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Internationale

Die Begriffe Internationale und Internationalismus entstanden 1864 mit der Gründung der Ersten Internationale. Sie meinen eine internationale Vereinigung von Parteien und Gewerkschaften, im engeren Sinn der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung. Grundgedanken sind die internationale Solidarität des Proletariats sowie der Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft und die Schaffung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung (Sozialismus).

Der ersten Vereinigung folgten weitere, in konzeptioneller und ideologischer Hinsicht unterschiedliche Internationalen, die sich teils gegenseitig konkurrenzierten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten diese Organisationen mit ihren Anfängen nur noch die Bezeichnung gemeinsam. Die Schweiz war aufgrund ihrer bis zum Ersten Weltkrieg im europäischen Vergleich liberalen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik, ihrer Neutralität wie ihrer geografischen Lage bis etwa in die Mitte des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Schauplatz der internationalen Bestrebungen der Arbeiterschaft; sie spielte insbesondere auch während der beiden Weltkriege für den Internationalismus eine gewisse Rolle.

Erste Internationale

Die internationalen Organisationsversuche der Arbeiterschaft setzten in den 1830er Jahren ein, zeitigten aber noch keinen dauerhaften Erfolg. 1864 gründeten englische und französische Arbeiter in London die "Internationale Arbeiter-Assoziation" (später Erste Internationale, wobei die Ordnungszahl häufig auch mit römischen Ziffern wiedergegeben wird). Sie umfasste heterogene Strömungen der Arbeiter- wie zunächst auch der bürgerlich-liberalen Bewegung in West-, Nord- sowie Südeuropa und den USA. Der Generalrat mit Karl Marx als prägender Persönlichkeit koordinierte bis 1872 in London ihre Politik.

Die Teilnehmer des vierten Kongresses der Internationalen Arbeiter-Assoziation in Basel 1869. Xylografie, erschienen 1893 in Der wahre Jacob (Nr. 184), Beilage zahlreicher deutscher sozialdemokratischer Zeitungen (Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte, Zürich).
Die Teilnehmer des vierten Kongresses der Internationalen Arbeiter-Assoziation in Basel 1869. Xylografie, erschienen 1893 in Der wahre Jacob (Nr. 184), Beilage zahlreicher deutscher sozialdemokratischer Zeitungen (Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte, Zürich). […]

Die Schweiz zählte zu den wichtigen Ländern der Organisation. Zentren waren Genf, Lausanne und die Waadt, der Jura, Basel und Zürich, es gab aber auch kleinstädtische und ländliche Sektionen. Eine besondere Rolle spielte Genf mit Johann Philipp Becker; hier bestand auch die einzige Frauensektion der Schweiz. Die Sektionen gründeten Gewerkschaften bisher nicht organisierter Berufe, Produktivgenossenschaften und Zeitungen, die zumeist nur vorübergehend bestanden; Streiks in bisher unbekannter Zahl, teilweise von der Internationalen Arbeiter-Assoziation unterstützt, förderten das Klassenbewusstsein. 1868 erreichte die Internationale Arbeiter-Assoziation in der Schweiz mit ca. 120 Sektionen und ca. 10'000 Mitgliedern ihren Höhepunkt; der Grütliverein schloss sich jedoch nicht an. Kongresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation fanden 1866 in Genf, 1867 in Lausanne und 1869 in Basel statt. Ab 1869/1870 wurde die Schweiz zu einem Hauptschauplatz im Richtungsstreit zwischen den Anhängern von Marx und Michail Bakunin (Anarchismus), die Fédération jurassienne zur hartnäckigen Kritikerin des Generalrats. 1872 schloss der Kongress in Den Haag Bakunin und James Guillaume aus und verlegte den Sitz des Generalrats nach New York, was faktisch das Ende der Internationalen Arbeiter-Assoziation bedeutete. 1876 löste sie sich auf.

Die Föderalisten beschlossen ihrerseits in Saint-Imier die Gründung der "Antiautoritären Internationale", die 1873 in Genf erfolgte. 1874-1877 führte die Fédération jurassienne das "Bureau fédéral international". 1876 fand der dritte Kongress in Bern, 1877 der letzte in Verviers (Belgien) statt.

Zweite Internationale

Die Wiedererrichtung der Internationale gelang nach mehreren Anläufen erst 1889 in Paris, doch tagten gleichzeitig zwei rivalisierende Kongresse. Der sogenannte Marxisten-Kongress wurde mit dem Beschluss, am 1. Mai 1890 für den Achtstundentag zu demonstrieren, nachträglich zum Gründungskongress der "Neuen Internationale", zu deren Bezeichnung sich erst um 1914 der Begriff "Zweite Internationale" einbürgerte. Die Neue Internationale baute auf den nationalen Arbeiterparteien mit ihren unterschiedlichen sozialistischen Tendenzen auf. Bis 1900 fehlte jede feste Organisation, und auch das 1900 gegründete Internationale Sozialistische Büro in Brüssel war nur eine Informations- und Koordinationsstelle. 1896 schloss der Kongress in London die Anarchisten aus, die sich ab 1881 auch unabhängig auf Kongressen der Anarchistischen Internationale trafen, so etwa 1896 in Zürich. Zugleich trennten sich die Parteien von den Gewerkschaften, die zunächst ebenfalls zur Neuen Internationale gehört hatten. Ab 1901 führten Letztere internationale Gewerkschaftskonferenzen durch, seit der Konferenz in Zürich 1913 als Internationaler Gewerkschaftsbund. Bis 1914 zählte die Neue Internationale Mitglieder auf allen Kontinenten, doch blieb sie stets eurozentrisch und an den Bedingungen und Interessen der Industrieländer orientiert. Neben den grossen theoretischen Debatten (z.B. Reform und Revolution) befassten sich alle Kongresse angesichts der Hochrüstung der europäischen Mächte mit der Frage von Krieg und Frieden. Zwei Beschlüsse überdauerten die Zweite Internationale: Der internationale Kampf- und Feiertag am Ersten Mai und der Internationale Frauentag am 8. März (Internationale Sozialistische Frauenkonferenz, Kopenhagen 1910).

Postkarte, veröffentlicht anlässlich des ausserordentlichen Kongresses der sozialistischen Internationale vom 24. bis 26. November 1912 in Basel (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich).
Postkarte, veröffentlicht anlässlich des ausserordentlichen Kongresses der sozialistischen Internationale vom 24. bis 26. November 1912 in Basel (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich). […]

Die schweizerischen Arbeiterorganisationen spielten während der Anfänge der Neuen Internationale eine wichtige Rolle; 1893 fand der dritte Kongress in Zürich statt. Danach verlor die Schweiz an Bedeutung. Im Internationalen Sozialistischen Büro war sie erst ab 1911 regelmässig vertreten. Nach Ausbruch des Ersten Balkankriegs fand im November 1912 ein ausserordentlicher Kongress in Basel statt, der als Demonstration gegen den drohenden Weltkrieg international viel Beachtung fand. Als am 1. August 1914 der Krieg ausbrach, unterstützten dennoch die meisten Parteien in einem sogenannten Burgfrieden die Kriegspolitik ihrer Regierungen. Der Zusammenbruch der Internationale erschütterte die internationale Arbeiterbewegung tief. Während des Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit erhielt die neutrale Schweiz für die Internationale erneut Bedeutung. Bereits im September 1914 protestierten schweizerische und italienische Sozialdemokraten auf einem Treffen in Lugano gegen den Krieg, im Frühjahr 1915 dann auch internationale Konferenzen der Sozialistischen Jugendorganisationen und der Sozialistischen Frauen in Bern. Eine Initiative Robert Grimms führte 1915 und 1916 erstmals Vertreter der Krieg führenden Länder in den Konferenzen von Zimmerwald und Kiental zusammen (Zimmerwalder Bewegung).

Dritte Internationale

Die Radikalisierung der Arbeiterbewegungen im Weltkrieg und die Russische Revolution im Oktober 1917 führten nach Kriegsende zu drei konkurrierenden Internationalen. Im März 1919 gründeten Vertreter kommunistische Zirkel und Parteien in Moskau mit dem Ziel der proletarischen Weltrevolution die Kommunistische Internationale, die auch als Komintern oder Dritte Internationale bezeichnet wird. Der zweite Kongress 1920 schuf mit einem Statut und den "21 Bedingungen" eine straffe Organisation, in der die Mitgliedsparteien zu Sektionen einer Weltpartei wurden, die sich nach den Kriterien des demokratischen Zentralismus dem Exekutivkomitee der Komintern bzw. dem Präsidium in Moskau bedingungslos unterzuordnen und die kommunistischen Prinzipien in der eigenen Partei durchzusetzen hatten (Kommunismus). In den 1920er Jahren wurde der Apparat der Komintern ausgebaut, in dem nun die Bolschewiki dominierten. Die Ländersekretariate und ständigen Auslandbüros bestimmten den Kurs der nationalen Sektionen. Massenorganisationen (Rote Gewerkschaftsinternationale, Internationale Kommunistische Frauenbewegung, Kommunistische Jugendinternationale, Internationale Rote Hilfe u.a.) sollten die Verbindung zwischen kommunistischen Parteien und arbeitender Bevölkerung schaffen. Zunehmend legitimierte die Komintern nun die innen- und aussenpolitischen Bedürfnisse der Sowjetunion mit ihren ideologischen Wendungen (Sozialfaschismus, Volksfront, Hitler-Stalin-Pakt 1939 usw.). 1943 löste Stalin die Organisation als Geste gegenüber den Alliierten auf.

1938 gründete Leo Trotzki bei Paris die Vierte Internationale als "Weltpartei der sozialistischen Revolution", eine Dachorganisation seiner Anhänger, der Trotzkisten, mit orthodox leninistischem Programm (Linksradikalismus). Mehr als marginale Bedeutung erlangte die Vierte Internationale nur vorübergehend in einzelnen Ländern, zum Beispiel im damaligen Ceylon. Nach 1968 war sie in der Schweiz für die Revolutionäre Marxistische Liga (Sozialistische Arbeiterpartei) ein Orientierungspunkt.

Sozialistische Arbeiter-Internationale

Die Zweite Internationale wurde unter Führung der britischen Labour Party nach vorbereitenden Konferenzen in Bern (Februar 1919), Amsterdam und Luzern (August 1919) im Sommer 1920 auf einem Kongress in Genf wiedererrichtet, weshalb sie gelegentlich auch Genfer Internationale genannt wird. Da sich ihr die linkssozialistischen Parteien nicht anschlossen, blieb sie bedeutungslos.

Zwischen Komintern und Zweiter Internationale suchten einige linke sozialdemokratische Parteien eine eigene Position. Sie schlossen sich unter Führung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs im Februar 1921 in Wien in der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (auch Zweieinhalbte oder Wiener Internationale) zusammen. 1922 scheiterte ihre Initiative zur Vereinigung der drei Internationalen, führte aber zur Annäherung an die Zweite Internationale und im Mai 1923 in Hamburg zur Vereinigung in der Sozialistischen Arbeiter-Internationale. Damit wurde die Spaltung in eine sozialdemokratische und eine kommunistische Internationale endgültig.

Die Sozialistische Arbeiter-Internationale mit ihren unterschiedlichen sozialistischen Strömungen verstand sich als demokratische Alternative zu Kommunismus wie Faschismus. Zwischen den periodisch einberufenen Kongressen tagte die Exekutive. Der Sitz des Sekretariats befand sich erst in London, 1926-1935 in Zürich, danach in Brüssel. Nur eine Minderheit der Mitglieder unterstützte die Idee der Volksfront gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Als Verteidigerin des Friedens bemühte sich die Sozialistische Arbeiter-Internationale um ein System der kollektiven Sicherheit, um Abrüstung und die Idee des Schiedsgerichts. Der Kriegsausbruch bedeutete ihr Ende (1940).

Die Sozialdemokratische Partei (SP) der Schweiz lehnte eine Teilnahme an der wiedererrichteten Zweiten Internationale ab. Der ausserordentliche Parteitag im August 1919 in Basel stimmte für den Austritt aus der Zweiten Internationale und den Beitritt zur Komintern, was aber die Mitglieder in einer Urabstimmung verwarfen. Im Dezember 1920 lehnten beide Instanzen in Kenntnis der "21 Bedingungen" den Beitritt zur Komintern ab. Darauf spaltete sich der linke Flügel von der Sozialdemokratie ab und gründeten mit Altkommunisten die Kommunistische Partei (KP) der Schweiz. 1921 war die SP an der Gründungskonferenz der Wiener Internationale vertreten, im Herbst stimmte der Parteitag dem Beitritt zu, Grimm wurde in das Büro des Exekutivkomitees gewählt. 1923 nahm die SP am Gründungskongress der Sozialistischen Arbeiter-Internationale teil, stimmte aber erst 1926 dem Beitritt zu. In der Exekutive war sie mit 10 Stimmen vertreten, spielte indes keine Rolle.

Die Beziehungen zwischen KP und Komintern spielten auf mehreren Ebenen. Delegierte der KP (bis 1920 Altkommunisten) nahmen an allen Kongressen der Komintern teil, ab 1922 auch an den Plenumssitzungen des Exekutivkomitees. In den Parteihochschulen in Moskau wurden junge Kommunisten für ihre Aufgabe als künftiger Kader geschult. Einige Dutzend Schweizer arbeiteten in Moskau in den Apparaten und Unternehmungen (Archive, Verlage, Zeitungen, Radio usw.) der Komintern, als Emissäre oder als Funktionäre der Massenorganisationen. Von 1933 bis zum Verbot 1939 erschienen vorher in Deutschland hergestellte Zeitungen der Komintern in der Schweiz; ihre Presseagentur Runa arbeitete in Zürich.

Kominform und Kommunistische Weltbewegung

Die Entwicklung des Internationalismus nach dem Zweiten Weltkrieg war bis 1989 durch den Kalten Krieg und den Ost-West-Gegensatz geprägt. 1947 erfolgte als sowjetische Reaktion auf den Marshallplan der USA die Gründung des "Informationsbüros der kommunistischen und Arbeiterparteien" (Kominform), dem die Partei der Arbeit (PdA) aber nicht angehörte. An Stelle des im Zuge der Entstalinisierung 1956 aufgelösten Kominform trat die Kommunistische Weltbewegung, eine informelle Zusammenfassung von kommunistischen Parteien und Staaten, die an Weltkonferenzen Richtlinien aufstellte (z.B. 1969 Übernahme der Breschnew-Doktrin). Ihr gehörten auch Massenorganisationen wie der Weltgewerkschaftsbund, der Weltfriedensrat usw. an. Die PdA war an den Konferenzen wie in einzelnen Organisationen vertreten, blieb aber ohne Bedeutung. Das Ende der Sowjetunion 1991 bedeutete zugleich das Ende des kommunistischen Internationalismus.

Sozialistische Internationale

Nachdem die sozialdemokratischen Parteien 1947 mit Rücksicht auf die Mitglieder im sowjetischen Machtbereich nur ein Committee of International Socialist Conferences geschaffen hatten, gründeten sie in Reaktion auf Kominform und den Umsturz von 1948 in der Tschechoslowakei 1951 in Frankfurt am Main die Sozialistische Internationale. Grundlage ist der demokratische Sozialismus. Die Organisation hat ihren Sitz in London. Auf periodisch stattfindenden Kongressen – 1976 fand ein solcher in Genf statt – und Vorstandssitzungen, an denen auch die SP teilnimmt, treffen sich die Mitglieder zum Meinungsaustausch. Ihre nicht bindenden Entschliessungen thematisieren unter anderem die Menschenrechte, die menschenwürdige Existenz, Frieden und Abrüstung sowie den Umweltschutz. Nach Dekolonisation und Ende des Kalten Krieges zählt die Sozialistische Internationale auch Mitglieder aus Asien, Afrika, Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion (2005 143 Parteien als Voll- und assoziierte Mitglieder), doch dominieren weiterhin die Parteien aus den europäischen Industrieländern.

Quellen und Literatur

  • J. Braunthal, Gesch. der Internationale, 3 Bde., 1961-71 (31978)
  • La Première Internationale, hg. von J. Freymond, 4 Bde., 1962-71
  • Gruner, Arbeiter
  • G. Haupt, Programm und Wirklichkeit, 1970 (franz. 1964)
  • G.A. Ritter, Die II. Internationale 1918/1919, 2 Bde., 1980
  • R. Sigel, Die Gesch. der Zweiten Internationale 1918-1923, 1986
  • D. Vogelsanger, Trotzkismus in der Schweiz, 1986
  • Gruner, Arbeiterschaft 3
  • B. Degen, Krieg dem Kriege!, 1990
  • B. Studer, Un parti sous influence, 1994
  • «Bibliographie de Marc Vuilleumier», in Pour une histoire des gens sans histoire, 1995, 23-32
  • M. Bürgi, Die Anfänge der Zweiten Internationale, 1996
  • Komintern: l'histoire et les hommes, hg. von J. Gotovitch, M. Narinski, 2001
Weblinks

Zitiervorschlag

Bürgi, Markus: "Internationale", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.12.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016482/2013-12-18/, konsultiert am 15.06.2021.