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Paravicini

Bündner Familie, die im 16. Jahrhundert teilweise zur Reformation übertrat. Nach dem Veltliner Aufstand 1620 flüchteten einige Mitglieder aus Graubünden und gründeten unter anderem die Zweige in Glarus und Basel.

Bündner Zweig

Familie aus Caspano (Veltlin), die sich ab dem 14. Jahrhundert im ganzen Tal ausbreitete. 1620 wurden etwa 20 Mitglieder der Familie ermordet, 55 flohen aus Graubünden. Von ihnen zog Vincentius Paravicini di Gottardini (1595-1678) von Traona nach Zürich und wurde später reformierter Pfarrer in Bondo und Castasegna. 1621 gab er in Zürich eine Schrift über den Veltliner Mord heraus, verfasste theologische Abhandlungen und war 1654-1678 Rektor der Landesschule zu Nicolai in Chur. Franciscus Nicolaus (1606-1668) aus Traona erwarb 1662 das Churer Bürgerrecht. Seine Nachfahren gingen in französische Dienste, unter anderem sein Enkel François Jean Baptiste (->). Im 18. Jahrhundert wirkten mehrere Paravicini in Chur als Notare. Der Zweig des Caspar (1607-1696) wanderte nach Holland und jener des Joseph (1779-1822) nach England aus.

Glarner Zweig

Begründer des reformierten Glarner Häuptergeschlechts war der Bündner Flüchtling Bartholome Paravicini di Capelli, Dr. iur., aus Berbenno bei Sondrio. Sein Sohn Peter Paul, Vieh- und Weinhändler, erwarb 1651 mit seinen Söhnen Paravicin und Bartholome das Landrecht und das Tagwenrecht zu Glarus. Ihre Nachkommen hatten verschiedene Rats- und Landvogteistellen inne oder bekleideten im Ausland hohe Offiziersstellen (Fridolin ->, Emil ->). Verschwägert waren die Paravicini unter anderem mit der Häupter- und Soldunternehmerfamilie Zwicky. Ende des 18. Jahrhunderts war Johannes im Handel und im Verlagswesen tätig. Seine Söhne Johannes (->) und Friedrich (->) gründeten 1822 in Schwanden die erste grosse Spinnerei im Kanton Glarus. 1903 war Jean (->) Mitgründer der Schweizerischen Eternitwerke AG (spätere Eternit AG) in Niederurnen. Seit 1960 leben im Kanton Glarus keine Angehörigen der Familie mehr.

Basler Zweig

1695 erhielt Vincentius (1648-1726), Sohn des Bündner Flüchtlings Vincentius (1595-1678), das Basler Bürgerrecht. Seine Enkel, der Theologe Friedrich (1736-1801) und die Kaufleute Samuel (1737-1798) und Leonhard (1745), begründeten die drei Linien der Familie. Aus der ersten Linie war Eugen (1889-1945) Leiter des Basler Museums für Völkerkunde, aus der zweiten Linie wurde Emanuel (1779-1854) mit der 1773 gegründeten väterlichen Eisenhandlung und mit der Leitung des Eisenwerks in Lützel ab 1817 reich. 1883 verloren die Paravicini ihre Vormachtstellung im Eisenhandel. Mit Samuels Enkel Rudolf (->) stieg die Familie in die Seidenbandindustrie ein. Dessen Enkel Charles Rudolphe (->) erlangte als Diplomat Ansehen. Die dritte Linie starb mit Leonhard (1777-1844), dem Gründer der gleichnamigen Stiftung, aus. Die beiden ersten Linien bestehen noch heute.

Quellen und Literatur

  • StABS, FamA
  • Schweiz. Geschlechterbuch 1, 375-378; 3, 294-303; 6, 459-461
  • I. Tschudi-Schümperlin, J. Winteler, Wappenbuch des Landes Glarus, 1937, 62, (Nachdr. 1977)
  • R.W. Standt, «Zur Gesch. der Paravicini», in Archiv für Schweiz. Familienkunde 3, 1948-1956, 159-167
  • N. Jaquet, Über das Herkommen und die Geschicke des Basler Stammes der Paravicinen, 1970
  • G.A. Wanner, 275 Jahre Basler Fam. Paravicini, 1970
  • H.R. Stauffacher, Herrschaft und Landsgem., 1989, 124-129

Zitiervorschlag

Martin Bundi; Karin Marti-Weissenbach; Thomas Schibler: "Paravicini", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/049406/2010-09-27/, konsultiert am 07.06.2023.