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Zigeuner

Ankunft der Fremden in der Eidgenossenschaft im Jahr 1418. Holzschnitt aus der Schweizerchronik von Johannes Stumpf, 1548 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara).
Ankunft der Fremden in der Eidgenossenschaft im Jahr 1418. Holzschnitt aus der Schweizerchronik von Johannes Stumpf, 1548 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara). […]

Zigeuner ist eine stigmatisierende oder romantisierende Fremdbezeichnung für unterschiedliche sozio-kulturelle, häufig nichtsesshafte europäische Minderheiten (Jenische, Fahrende, Heimatlose). In Quellen des 15. Jahrhunderts taucht der Begriff erstmals zur Bezeichnung von Pilgerreisenden auf, die angeblich aus Ägypten stammten. Ab dem 16. Jahrhundert benutzten die Obrigkeiten den Begriff zur Bezeichnung von Landstreichern oder Vagabunden (Randgruppen). In frühneuzeitlichen Quellen der Schweiz wurden die sogenannten Zigeuner anders als die einheimischen Bettler auch als heyden-volck oder heyden-gesind bezeichnet.

Zigeunerdiskurs

Im Übergang zu den bürgerlichen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts entwickelte sich mit der Tsiganologie ein Forschungszweig, der sich wissenschaftlich mit Zigeunern befasst. Die traditionelle, eher soziografische Zigeunerdefinition wurde um eine ethnografische bzw. rassentheoretische Bedeutung erweitert. Philologen und Volkskundler betonten die im altindischen Sanskrit wurzelnde Sprache und die dazugehörige Kultur als wesentliche Identitätsmerkmale von Zigeunern. Sie definierten die in ganz Europa zerstreut lebenden Gruppen von Zigeunern als Teil eines aus Indien eingewanderten Volks. Zugleich betonten sie, dass es nur noch ganz wenige echte Zigeuner gebe, da die meisten Menschen dieser Gruppen sich seit dem Mittelalter entweder mit nichtsesshaften Teilen der einheimischen Bevölkerung vermischt hätten oder sesshaft geworden seien. Die Unterscheidung zwischen sogenannten echten und unechten Zigeunern wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert von Anthropologen aufgegriffen, die echte Zigeuner erbbiologisch aufgrund von sogenannten physiologischen Rassenmerkmalen zu definieren versuchten.

Von den Behörden und der lokalen Bevölkerung wurden fahrende Gruppen unterschiedslos als Zigeuner bezeichnet. Aus philologisch-volkskundlicher wie auch aus rassentheoretischer Optik galten sie jedoch meist nicht als echte Zigeuner. Für die Bezeichnung der in der Schweiz lebenden nichtsesshaften Gruppen, den Jenischen, begannen Wissenschaftler und Behörden ab 1900 den Begriff Vaganten zu verwenden, während sie den Begriff Zigeuner für unerwünschte nichtschweizerische Fahrende aus dem Ausland benutzten. Den Mitgliedern beider Gruppen wurde ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert nachgesagt, sie seien minderwertig und primitiv.

Zigeunerpolitik

Eine Gruppe von Jenischen in Brig, 1908. Fotografie aus dem Bestand des Walliser Justiz- und Polizeidepartements (Staatsarchiv Wallis, Sitten, 5030-2, 1908/396).
Eine Gruppe von Jenischen in Brig, 1908. Fotografie aus dem Bestand des Walliser Justiz- und Polizeidepartements (Staatsarchiv Wallis, Sitten, 5030-2, 1908/396). […]

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden gegen Zigeuner Massnahmen ergriffen, die meist mit dem Argument der Verbrechens- oder Armutsbekämpfung auf deren Assimilierung, Kontrolle, Sterilisierung, Fernhaltung und Wegweisung abzielten. In der Schweiz forderten verschiedene Kantone im ausgehenden 19. Jahrhundert Einreisesperren für ausländische Zigeuner. 1906 führte der Bundesstaat eine solche Grenzsperre ein und verbot die Beförderung von Zigeunern per Bahn oder Dampfschiff. Zur Koordination der Zigeunerpolitik der Kantone errichtete das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) 1911 eine zentrale Zigeunerregistratur mit erkennungsdienstlichen Daten aller in der Schweiz aufgegriffenen ausländischen Zigeuner. Der Kanton Bern beschloss 1912 im revidierten Armenpolizeigesetz, Zigeuner in Anstalten zu internieren. Die anderen Kantone schlossen sich dieser Praxis 1913 unter Federführung des EJPD an. Die Internierung diente der kriminalpolizeilichen Registrierung und Vorbereitung der Ausschaffung. Zur internationalen Koordination in der "Bekämpfung des Zigeunerunwesens" trat die Schweiz der 1923 in Wien gegründeten Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission (IKPK) bei. Diese sammelte die kriminalpolizeilichen Daten in einer internationalen Zigeunerkartei, die ab 1938 für die Planung und Durchführung des Völkermords an Zigeunern zur Verfügung stand. Die Schweiz setzte ihre Zusammenarbeit mit der IKPK trotz des Völkermords an den Zigeunern in der NS-Zeit fort und hielt an ihrer Grenzsperre fest. Zigeuner mit Schweizer Bürgerrechten gerieten ab 1926 ins Visier des Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse der Pro Juventute, das mit Kindswegnahmen die fahrende Lebensweise zu zerstören versuchte.

Emanzipation und Ethnisierung von Roma, Sinti und Jenischen

Ab den 1960er Jahren begannen sich Zigeuner überall in Europa zu organisieren und international zu vernetzen. Der 1968 in die Schweiz eingewanderte slowakisch-bernische Arzt Jan Cibula gehörte zum Kern dieser transnationalen Emanzipationsbewegung. Diese kämpfte sowohl gegen die politische und rechtliche Diskriminierung wie auch gegen die wissenschaftlich-kulturelle Diffamierung von Zigeunern. So wies sie am ersten Welt-Roma-Kongress 1971 den Begriff Zigeuner als Fremdbezeichnung zurück und führte stattdessen den Begriff Roma ein (Bezeichnung für "Menschen" in der Sprache Romanes). Diese traditionelle Selbstbezeichnung von osteuropäischen Minderheiten wird von der neuen Roma-Bewegung als Sammelbezeichnung für verschiedenste Gruppen benutzt, die in Europa als Zigeuner diffamiert werden. Die Bewegung forderte bei der UNO die Anerkennung von Roma als ethnische Minderheit mit indischer Herkunft, das Ende der Diskriminierung sowie Entschädigungszahlungen von Deutschland für die Verbrechen der NS-Zeit. 1978 gründete sie am zweiten Welt-Roma-Kongress in Genf die Internationale Romani Union. Die Bürgerrechtsbewegung der schweizerischen Jenischen, die gegen ihre Verfolgung durch die Pro Juventute kämpften, schloss sich der internationalen Romabewegung an, ebenso die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti. Sinti – auch jene mit Schweizer Pass – gelten im Allgemeinen als kulturell und sprachlich näher verwandt mit den osteuropäischen Roma als etwa die Jenischen.

Auf Druck der Emanzipationsbewegung änderten zahlreiche europäischen Staaten ihre Politik. Die Schweiz hob ihre Grenzsperre 1972 auf. 1978 wurde im Bundesamt für Justiz eine Delegation von "Zigeunervertretern" empfangen, darunter Sergius Golowin, Mariella Mehr und Cibula. Daraus resultierte eine Untersuchung der Lebensbedingungen der Fahrenden in der Schweiz. Der entsprechende Bericht führte 1997 zur Gründung der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, die sich für die Verbesserung der Lebenssituation der in- und ausländischen Fahrenden einsetzt. Auf Druck der Emanzipationsbewegung wandelte sich auch der Sprachgebrauch. In den Medien werden nunmehr die ethnische Selbstbezeichnungen zur Benennung der Minderheiten verwendet. In der Schweiz hat sich die Begriffstrias "Roma, Sinti, Jenische" eingebürgert, die auch von der Forschung verwendet wird. 2006 wurde das Schweizerische Institut für Antiziganismusforschung gegründet.

Quellen und Literatur

  • Veröff. UEK 23
  • Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz, hg. von H. Kanyar Becker, 2003
  • T. Meier, «Zigeunerpolitik und Zigeunerdiskurs in der Schweiz 1850-1970», in Zwischen Erziehung und Vernichtung, hg. von M. Zimmermann, 2007, 226-239
  • B. Schär, «"Nicht mehr Zigeuner, sondern Roma!"», in Hist. Anthropologie 2, 2008, 205-226
  • G. Dazzi et al., Puur und Kessler, 2008
  • S. Galle, T. Meier, Von Menschen und Akten, 2009
Weblinks

Zitiervorschlag

C. Schär, Bernhard: "Zigeuner", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.02.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008246/2014-02-26/, konsultiert am 16.01.2022.