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Hilfswerke

Hilfswerke sind intermediäre Organisationen, die ohne Anspruch auf Gegenleistung Beiträge zur Befriedigung von Bedürfnissen Dritter leisten, die Hilfe zur Selbsthilfe unterstützen und die dafür erforderlichen Mittel sammeln. Institutionell verankerte Hilfe, welche über die in traditionalen Gesellschaften übliche Nachbarschaftshilfe hinausging, erfolgte bereits im Mittelalter und in der frühen Neuzeit durch Akte der christlichen Nächstenliebe seitens der Kirche im Rahmen von Stiftungen und Spitälern.

Im Zuge der Sozietätenbewegung (Vereine) des ausgehenden Ancien Régime entstanden an verschiedenen Orten gemeinnützige Gesellschaften, deren philanthropische Aktivitäten teilweise jene der säkularen Hilfswerke vorwegnahmen und die sich 1810 in der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft zusammenschlossen. Daneben gab es immer wieder punktuelle Sammlungen zur Linderung von Not und zur Bewältigung von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Lawinen oder Bergstürzen.

In der industriellen Gesellschaft wurde die Reziprozität der gegenseitigen Hilfe einerseits zunehmend aufgehoben in gegenseitigen Hilfsvereinen und Versicherungen, andererseits abgelöst durch professionelle Hilfswerke. Diese gingen oft aus spezifischen Problemstellungen hervor, wie 1863 das Rote Kreuz, 1882 dessen schweizerische Organisation, 1877 das Blaue Kreuz (Abstinenzbewegung), die Tuberkulosenfürsorge, Organisationen für Sehbehinderte, 1912 die Pro Juventute, 1917 die Pro Senectute und 1920 die Pro Infirmis. Im 20. Jahrhundert erfolgte auch in konfessionellen und politischen Milieus eine Koordination der bereits in verschiedenen Bereichen geleisteten Hilfstätigkeit. 1901 wurden mehrere katholische Werke in der Caritas zusammengefasst. In der reformierten Kirche wurde 1946, neben den seit dem 19. Jahrhundert bestehenden lokalen Organisationen der inneren Mission (Diakonie), das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz gegründet. Aus der Arbeiterbewegung ging 1936 das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) und 1937 die Centrale Sanitaire Suisse hervor.

Titelblatt der Monatsschrift Gebirgshilfe, Ausgabe vom März 1942 (Schweizerische Nationalbibliothek).
Titelblatt der Monatsschrift Gebirgshilfe, Ausgabe vom März 1942 (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war die Tätigkeit schweizerischer Hilfswerke – abgesehen von den Missionsgesellschaften – vorwiegend auf Notleidende im eigenen Land ausgerichtet, was unter anderem mit der Gründung der Winterhilfe 1936 und der Schweizer Berghilfe 1943 zum Ausdruck kam. Impulse für die Entwicklung der Hilfswerke gaben aber auch – wie schon bei der Gründung des Roten Kreuzes – Erfahrungen aus Kriegszeiten. Während die unterschiedlichsten Bestrebungen der humanitären Hilfe im Ersten Weltkrieg eher isoliert blieben, zeigten sich im Zweiten Weltkrieg mehr Bemühungen um Koordination. So stimmte etwa in der Flüchtlingspolitik die 1936 gegründete Schweizerische Zentralstelle für Flüchtlingshilfe (Schweizerische Flüchtlingshilfe) die Aktivitäten der verschiedenen Hilfswerke aufeinander ab und bemühte sich, grösseren Spielraum gegenüber der restriktiven Flüchtlingspolitik der Behörden zu erwirken. Mit der Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten wurde 1944 die Wiederaufbauhilfe mit staatlicher Unterstützung koordiniert. Davon gingen in der Nachkriegszeit auch Impulse für die Gründung von Hilfswerken im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit mit der Dritten Welt aus (u.a. Helvetas, Swissaid, Enfants du monde, Brot für alle, Fastenopfer). Die Tätigkeit der Hilfswerke erstreckte sich damit auch auf Gebiete, in denen bisher im diakonischen Bereich bereits Missionsgesellschaften gewirkt hatten.

Um die privaten Bemühungen im Bereich der «Liebestätigkeit» zu koordinieren und insbesondere um Missbräuche beim Sammeln von Spenden zu bekämpfen, wurde 1934 von der Landeskonferenz für soziale Arbeit die Zentralauskunftsstelle für Wohlfahrtsunternehmungen (Zewo) gegründet (2001 in eine Stiftung umgewandelt), die seit 1942 den angeschlossenen Organisationen ein Gütesiegel verleiht (2009 495). Die Gesamteinnahmen der 421 Zewo-Organisationen machten 2007 2,535 Mrd. Franken aus, wovon 908 Mio. aus privaten Spendeneinnahmen stammten.

Quellen und Literatur

  • Zewo-Jber.
  • Die Entdeckung der Schweiz, Jubiläumsschr. 25 Jahre Helvetas, 1980
  • Am Tag danach, hg. von C. Pfister, 2002
  • U. Altermatt et al., Von der kath. Milieuorganisation zum sozialen Hilfswerk: 100 Jahre Caritas Schweiz, 2002
Weblinks

Zitiervorschlag

Ruedi Brassel-Moser: "Hilfswerke", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.12.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016618/2012-12-07/, konsultiert am 06.12.2022.