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Richtstätte

Als R. (mittelhochdt. rihtstat, dingstat) bezeichnete man vom MA bis ins 19. Jh. sowohl den Ort, an dem ein Gericht tagte, wie auch den davon getrennten Schauplatz der Vollstreckung von Todesurteilen. Generell fanden Hinrichtungen zur Abschreckung in der Öffentlichkeit statt. R.n wurden auf öffentl. Plätzen (Marktplatz) ad hoc eingerichtet, v.a. bei spektakulären Exekutionen (z.B. in Basel 1691 für die Enthauptung von Johannes Fatio). Mehrheitlich aber waren die R.n mit dem Bau steinerner Galgen ab dem 13. oder 14. Jh. zu festen Örtlichkeiten geworden. Sie lagen weithin sichtbar auf Hügeln oder an Abhängen über Verkehrswegen, stets unmittelbar an der Gerichtsgrenze bei Eintritt in das Hoheitsgebiet der betreffenden Stadt oder Herrschaft. Der von einer Mauer umfasste Bezirk war meist für die unterschiedl. Todesstrafen mit Galgen, Rad und Pfahl ausgestattet. Je nach örtl. Tradition übte der gleiche Scharfrichter alle Exekutionen (Hängen, Köpfen mit Schwert, aufs Rad Flechten, Verbrennen auf Scheiterhaufen usw.) auf derselben oder auf versch. R.n aus. Ertränkt wurde in fliessenden Gewässern, in Bern z.B. in der Aare im Marzili.

Die Hinrichtung des Rudolf von Wart, 1309. Illustration aus der Schweizer Chronik von Christoph Silberysen, 1576 (Aargauer Kantonsbibliothek, Aarau, MsWettF 16: 1, S. 139, e-codices).
Die Hinrichtung des Rudolf von Wart, 1309. Illustration aus der Schweizer Chronik von Christoph Silberysen, 1576 (Aargauer Kantonsbibliothek, Aarau, MsWettF 16: 1, S. 139, e-codices). […]

Zur ritualisierten Exekution gehörte der Weg der Verurteilten vom Ort der Urteilsverkündung zur R. zu Fuss oder auf Karren in Begleitung eines Geistlichen, der Richter und der Schaulustigen. Am Galgen Exekutierte wie zur Schau aufgeknüpfte Tote (Selbstmörder, Geköpfte) wurden der Verwesung bzw. den Raben zum Frass überlassen. Abgefallene Leichen und Leichenbrand verscharrte der Scharfrichter unter oder um den Galgen. R.n dienten auch als Abdeckplätze für Tierkadaver; Scharfrichter amteten als Wasenmeister (Schinder, Abdecker).

Im MA waren R.n auf Städte und grössere Herrschaften beschränkt. Da sie Zeichen der obrigkeitl. Macht darstellten, nahm ihre Zahl im Zuge der Territorialisierung vom 16. Jh. an besonders auf dem Land zu, obwohl die Anzahl der Hinrichtungen relativ gering war (z.B. in Luzern zwischen 1562 und 1790 durchschnittlich eine alle zwei Jahre). Weil Bauarbeiten an R.n diffamierten, mussten die Obrigkeiten ihre Handwerker durch öffentl. Ruf schützen (Unehrliche Berufe).

Mit der Einführung der intramuralen Hinrichtung nach 1800, u.a. durch die Guillotine (Luzern bis 1915), bzw. nach Abschaffung der Todesstrafe gaben die Kantone als Eigentümer ihre R.n auf. Diese zerfielen, sodass oft nur Flurnamen wie etwa Galgenholz an ihre frühere Existenz erinnern. Einige R.n sind z.T. erhalten geblieben (u.a. Aarburg, Ernen, Hospental, Roveredo GR).

Quellen und Literatur

  • Idiotikon 11, 1765 f.
  • HRG 4, 1061
  • P. Henry, Crime, justice et société dans la Principauté de Neuchâtel au XVIIIe siècle, 1984
  • J. Manser et al., R. und Wasenplatz in Emmenbrücke (16.-19. Jh.), 2 Bde., 1992
  • T.R. Frêne, Journal de ma vie 2, hg. von A. Bandelier et al., 1993, 168-170
  • W. Pfister, Die Gefangenen und Hingerichteten im bern. Aargau, 1993, 214-226
  • M. Porret, Le crime et ses circonstances, 1995
  • A.-M. Dubler, «Die Region Thun-Oberhofen auf ihrem Weg in den bern. Staat (1384-1803)», in BZGH 66, 2004, 68-77