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Ballett

Da der Unterhalt eines Ballettensembles lange Zeit als unvereinbar mit den von Zwingli und Calvin geprägten Moralvorstellungen galt, hielt das Ballett verhältnismässig spät in der Schweiz Einzug (Tanz). 1915 war die Stadt Genf Schauplatz Aufsehen erregender Vorführungen der Ballets Russes. Während des Ersten Weltkriegs fanden sich unter der Leitung des Ungarn Rudolf von Laban, dem Pionier des Ausdruckstanzes, in Zürich und auf dem Monte Verità mehrere Choreografen zusammen. Nebst der berühmten deutschen Tänzerin Mary Wigman waren dies unter anderem Katja Wulff, Sophie Taeuber-Arp, Suzanne Perrottet, eine Schülerin von Emile Jaques-Dalcroze, sowie die Glarnerin Berthe Trümpy. Letztere ging mit Mary Wigman nach Dresden, wo sie ihr bei der Eröffnung ihrer ersten Schule half. Zu Wigmans Schülern gehörte auch Max Terpis aus Zürich, später Ballettmeister in Hannover und Ballett-Chef der Berliner Staatsoper. Die Zürcherin Trudi Schoop wurde 1932 am Internationalen Wettbewerb von Paris ausgezeichnet. Die Erfolge ihrer Tourneen in den USA führten dazu, dass sie sich in Kalifornien niederliess. Die Tanzszene in der Deutschschweiz stand unter dem Einfluss des deutschsprachigen Auslands: Die Österreicherin Rosalia Chladek wirkte in den 1920er Jahren in Basel, der Deutsche Harald Kreutzberg von 1955 bis zu seinem Tod 1968 in Bern. Umgekehrt wurde Hans Züllig Mitglied des Ballets Jooss, bevor er sich an der Hochschule Folkwang in Essen der Pädagogik widmete.

Da die Choreografen an städtischen Theatern in der Regel dem Diktat von Oper und Operette unterworfen waren, konnten sie sich kaum profilieren. Ausnahmen bildeten Pino und Pia Mlakar in Zürich (1934-1938), die «Der Teufel im Dorf» mit Maya Kübler aufführten, sowie Mara Jovanovits in St. Gallen (1939-1957) und Heinz Rosen in Basel (1945-1971). Die Deutschschweiz entdeckte den klassischen Tanz dank zweier Ballettmeister aus der Sowjetunion. Waclav Orlikowsky realisierte 1955-1967 in Basel Peter Tschaikowskys «Schwanensee» und «Dornröschen» und in Zürich studierte Nicholas Beriozoff wichtige Werke des 20. Jahrhunderts ein (v.a. von Michail Fokin).

Erst in den 1970er Jahren erreichte das Ballett in der Schweiz eine gewisse Reife. George Balanchine, künstlerischer Berater am Grand Théâtre in Genf (1969-1978) und am Opernhaus Zürich (1978-1985), trug massgeblich zur Verbreitung des modernen Balletts in der Schweiz bei. Er machte zahlreiche Stücke aus seinem New Yorker Repertoire dem schweizerischen Publikum zugänglich. 1973-1991 hob Heinz Spoerli in Basel das Ballettensemble seiner Heimatstadt auf internationales Niveau. Es kam zu zahlreichen Tourneen im Ausland, und verschiedene Theater übernahmen seine Choreografien. Seine «Fille mal gardée» wurde in Paris, Mailand und Helsinki getanzt.

Wie Manola Asensio, Danièle Jossi, Gilbert Mayer, Hans Meister, Fritz Lüdin oder Susanna vervollständigten viele junge Talente aus der Schweiz ihre Ausbildung im Ausland, wo sie meist auch ihre Karriere fortsetzten: Lucia Isenring in Stuttgart, Christina McDermott in München, Samantha Allen am New York City Ballet, Frédéric Gafner bei Merce Cunningham. Obwohl es nur eine kleine Zahl von Schweizer Preisträgern (z.B. Pierre Wyss, Stéphane Prince, Xavier Ferla, Nicolas Maire) des seit 1973 durchgeführten Internationalen Wettbewerbs für junge Tänzerinnen und Tänzer in Lausanne gibt, legen diese Zeugnis ab davon, dass die Qualität der Ausbildung in der Schweiz inzwischen gestiegen ist.

Das Ballett ist innerhalb des schweizerischen Kulturschaffens wenig verankert. Dazu beigetragen haben unter anderem die nur kurzen Wirkenszeiten der verantwortlichen Choreografen, etwa in Zürich des Deutschen Uwe Scholz (1985-1991) oder des Österreichers Bernd R. Bienert (1991-1996). Die Gründung des Béjart Ballet Lausanne (1987) und die Eröffnung der Schule Rudra (1992) können jedoch als Zeichen dafür gewertet werden, dass die für die Ausrichtung von Subventionen zuständigen Behörden das Ballett allmählich zur Kenntnis nehmen.

Quellen und Literatur

  • Schweiz. Tanzarchiv, Lausanne
  • J.-P. Pastori, Tanz und Ballett in der Schweiz, 31990 (franz. 1995)
  • J.-P. Pastori, De Diaghilev à Béjart, Ausstellungskat. Lausanne, 1993
  • Memoria, 1994-
  • A. Bernard, Lex. der Schweiz. Tanzschaffenden, 1995
Weblinks

Zitiervorschlag

Jean-Pierre Pastori: "Ballett", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.12.2008, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011898/2008-12-15/, konsultiert am 26.11.2022.