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Ernte

Der Begriff der Ernte, der eng mit der Landwirtschaft verknüpft ist, hat mehrere Bedeutungen: Er meint die Erntezeit, das Einsammeln der Gewächse und Früchte von Feldern und Gärten, die Gesamtheit der geernteten Produkte sowie den daraus erzielten Gewinn. Bis ins 18. und 19. Jahrhundert gab es im landwirtschaftlichen Kalender drei grosse Erntezeiten: im Juni und Juli die Heuernte, Heuet genannt, und im Juli und August die Ernte von Getreide, Hülsen- und Ölfrüchten sowie den zweiten Grasschnitt, das Emd. Hinzu kamen ferner im September und Oktober die Obsternte, in Weinbauregionen die Weinlese, der Wümmet, und ab dem 18. Jahrhundert die Ernte von Wurzelfrüchten wie Kartoffeln und Rüben. Die Monate Juli, August und Oktober hiessen demnach auch Heu-, Ernte- und Weinmonat.

Gefährdet durch Nässe, Hagel, Vogel- oder Mäusefrass, musste die Ernte in kurzer Zeit eingebracht werden. Organisation und Durchführung der Ernte waren in Zelgdörfern (Zelgensysteme) Aufgabe des ganzen Dorfes: Der Dorfmeier oder der Vierer öffneten auf Gemeindebeschluss die gebannte Zelge. Mit der Einbringung der Ernte waren die Bauern mit ihren Familien und ein Heer von temporär angestellten Erntearbeitern wie Mähern, Schnittern und Weinlesern beschäftigt. Dabei handelte es sich um einheimische Taglöhner, Wanderarbeiter aus Grenzregionen (Savoyarden in der Westschweiz, Schwarzwälder und Badenser in der Nordschweiz, Bergamasken und Veltliner in der Südschweiz) und der Berg- und Hügelzone des Inlands (u.a. Berner Oberland, Emmental, Entlebuch). Diese zogen saisonal ins schweizerische Mittelland und ins angrenzende Ausland (Saisonarbeit). Das älteste Arbeitsinstrument für die Getreideernte, die Sichel, blieb vielerorts bis ins 19. Jahrhundert in Gebrauch, obschon die rationellere Sense seit dem Spätmittelalter bekannt war; die Sichel jedoch hielt den Verlust an Körnern geringer. Das Ährenlesen nach der Ernte, die sogenannte Nachlese, war den Armen vorbehalten. Zur Ernte gehörten weitere, zeitlich nachfolgende Arbeiten wie das Dreschen und das Anfertigen von Strohbündeln zur Bedachung.

Die Abhängigkeit der sich selbstversorgenden Bevölkerung vom Ernteergebnis rückte die Ernte in den Mittelpunkt des Jahresablaufs und schlug sich in Recht und Bräuchen nieder. Im Kirchen- und Herrschaftsrecht war die Ernte Einforderungs- und Zahltermin für wichtige Abgaben und Beamtenhonorare, so des Zehnten, der sich etwa auf die 10. Garbe oder den 10. Korb mit Obst erstreckte, der Primiz, welche die ersten Früchte umfasste, die an den Priester abgeliefert werden mussten, ferner des sogenannten Futterhafers für Waldnutzung und der sogenannten Weibelgarbe als Honorar. Der Schnitterdienst gehörte im Mittelalter zur grundherrlichen Fron (Frondienste), die ab dem 16. Jahrhundert teilweise in Geld geleistet werden konnte. Zur Erntezeit standen die Äcker dem Durchgang, danach der allgemeinen Beweidung offen. Während der Erntezeit waren von St. Johann bis Verenentag Gerichtsferien, also vom 24. Juni bis zum 1. September.

Auf vorchristlichen Kulten wie zum Beispiel dem Hahnenopfer gründende Erntebräuche vor allem der Wein- und Getreideernte, der Sichlete, gerieten teils unter kirchlichen Einfluss; davon zeugen das gemeinsame Gebet vor und der Gottesdienst in der mit Ackerfrüchten geschmückten Kirche. Zum Erntedankfest gehörten aber auch weltliche Festumzüge mit geschmückten Erntewagen, der Ernteschmaus, den die Bauern ihren Arbeitern stifteten, die es sich mit Fleisch, Krapfen, Kuchen, Wein oder Most und Tanz gutgehen lassen konnten. In nasskalten Sommern und bei frühen Kälteeinbrüchen riefen katholische Obrigkeiten die Bevölkerung bis ins 18. Jahrhundert zu Busse und Bittgängen auf. Weitere Bräuche waren das Schmücken des Erntewagens mit der letzten Garbe, der sogenannten Glücksgarbe, und das Einbinden von Menschen in die Garben.

Das Erntebrauchtum hatte in der Schweiz bis zum Ende des 19. Jahrhunderts grosse Bedeutung, ging dann aber im allgemeinen wirtschaftlichen Wandel des 20. Jahrhunderts sukzessive unter: Getreideimporte per Eisenbahn lockerten den Zwang zur Eigenversorgung und minderten die Bedeutung der Ernten, und die allgemeine Mechanisierung sowie der Rückgang des Ackerbaus machten die saisonalen Erntearbeiter, die Hauptträger der Bräuche, überflüssig. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebten Erntedankgottesdienste als folkloristische Erscheinung wieder auf.

Quellen und Literatur

  • Idiotikon
  • Dt. Rechtswb. 3, 1935-38, 258
  • LexMA 3, 2180-2183
  • ASV, Tl. 1, 2. Halbbd., 467, 501
Weblinks

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Ernte", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 02.08.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007889/2010-08-02/, konsultiert am 09.08.2022.