638, nach der Einnahme Breisachs durch den protestantischen Feldherrn Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar, ihre Tätigkeit ganz ein. Im Westfälischen Frieden mussten die linksrheinischen Besitzungen, die im Oñate-Vertrag 1617 der spanischen Linie der Habsburger übergeben worden waren, gegen den Widerstand Tirols an Frankreich abgetreten werden.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bildeten sich festere Strukturen in den Vorlanden aus. Nach vergeblichen Versuchen am Ende des 14. Jahrhunderts, den Aargau miteinzubeziehen, gelang es Erzherzog Albrecht VI., die Prälaten, den Adel und die Städte zu Landständen zusammenzuschliessen; diese tagten in Ensisheim oder Freiburg im Breisgau. In Schwäbisch-Österreich und in Vorarlberg entstanden um 1480 ebenfalls Landstände, allerdings ohne Adel und Prälaten. Die Regierung in Ensisheim wurde 1510 von Maximilian I. zur Regierung und Kammer mit einem Landvogt, Kanzler und mehreren Regierungs- und Kammerräten erweitert. Nach 1648 wurden Regierung und Kammer in Freiburg im Breisgau neu gebildet. Bereits 1457 hatte Albrecht VI. hier eine Universität gegründet, die zum geistigen Zentrum Vorderösterreichs wurde.

Vorderösterreich um 1780
Vorderösterreich um 1780 […]

1753 löste die österreichische Herrscherin Maria Theresia die vorländischen Besitzungen von der verwaltungsmässigen Unterstellung unter die Tiroler Regierung und bildete eine neue eigene Provinz Vorderösterreich. Um 1800 umfasste Vorderösterreich den Breisgau mit den Herrschaften Hauenstein, Laufenburg, Rheinfelden (mit dem Schaffneiamt Frick), Triberg, Kastel- und Schwarzenberg, Kürnberg und Bräunlingen, die Ortenau (seit 1771) sowie die schwäbisch-österreichischen Oberämter der Markgrafschaft Burgau, der Landvogtei Schwaben, der Landgrafschaft Nellenburg und der Grafschaft Hohenberg. Ferner zählten dazu die Stadt Konstanz (bis 1798 mit den Grafschaften Altnau und Eggen im Thurgau), die Reichsgrafschaft Tettnang (nach dem Aussterben der Grafen von Montfort 1780) mit Argen, Schomburg und Wasserburg (1755-1805 habsburgisch). Bis 1782 war Vorarlberg mit den Herrschaften Bregenz, Hohenegg und Hohenems, der Herrschaft Feldkirch und der Herrschaft Bludenz und Sonnenberg der vorderösterreichischen Regierung unterstellt; danach wurde es dem Gubernium in Tirol zugeordnet. 1782 wurde die linksrheinische in der Pfalz gelegene Reichsgrafschaft Falkenstein, der letzte 1735 verbliebene Teil des lothringischen Hausgutes Kaiser Franz Stephans von Lothringen, Vorderösterreich zugeordnet. Sitz der vorderösterreichischen Regierung war 1753-1759 Konstanz, 1759-1803 Freiburg im Breisgau.

Im Frieden von Campoformio (1797) und erneut im Frieden von Lunéville (1801) wurde die Abtretung des Breisgaus und der Ortenau an den Herzog von Modena beschlossen, aber erst 1803 endgültig vollzogen. Im gleichen Jahr wurde in Freiburg eine breisgauisch-modenesische Regierung eingerichtet, die restlichen schwäbischen Besitzungen der Habsburger – die Oberämter Günzburg, Stockach, Altdorf, Rottenburg, Tettnang mit den Städten Konstanz und Lindau – zur Provinz Schwäbisch-Österreich mit dem Regierungssitz in Günzburg zusammengefasst. Das Fricktal wurde der Schweiz 1803 einverleibt. Im Frieden von Pressburg (1805) wurden sämtliche Herrschaften an die neuen deutschen Mittelstaaten Baden, Württemberg und Bayern abgetreten. Restitutionsversuche auf dem Wiener Kongress 1814-1815, die von zahlreichen Kräften in Süddeutschland unterstützt wurden, scheiterten am Widerstand der österreichischen Militärpartei.

Quellen und Literatur

  • O. Stolz, Gesch. Beschreibung der ober- und vorderösterr. Lande, 1943
  • Vorderösterreich, hg. von F. Metz, 2 Bde., 1959 (42000)
  • F. Quarthal et al., Die Behördenorganisation Vorderösterreichs von 1753-1805 und die Beamten in Verwaltung, Justiz und Unterrichtswesen, 1977
  • Vorderösterreich in der frühen Neuzeit, hg. von H. Maier, V. Press, 1989
  • W. Baum, Die Habsburger in den Vorlanden 1386-1486, 1993
  • D. Speck, Die vorderösterr. Landstände, 2 Bde., 1994
  • Vorderösterreich – nur die Schwanzfeder des Kaiseradlers? Ausstellungskat. Stuttgart, 1999
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Franz Quarthal: "Vorderösterreich", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.12.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007351/2014-12-27/, konsultiert am 22.05.2022.