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Denis deRougemont

Denis de Rougemont im Centre européen de la culture in Genf, 23. April 1963 © KEYSTONE/Photopress.
Denis de Rougemont im Centre européen de la culture in Genf, 23. April 1963 © KEYSTONE/Photopress.

8.9.1906 Couvet (heute Gemeinde Val-de-Travers), 6.12.1985 Genf, reformiert, von Saint-Aubin-Sauges, Neuenburg, Travers, Buttes und Noiraigue (alle drei heute Gemeinde Val-de-Travers). Sohn des Georges Arthur, Pfarrers, und der Sophie Alice geborene Bovet. 1) 1933 Simone Vion, Tochter des Alexis, 2) 1952 Anaïte (Nanik) Repond, Tochter des André Repond. Schwager des Max Petitpierre. Nach Abschluss seines geisteswissenschaftlichen Studiums an der Universität Neuenburg liess sich Denis de Rougemont 1930 in Paris nieder, wo er die literarische Leitung des Verlags "Je sers" übernahm. Er engagierte sich in der Bewegung des Personalismus, war Mitgründer der Zeitschriften "Esprit" und "L'ordre nouveau" sowie von "Hic et Nunc", einer theologischen Zeitschrift, die von Karl Barths Ideen geprägt war. Er verfasste zahlreiche Beiträge, unter anderem für die "Nouvelle Revue française", bei der er 1932 das "Cahier de revendications de la jeunesse française" leitete. In Frankreich machte er die Werke Søren Kierkegaards und Barths bekannt. 1933-1935 lebte er als "Intellectuel en chômage" in Südwestfrankreich und publizierte seine "Politique de la personne" (1934), eine Art Manifest des intellektuellen Engagements. Darin stellt er den freien und verantwortungsbewussten Menschen und dessen strikte Bindung an die Gemeinschaft über alles. Als Lektor an der Universität Frankfurt am Main beobachtete Rougemont 1935-1936 das nationalsozialistische Regime aus der Nähe. Ausgehend von der Feststellung, dass die Unordnung der modernen Welt eine radikale Trennung zwischen Denken und Handeln hervorgebracht hat, unterstreicht Rougemont in "Penser avec les mains" (1936) die Notwendigkeit, ein in einem freien Glaubensakt akzeptiertes, allgemeines menschliches Mass wiederherzustellen.

1939 veröffentlichte er sein Hauptwerk, "L'amour et l'Occident", eine kritische Abhandlung über die in der Literatur des christlichen Abendlands manifeste Auffassung von Liebe und deren in die Krise geratene Sozialform, der Ehe. Die westliche Psyche sei zwischen dem individuellen Abenteuer der Leidenschaft und der kollektiven Moral der Gemeinschaft zerrissen, weshalb Rougemont eine auf Entscheidung, Verpflichtung, Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen gründende Ethik der Ehe vorschlägt. Im Auftrag des Institut neuchâtelois verfasste er 1939 "Nicolas de Flue", eine dramatische Legende, die von Arthur Honegger vertont wurde. Als Oberleutnant im Aktivdienst publizierte er 1940 "Mission ou démission de la Suisse" und war im gleichen Jahr Mitbegründer des Gotthardbunds, dessen Manifest er verfasste. Nach einem Artikel über den Einmarsch Hitlers in Paris wurde er von den Bundesbehörden in die Vereinigten Staaten gesandt, um dort Vorträge über Europa und das Dritte Reich zu halten. Diese Tätigkeit führte er in Argentinien weiter, wohin er 1941 eingeladen wurde. Er lehrte 1942 an der Ecole libre des hautes études in New York, war 1942-1943 Redaktor bei der französischen Abteilung des Office of War Information und erhielt 1943 ein Stipendium der Bollingen Foundation.

Nachdem er 1947 nach Europa zurückgekehrt war, setzte er sich für ein föderalistisches Europa ein und beteiligte sich am Wiederaufbau Europas. Er verfasste am Haager Europa-Kongress vom Mai 1948 den Kulturbericht und die "Botschaft an die Europäer", organisierte 1949 in Lausanne die erste europäische Kulturkonferenz und gründete in Genf 1950 das Centre européen de la culture, das er bis zu seinem Tod leitete. Rougemont war 1952-1966 Präsident des Kongresses für kulturelle Freiheit. In seiner Schrift "Das Wagnis Abendland" (französisch und deutsch 1957) beschreibt er die Prinzipien des Zusammenhalts, die philosophischen Verflechtungen und die religiösen Anschauungen, die seinem Verständnis von Kultur Sinn und Berechtigung geben. Dem zerstörerischen Prinzip des Nationalstaats, der Quelle aller Kriege in Europa, setzt er einen kreativen, auf den Gemeinden und Regionen fussenden Föderalismus entgegen. Auf dieser Grundlage gründet das vereinte Europa. 1963 gründete er in Genf das Institut universitaire d'études européennes, das er bis 1978 leitete und an dem er bis 1985 unterrichtete (Geschichte der europäischen Ideen und Föderalismus). Als Gründungsmitglied der Groupe de Bellerive, einer Gruppe, die über die Ausrichtung der Industriegesellschaft nachdachte, veröffentlichte Rougemont 1977 "Die Zukunft ist unsere Sache" (deutsch 1987). Darin analysierte er die globale Krise der soziopolitischen Systeme, die durch die katastrophale Bewirtschaftung des Planeten hervorgerufen wurde. 1978 gründete Denis de Rougemont die Zeitschrift "Cadmos", genannt nach dem griechischen Helden, der die erfolglose Suche nach seiner (von Zeus geraubten) Schwester Europa abbrach und stattdessen die spätere Stadt Theben gründete. 1971 Dr. h.c. der Rechtsfakultät der Universität Zürich, 1981 der Universität Galway (Irland), 1982 Grosser Schillerpreis.

Quellen und Literatur

  • Centre européen de la culture, Genf
  • BPUN, Nachlass
  • B. Ackermann, Denis de Rougemont, 2 Bde., 1996, (mit Bibl.)
  • B. Ackermann, Denis de Rougemont, 2000
  • M. Buss, Intellektuelles Selbstverständnis und Totalitarismus: Denis de Rougemont und Max Rychner – zwei Europäer der Zwischenkriegszeit, 2005
  • A.-C. Graber, Denis de Rougemont, 2007
  • E. Santschi, Par delà la France et l'Allemagne: Gonzague de Reynold, Denis de Rougemont et quelques lettrés libéraux suisses face à la crise de la modernité 2009
Weblinks
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Zitiervorschlag

Bruno Ackermann: "Rougemont, Denis de", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.05.2012, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016205/2012-05-25/, konsultiert am 08.08.2022.