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Deutschsprachige Literatur

Die Literatur im Gebiet der heutigen Deutschschweiz steht seit jeher in enger Wechselbeziehung zur Literatur des gesamten deutschen Sprachraums. Für das Mittelalter lässt sich ohnehin die genaue Herkunft der Dichter oft nicht feststellen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es kaum eine Bezugnahme von Schweizer Schriftstellern auf ihre Vorgänger im eigenen Land. Man orientierte sich an der Literatur Deutschlands. Gewisse politische und soziale Entwicklungen gaben allerdings der deutschsprachigen Literatur in der Schweiz in manchen Epochen, vor allem im 20. Jahrhundert, ein eigenes Gepräge (Nationalliteratur).

Vom Mittelalter bis zum 16. Jahrhundert

Im Gegensatz zur neuzeitlichen Literatur liegen über die volkssprachlichen Dichtungen des Mittelalters nur in Ausnahmefällen gesicherte Erkenntnisse vor. Bis zur Erfindung des Buchdrucks um 1450 erfolgte die Weitergabe der einzelnen Werke in Form von Handschriften. Häufig spielte auch die mündliche Tradierung eine wichtige Rolle. Nicht nur die Dichter selbst, sondern auch ihre Auftraggeber, letztlich aber auch die – mit den aus Klerus, Adel oder Bürgertum stammenden Mäzenen häufig identischen – Rezipienten der literarischen Werke waren unabdingbar mit der Entstehung und Ausformung der einzelnen Dichtungen verbunden.

Alt- und frühmittelhochdeutsche Literatur

Das um 520 von Boethius verfasste Werk De consolatione philosophiae in der althochdeutschen Übersetzung Notkers des Deutschen, um 1025 (Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. Sang. 825, S. 176; e-codices).
Das um 520 von Boethius verfasste Werk De consolatione philosophiae in der althochdeutschen Übersetzung Notkers des Deutschen, um 1025 (Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. Sang. 825, S. 176; e-codices).

Die erste der drei Epochen, in welche die deutschsprachige Literatur des Mittelalters aufgrund sprachgeschichtlicher Kriterien unterteilt wird, ist die der althochdeutschen und frühmittelhochdeutschen Literatur (700-1150). Die Reihe der seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts vor allem im Umfeld des Klosters St. Gallen greifbaren Zeugnisse der althochdeutschen Literatur wie Glossen, Wörterbücher, theologische Werke, Übersetzungen und Bibelübertragungen bzw. Bibelüberarbeitungen endet bereits um 900. Lediglich Notker der Deutsche schuf um die Jahrtausendwende wieder eine volkssprachliche Literatur, deren Bedeutung an die älteren Werke heranreicht. Ansonsten kam die Produktion von deutschsprachiger Literatur um diese Zeit beinahe vollständig zum Erliegen. Althochdeutsche Dichtungen im eigentlichen Sinn sind nur vereinzelt fassbar. Neben der überwiegend mündlich tradierten Heldendichtung ist der wahrscheinlich in St. Gallen entstandene lateinische "Waltharius" überliefert, der germanische Heldensagenstoffe in gelehrtem Gewand präsentiert.

Zwischen 1050 und 1150 wurde im deutschen Sprachraum eine ganze Reihe von geistlichen Werken geschaffen, die zur frühmittelhochdeutschen Literatur gerechnet werden. Die einzelnen Texte sind in der Regel anonym überliefert und dürften vor allem geistlichen Institutionen zuzuordnen sein. Es dominieren biblische Themen, Gebets- und Predigtliteratur sowie naturkundliche Literatur, die ebenfalls geistlichen Deutungsschemata folgt. Das Gebiet der heutigen Schweiz ist kaum an der Produktion dieser Texte beteiligt. Die handschriftliche Überlieferung weist vereinzelt in diesen Raum.

Die Blütezeit

Die zweite Epoche umfasst den Zeitraum von 1150 bis 1350, wobei zusätzlich zwischen den mittelhochdeutschen Werken der sogenannten Blütezeit (um 1190-um 1220) und der Spätzeit (um 1220-1350) unterschieden wird. Die Blütezeit der mittelalterlichen Literatur, die durch die Hofkultur geprägt wurde, zeigt eine breite Entfaltung von Lyrik und Epik. Insbesondere während der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts trat – überwiegend auf der Basis romanischer Themen und Formen – eine Vielzahl neuer literarischer Typen auf. In der Lieddichtung entstand der Minnesang, der in der Schweiz vor allem durch die Lieder Graf Rudolfs von Neuenburg vertreten wurde. Für die spätere Zeit sind zahlreiche Lyriker und Sangspruchdichter nachweisbar, die – wohl aufgrund der Sammeltätigkeit des Zürcher Manesse-Kreises – Eingang in die grossen Liederhandschriften wie die Manessische Handschrift fanden.

Erste Seite des um 1250 entstandenen Osterspiels von Muri, das als Fragment erhalten blieb (Aargauer Kantonsbibliothek, Aarau, MsMurF 31a; e-codices).
Erste Seite des um 1250 entstandenen Osterspiels von Muri, das als Fragment erhalten blieb (Aargauer Kantonsbibliothek, Aarau, MsMurF 31a; e-codices).

In der Epik entstanden umfang reiche Versromane, die sich in die Typen der sogenannten Spielmannsdichtungen, pseudohistorische Grossepen, Antikenromane (z.B. die verschiedenen Versionen des "Alexanderliedes", darunter der handschriftlich überlieferte "Basler Alexander" und der "Göttweiger Trojanerkrieg") und der legendenhaften Dichtungen aufgliedern lassen (Sagen und Legenden). Der Liebesroman ist etwa durch die frühen Epenfassungen des Tristan-Stoffs vertreten. Die höfische Epik um 1200 wurde durch die drei grossen Dichterpersönlichkeiten Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Strassburg bestimmt, die sowohl als Bearbeiter von Artus- und Liebesromanen als auch als Dichter legendarischer Werke sowie als Lyriker noch heute bekannt sind. Von grosser Bedeutung sind auch Ulrich von Zatzikhoven und Konrad Fleck, Rudolf von Ems, Konrad von Würzburg sowie der unbekannte Dichter des "Reinfried von Braunschweig". In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand mit dem "Osterspiel von Muri" das älteste deutschsprachige Osterspiel (Geistliche Spiele).

Während sich die in der Blütezeit der mittelhochdeutschen Dichtung entwickelten Werktypen im Spätmittelalter zunehmend ausdifferenzierten, traten neue Gattungen auf wie etwa die verschiedenen Formen der Reimpaarrede – darunter die Sonderform der allegorischen Lehrdichtung, wie sie von Konrad von Ammenhausen gepflegt wurde –, das Bispel, die Märendichtung, didaktische Grossformen, verschiedene Bereiche der Wissensliteratur und eine Fülle geistlicher Texte, so zum Beispiel die "Marienleben" Walters von Rheinau und Wernhers sowie die Übertragung des "Speculum humanae salvationis" von Konrad von Helmsdorf. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts verfasste Ulrich Boner mit dem "Edelstein" die erste hochdeutsche Gesamtbearbeitung des Äsop'schen Fabelkorpus.

Die frühneuhochdeutsche Zeit

Um 1350 setzte die Epoche der sogenannten frühneuhochdeutschen Literatur ein, die erst um 1620 durch die Barockliteratur abgelöst wurde. Ihr erster Abschnitt dauerte bis zur Reformation und war durch tiefgreifende Wandlungen sowohl in der Lyrik als auch in der Epik geprägt. Die Lieddichtung war durch das Aufkommen des Meistersangs gekennzeichnet. Daneben setzten sich aber auch die aus dem Spätmittelalter bekannten Liedtypen fort. Die politische Lyrik – zum Beispiel das "Sempacherlied", das "Lied vom Güminenkrieg" und die Lieder Veit Webers – behandelte häufig Themen aus dem Bereich der Schweizer Geschichte, wobei die Überlieferung dieser Texte nicht selten an Chroniken gebunden ist, etwa an jene von Christian Kuchimeister und Konrad Justinger oder an die "Reimchroniken des Schwabenkriegs" von Johann Lenz und Niklaus Schradin.

Neben der Lieddichtung und dem Roman traten neue Gattungen in Erscheinung, deren interessanteste Vertreter dem Bereich der Autobiografie und der Reiseberichte (Schweizerreisen) angehören. Um 1420 entstand im Bodenseeraum die Ständesatire "Des Teufels Netz", die der Lehrdichtung zugerechnet werden kann. Bedeutende Vertreter der Fachliteratur sind Heinrich Laufenberg und Ludwig Moser. Auch die religiöse Literatur wurde gepflegt: geistliche Spiele (Oster-, Passions-, Weihnachts-, Himmelfahrts- und Weltgerichtsspiele), Marienklagen, geistliche Prosa, Predigten sowie mystische Texte wie etwa der "Engelberger Prediger" und das "Tösser Schwesternbuch" Elsbeth Stagels.

Um 1400 hatte der Konstanzer Jurist Heinrich Wittenwiler mit dem "Ring" das wohl bedeutendste Epos des Spätmittelalters verfasst. Die Epik der frühen Neuzeit ist durch das Aufkommen und die Verbreitung der Prosaromane – zum Beispiel Thürings von Ringoltingen "Melusine" – gekennzeichnet, während der höfische Versroman zwar nach wie vor rezipiert, aber nicht produktiv weiterentwickelt wurde. Zentren dieser Literaturproduktion waren vor allem die Adelshöfe, in verstärktem Mass aber auch die Städte.

Vom 16. bis zum 20. Jahrhundert

Reformation

Für das 16. Jahrhundert unterscheidet man zwei grosse Strömungen: die gelehrte lateinische Dichtung des Humanismus und die volkssprachliche Dichtung der Reformationszeit. Der Humanismus fand in der Schweiz nur wenige Vertreter; zu den hervorragendsten zählen sicher Vadian und Erasmus von Rotterdam. In humanistischer Tradition stehen auch die historiografischen Schriften von Aegidius Tschudi und Johannes Stumpf, die das eidgenössische Bewusstsein von der Antike herleiteten. Ein bedeutender Vertreter der vielfältigen, frühhumanistischen Übersetzungsliteratur ist Niklaus von Wyle.

Zu den sprachlich herausragendsten Leistungen der Reformationsepoche gehört Huldrych Zwinglis Übersetzung der Bibel. Die Literatur der Zeit war primär Tendenzliteratur, die sich in den Streit der Konfessionen einmischte. Sie wandte sich an ein breites Publikum, das zum grössten Teil aus Analphabeten bestand. Deshalb wählte man oft illustrierte Flugblätter und Schauspiele, um die jeweilige konfessionelle Position zu vermitteln. Schweizer Autoren lieferten einen wichtigen Beitrag auf dem Gebiet der Dramatik (Theater). Die ersten religiösen Tendenzstücke stammen von Pamphilus Gengenbach und Niklaus Manuel.

In den reformierten Gebieten waren Dramen mit biblischen Stoffen beliebt, wie sie beispielsweise Jost Murer, Hans von Rütte, Jakob Ruf und Sixtus Birck verfassten. "Das Zürcher Spiel vom reichen Mann und vom armen Lazarus" (1530) gilt als erstes deutschsprachiges Spiel dieser Gattung. In den katholischen Gebieten dagegen hatten das Legenden- und das Fasnachtsspiel Erfolg, bis sie von den Jesuitendramen abgelöst wurden. Charakteristisch für die Eidgenossenschaft sind Aufführungen mit oft bis zu hundert Mitwirkenden.

Barock und Aufklärung

In dem von höfischen Vorstellungen geprägten Barock des 17. Jahrhunderts beschränkte sich der Beitrag der Schweiz grösstenteils auf Gelegenheitspoesie und Erbauungsliteratur, etwa von Johann Wilhelm Simmler, Johann Ulrich Bachofen und Maurizius Zehnder. Mit Hans Rudolf Rebmanns Lehrgedicht "Gastmahl zweier Berge" (1606) wurden im Gefolge Konrad Gessners, aber auch antiker Schriftsteller zum ersten Mal die Berge Gegenstand dichterischer Darstellung. 1698 verurteilte Gotthard Heidegger in seiner "Mythoscopia romantica" die immer erfolgreicher werdenden Romane.

Erste Ausgabe von Salomon Gessners Idyllen von 1756, mit einem vom Autor gezeichneten Titelblatt (Universitätsbibliothek Basel, Ak IV 16:2).
Erste Ausgabe von Salomon Gessners Idyllen von 1756, mit einem vom Autor gezeichneten Titelblatt (Universitätsbibliothek Basel, Ak IV 16:2).

Die Epoche der Aufklärung war geprägt vom Glauben an die Vernunft und die Glückseligkeit, die dem Menschen bei tugendhaftem Verhalten zuteil würde. Die Literatur orientierte sich zu einem bedeutenden Teil an englischen und französischen Vorbildern. Weder vorher noch nachher erreichten Schweizer Literaten eine so grosse Ausstrahlung wie im 18. Jahrhundert. Albrecht von Hallers Lehrgedicht "Die Alpen" stellte die unschuldige Berg- der verdorbenen Hofwelt gegenüber. Zwischen 1740 und 1760 wurde Zürich – auch aufgrund seines Verlagsbuchhandels (Verlage) – zu einem geistigen Zentrum im deutschen Sprachgebiet. Salomon Gessners "Idyllen", welche die Natur beschaulich-friedlich darstellen, wurden in ganz Europa gelesen. Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger griffen mit ihrer Auseinandersetzung mit Johann Christoph Gottsched, die sich um die Rolle von Phantasie und Metaphorik drehte, in eine ästhetische Diskussion ein. Bodmer und Breitinger gaben in Anlehnung an den englischen "Spectator" die erste – allerdings wenig erfolgreiche – moralische Wochenschrift der Schweiz heraus, die "Discourse der Mahlern" (1721-1723). Sie spielten eine wichtige Rolle in der Vermittlung englischer Literatur (vor allem Shakespeare).

Titelseite von Johann Heinrich Pestalozzis Erziehungsroman Lienhard und Gertrud, der 1781-1787 in vier Teilen erschien (Universitätsbibliothek Basel, Ao XI 712:1).
Titelseite von Johann Heinrich Pestalozzis Erziehungsroman Lienhard und Gertrud, der 1781-1787 in vier Teilen erschien (Universitätsbibliothek Basel, Ao XI 712:1).

Weit über die Landesgrenzen hinaus wirkte auch der Zürcher Pfarrer Johann Kaspar Lavater mit seinen bibelhistorischen, in pietistischer Tradition stehenden Erbauungsschriften sowie vor allem den "Physiognomischen Fragmenten". Mit seiner übersteigerten christlichen Geniekonzeption beeinflusste er teilweise die Geniebewegung, die in der Schweiz durch den Dichter und Maler Johann Heinrich Füssli vertreten wurde. Ganz im Geist des Optimismus der Aufklärung und Jean-Jacques Rousseaus verfasste Heinrich Pestalozzi den erfolgreichen Roman "Lienhard und Gertrud", der die Not einfacher Leute und den Nutzen der Erziehung darstellt. Ulrich Bräker leistete mit seiner Lebensgeschichte "Der arme Mann im Tockenburg" einen bedeutenden Beitrag zu der im 18. Jahrhundert blühenden Gattung der Autobiografie. Gaudenz von Salis-Seewis gilt als einer der wichtigsten Lyriker der Zeit.

Das Verbot des Theaterspiels in den reformierten Städten – nur in St. Gallen konnte sich eine Theatertradition halten – führte dazu, dass auf dem Gebiet des Dramas mit Ausnahme des bis in die 1770er Jahre gepflegten Jesuitentheaters auch in den katholischen Orten kaum aufführbare Werke entstanden; eine Ausnahme bilden die Dramen des Jesuiten Josef Ignaz Zimmermann. Vaterländische Themen fanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein reges Interesse sowohl in der Poesie – hingewiesen sei auf Lavaters "Schweizerlieder" – wie in der beginnenden Geschichtswissenschaft eines Isaak Iselin oder Johannes von Müller.

Romantik, Restauration, Regeneration

Weder die Klassik noch die Romantik haben hierzulande literarische Vertreter gefunden, obschon die Schweiz Gegenstand romantischer Dichtung war. Für die Epoche zwischen 1815 und 1848 gibt es keine einheitliche Bezeichnung; je nachdem, ob man den Akzent eher auf den restaurativen oder auf den revolutionären Aspekt legt, wird sie als Biedermeier bzw. Restauration oder Regeneration bzw. Vormärz bezeichnet. In der Schweiz tritt vor allem ein charakteristischer Zug der Biedermeierliteratur hervor: die Konzentration auf das Lokale.

Titelseite des Almanachs Alpenrosen für das Jahr 1837 (Universitätsbibliothek Basel, Ei* IX 59a).
Titelseite des Almanachs Alpenrosen für das Jahr 1837 (Universitätsbibliothek Basel, Ei* IX 59a). […]

Die Beschäftigung mit patriotischen Themen herrschte vor. Es entstanden Erzählungen und Nacherzählungen von historischen Begebenheiten und Sagen, so etwa durch den Immigranten Heinrich Zschokke, durch Johann Rudolf Wyss den Jüngeren, Josef Anton Henne und Franz Kuenlin. Als Publikationsorgane dienten Almanache und Zeitschriften wie die Alpenrosen. Bezeichnend ist das Aufkommen der Dialektliteratur, so zum Beispiel Martin Usteris Hexameter-Idyllen und die Gedichte von Johann Rudolf Wyss dem Älteren.

Jeremias Gotthelf, der unter allen Autoren der Epoche hervorragt, fand mit seiner Darstellung der Emmentaler Bauernwelt Beachtung weit über die Landesgrenzen hinaus. Nicht zu unterschätzen für das literarisch-kulturelle Leben der Schweiz sind die deutschen Flüchtlinge, die wie Joseph von Görres und August Follen als Lehrer und Vermittler deutschen Geisteslebens wirkten oder – wie Georg Herwegh, Arnold Ruge, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Ferdinand Freiligrath – in der Schweiz eine Publikationsmöglichkeit fanden.

Realismus und Expressionismus

Umschlag der achten Auflage von Johanna Spyris Werk Heidi kann brauchen, was es gelernt hat, um 1890 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Umschlag der achten Auflage von Johanna Spyris Werk Heidi kann brauchen, was es gelernt hat, um 1890 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Die Epoche des bürgerlichen oder poetischen Realismus (1848-1890) ist die grosse Zeit der Erzählung und des Romans. Dargestellt wird die äussere, aber verklärte Realität der kleinen Städte und Dörfer. Weder die Industrialisierung noch die Grossstädte spielen im deutschen Realismus eine entscheidende Rolle. Im Mittelpunkt steht das Individuum und seine Integration in die bürgerliche Gesellschaft. Diese Thematik bearbeitete Gottfried Keller, allerdings mit kritischem Blick auf die heraufziehende kapitalistische Ordnung, in den "Leuten von Seldwyla" und im "Grünen Heinrich". Sein Zeitgenosse Conrad Ferdinand Meyer ist ein bedeutender Vertreter der historischen Novelle. Doch das erfolgreichste Buch der Zeit verfasste Johanna Spyri mit Heidi.

Mit dem entstehenden Nationalismus kamen auch Versuche auf, die deutschsprachige Literatur der Schweiz von den anderen deutschsprachigen Literaturen abzugrenzen. Der ab 1845 in der Schweiz lebende Ludwig Eckardt wollte eine schweizerische Nationalliteratur und ein Nationaltheater begründen, doch er hatte keinen Erfolg. 1866 gab Robert Weber eine Anthologie zur "poetischen Nationalliteratur der deutschen Schweiz" heraus. Die in realistischer Tradition stehende Heimatliteratur eroberte sich mit Jakob Christoph Heer, Heinrich Federer und Alfred Huggenberger einen immer grösseren Platz unter der Leserschaft. Allerdings gab es auch einzelne Autoren, die sich dieser Tradition verweigerten, wie der subversive Robert Walser oder Carl Spitteler.

Der Expressionismus fand mit Max Pulver, Hans Ganz und Karl Stamm einige Anhänger in der Schweiz, konnte aber ebenso wenig wie in Deutschland eine tiefgreifende Änderung der literarischen Produktion herbeiführen. Während des Ersten Weltkriegs wurde in Zürich von den Emigranten Hugo Ball und Tristan Tzara die Bewegung des Dada begründet. Sie blieb allerdings die Angelegenheit eines kleinen intellektuellen Zirkels.

Ab 1920 bis zur Gegenwart

Die Geistige Landesverteidigung begünstigte vor allem traditionelle Formen der Literatur. Lisa Wenger, Cécile Lauber, Maria Dutli-Rutishauser und Ernst Zahn verherrlichten die Bauernwelt, Cäsar von Arx schrieb vaterländische Festspiele. Mit seinem Roman "Schweizerspiegel" gelang Meinrad Inglin eine kritische Darstellung der Schweiz im Ersten Weltkrieg. Jakob Bührer und andere Autoren setzten sich – wie auch zum Beispiel das Cabaret Cornichon (Cabaret) – kritisch mit dem Frontenfrühling auseinander. Die literarische Wirkung dieser Autoren der ersten Jahrhunderthälfte beschränkte sich, sieht man von den Bestseller-Autoren John Knittel und Jakob Christoph Heer ab, auf die Schweiz.

Max Frisch (links) und Friedrich Dürrenmatt an einem Treffen der Schriftsteller der Gruppe 47 in Rüschlikon 1968 © Pia Zanetti, Zürich.
Max Frisch (links) und Friedrich Dürrenmatt an einem Treffen der Schriftsteller der Gruppe 47 in Rüschlikon 1968 © Pia Zanetti, Zürich.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand die Literatur der deutschen Schweiz wieder Anschluss an die Weltliteratur. Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt ernteten zunächst als Dramatiker und Hörspielautoren internationalen Erfolg. Mit seiner Kritik an einer selbstzufriedenen Schweiz wurde Frisch zum geistigen Vater einer neuen Generation von Autoren wie Adolf Muschg, Peter Bichsel und Otto F. Walter, die sich ab dem Ende der 1960er Jahre auch mit experimentellen Formen des Erzählens zu Wort meldeten. Im Bereich der Lyrik bekam die Mundartlyrik unter dem Einfluss der konkreten Poesie, zu deren Vertretern auch der Schweizer Eugen Gomringer gehörte, neue Impulse. Die Werke von Kurt Marti, Ernst Eggimann und Ernst Burren zeugen davon. Für die Generation, die in den 1970er Jahren zu publizieren begann – etwa Gertrud Leutenegger, Christoph Geiser und Hermann Burger –, waren die "Enge" der Schweiz, wie sie noch von Paul Nizon konstatiert worden war, sowie das öffentliche Engagement immer weniger ein Thema; dies trifft jedoch nicht auf Adolf Muschg zu. Als bedeutender Autor des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts gilt auch Hugo Loetscher.

Quellen und Literatur

  • Das geistige Zürich im 18. Jh., hg. von M. Wehrli, 1943
  • G. Calgari, Die vier Literaturen der Schweiz, 1966
  • Die zeitgenöss. Literatur der Schweiz, hg. von M. Gsteiger, 1974
  • D. Fringeli, Von Spitteler zu Muschg, 1975
  • J. Bumke, Höf. Kultur, 2 Bde., 21986
  • C. Siegrist, «Nationalliterar. Aspekte bei Schweizer Autoren», in Literatur in der Bundesrepublik Deutschland bis 1967, hg. von L. Fischer, 1986, 651-671
  • T. Cramer, Gesch. der deutschsprachigen Literatur im späten MA, 1990
  • Gesch. der deutschsprachigen Schweizer Literatur im 20. Jh., hg. von K. Pezold, 1991
  • Kein einig Volk, hg. von U. Käser-Leisibach, M. Stern, 1993
  • Bürgerl. Realismus und Gründerzeit, hg. von E. McInnes, G. Plumpe, 1996
  • H. Brunner, Gesch. der deutschsprachigen Literatur des MA im Überblick, 1997
  • P. Sprengel, Gesch. der deutschsprachigen Literatur 1870-1900, 1998
  • J. Lätt, Refuge et écriture: les écrivains allemands réfugiés en Suisse, 1933-1945, 2003
  • P. Reinacher, Je Suisse: Zur aktuellen Lage der Schweizer Literatur, 2003
Weblinks

Zitiervorschlag

Bärmann, Michael; Zeller, Rosmarie: "Deutschsprachige Literatur", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.04.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011201/2011-04-20/, konsultiert am 23.06.2021.