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Buchillustration

Die B. ist Teil sowohl der Verlags- (Verlage) als auch der Kunstgeschichte und insbesondere der Geschichte der Grafik; ihnen allen verdankt sie ihre typischen Wesensmerkmale. In chronolog. Betrachtungsweise wechselten ergiebige und innovative Zeiten (16. Jh., 2. Hälfte des 18. Jh.) mit Phasen des Rückschritts, eng verbunden mit der allgemeinen wirtschaftl. und polit. Entwicklung (Kriege, Zensur). Räumlich betrachtet ist die Geschichte der B. in der Schweiz durch die Vormachtstellung und zuweilen gar Hegemonie der Städte gekennzeichnet, in denen ein kulturelles und universitäres Leben blühte (Basel, Genf, Zürich, Bern, Neuenburg, Lausanne). In jedem Fall ist sie an die Geschichte der Reproduktionstechniken gekoppelt: Dem Holzschnitt folgte im 17. und 18. Jh. der Kupferstich. Die Erfindung der Lithografie, der Zinkografie, die Industrialisierung der Bildherstellung im 19. Jh., der Aufschwung fotograf. Verfahren kurz vor 1900, die Verbreitung des Offsetdrucks und in jüngster Zeit die Revolution in der Informatik haben die Praxis der B. tief greifend verändert. Im weiteren Sinne umfasst diese auch das Plakat, Comics und die Karikatur. Sie hat seit einem Jahrhundert v.a. auch im Bereich der Presse Fuss gefasst.

Kolorierter Holzschnitt aus der Histoire de la belle Melusine von Jean d'Arras, herausgegeben von Adam Steinschaber in Genf, August 1478 (Bibliothèque de Genève; Fotografie Jean-Marc Meylan).
Kolorierter Holzschnitt aus der Histoire de la belle Melusine von Jean d'Arras, herausgegeben von Adam Steinschaber in Genf, August 1478 (Bibliothèque de Genève; Fotografie Jean-Marc Meylan).

Vor der Erfindung des Buchdrucks bildeten Text und Bild, die in denselben Holzstock geschnitten wurden, buchstäblich einen Block (Blockbuch). Die ersten illustrierten Buchdrucke im Gebiet der heutigen Schweiz entstanden in Basel ("Spiegel menschl. Behaltnis" 1476) und Genf ("La Mélusine" 1478, der Erste in franz. Sprache). Basel spezialisierte sich auf humanist., theol. und andere wiss. Bücher, Genf auf Volksausgaben von Romanen und auf Almanache. Basel beherrschte zwar das Feld (Illustratoren Hans Holbein der Ältere und der Jüngere, Urs Graf und Tobias Stimmer, Drucker Bernhard Richel, aus den Fam. Amerbach, Petri und Froben), erhielt aber bald Konkurrenz von Zürich (Illustrator Hans Asper, Verlegerfam. Froschauer, Naturforscher Konrad Gessner) und, in geringerem Masse, von Bern. Das Buch breitete sich also hauptsächlich in den ref. Städten aus, und die B. wurde zu politischen, didaktischen aber auch kommerziellen und ästhetischen Zwecken eingesetzt. Auf formaler Ebene wurde die ma. Buchmalerei durch eine neue Ornamentik mit Initialen, Frontispizen, Titelvignetten, Bandornamenten in Kopf- und Fussstegen, Vignetten jeweils zu Beginn und am Ende (cul-de-lampe) der einzelnen Kapitel abgelöst. Vom 17. Jh. an wurde mit der Verbreitung des Kupferstichs die Grafik fast nur noch für Frontispize verwendet, die oft voll von dekorativen und emblemat. Elementen waren. Die Kriege in Europa und die strenge Zensur schädigten den Markt des illustrierten Buchs. Der Basler Graveur Matthaeus Merian (1593-1650) ging nach Frankfurt, das Basel endgültig ins Abseits drängte. In Zürich dagegen überlebte die B. dank der Fam. Meyer, Graveuren und Verlegern, die auf Sammlungen von Porträts und Landschaften sowie auf die religiöse Ikonografie (Leben Christi, Totentanz usw.) spezialisiert waren.

"Der Aerostat". Radierung von Johann Rudolf Schellenberg aus Freund Heins Erscheinungen in Holbeins Manier, Winterthur 1785 (ETH-Bibliothek Zürich, Graphische Sammlung).
"Der Aerostat". Radierung von Johann Rudolf Schellenberg aus Freund Heins Erscheinungen in Holbeins Manier, Winterthur 1785 (ETH-Bibliothek Zürich, Graphische Sammlung).

Wie überall in Europa war das 18. Jh. in der Schweiz das goldene Zeitalter der Vignette. Das Buchformat wurde kleiner, und die Zahl der Grafiken nahm rasch zu, um den internat. Markt der Buchliebhaber zu versorgen. Zwar fand die Blüte v.a. in Paris statt (Balthasar Anton Dunker und Sigmund Freudenberger machten dort einen Teil ihrer Karriere), doch Zürich, Winterthur, Bern und Basel waren Randgebiete mit einer sehr reichen, qualitativ hoch stehenden Produktion, die europaweit Verbreitung fand. Die Kunstvereine und Künstlervereine und v.a. die zahlreichen Verleger- und Druckergesellschaften (Sociétés typographiques), die in der Schweiz entstanden, schufen günstige Voraussetzungen für das illustrierte Buch. In Neuenburg, Yverdon, Lausanne und Genf florierten die Fälschungen (u.a. der Enzyklopädie Diderots). Andere Verleger profitierten vom Tourismus, indem sie zahlreiche voyages pittoresques anboten (u.a. Peter Birmann, Gabriel Lory Vater und Sohn, Friedrich Hegi). Die Beliebtheit der "Idyllen" Salomon Gessners, die er selbst illustriert hatte, die Vorliebe für Porträtgalerien berühmter Männer und das Ansehen Albrecht von Hallers, Horace Bénédict de Saussures oder Johann Kaspar Lavaters bescherten der schweiz. Buchkunst einige ihrer schönsten Werke. In Zusammenarbeit mit den Verlegern Steiner in Winterthur, Walthard in Bern sowie Orell Füssli in Zürich spezialisierten sich Zeichner und Grafiker auf die Vignettenkunst. Einer von ihnen, Johann Rudolf Schellenberg, fertigte Tausende von Illustrationen für pädagog., zoolog., physiognom. und bibl. Werke an.

Der Stich "La classe pendant les vacances" ist im Vorwort von Rodolphe Töpffers Voyages en zigzag abgebildet, die sein Cousin Jacques-Julien Dubochet 1844 in Paris herausgab (Bibliothèque de Genève).
Der Stich "La classe pendant les vacances" ist im Vorwort von Rodolphe Töpffers Voyages en zigzag abgebildet, die sein Cousin Jacques-Julien Dubochet 1844 in Paris herausgab (Bibliothèque de Genève).

Im 19. Jh. brachten die Erweiterung des Publikums und das Aufblühen neuer Techniken dem Markt der "Illustration" ― ein aus dem Englischen entlehnter Begriff, der sich in den 1830er Jahren verbreitete ― eine weitere Blüte. Familien- und Jugendausgaben (z.B. Almanache, Jahresblätter), Reiseberichte (wie die 1844 und 1854 von Rodolphe Töpffer in Paris herausgegebenen), aber auch die nationale Ikonografie, eine Spezialität von Martin Disteli oder Karl Jauslin, erfreuten sich grosser Beliebtheit. Mehr als im 18. Jh. fanden zahlreiche Künstler wie z.B. Félix Vallotton, Théophile-Alexandre Steinlen, Carlos Schwabe, Eugène Burnand, François-Louis Schmied oder Luigi Rossi, die für die illustrierte Presse und für Luxusausgaben arbeiteten, ihren Platz im Pariser Buchhandel. Das Kunstbuch setzte sich in der Schweiz erst in der Zwischenkriegszeit durch, dank der zeitweise günstigen Konjunktur und der spekulativen Bibliophilie. Die in Lausanne, Paris und Genf ansässigen Verlage Gonin und Skira waren ebenso aktiv wie angesehen (nicht zuletzt dank B.en von Aristide Maillol, Henri Matisse und Pablo Picasso). Zahlreiche Schweizer Künstler wie Henry Bischoff, Hans Fischer oder Hans Erni haben an den Kunstbänden des 20. Jh. mitgearbeitet ― gemischten und kollektiven Werken, die bestrebt sind, sich von der heute alltäglichen und allgegenwärtigen Illustration abzuheben.

Quellen und Literatur

  • F.C. Lonchamp, L'estampe et le livre à gravures, 1920
  • F.C. Lonchamp, Bibl. générale, 1922
  • F.C. Lonchamp, Manuel du bibliophile suisse, 1922
  • M. Lanckoronska, R. Oehler, Die B. des XVIII. Jh. in Deutschland, Österreich und der Schweiz, 3 Tl., 1932-34
  • P. Leemann-van Elk, Die zürcher. B. von den Anfängen bis um 1850, 1952
  • W. Rotzler, «Buchkunst in der Schweiz», in Internat. Buchkunst im 19. und 20. Jh., 1969, 364-408
  • Basler B. 1500-1545, Ausstellungskat. Basel, 1984
  • «Buchillustration in Paris, 1900», in K+A, 1996, 356-425