CantoniTI

Kunsthandwerker- und Baumeisterfamilie aus dem Valle di Muggio, deren Mitglieder im 16. bis 18. Jahrhundert auf zahlreichen Baustellen in Italien und ganz Europa tätig waren.

Wappen der Cantoni mit antikisierender Frauenbüste und Waffentrophäe. Stuckdekoration von Baldassare Fontana, erstes Viertel 18. Jahrhundert (Centro di dialettologia e di etnografia, Bellinzona; Fotografie Roberto Pellegrini, 2003).
Wappen der Cantoni mit antikisierender Frauenbüste und Waffentrophäe. Stuckdekoration von Baldassare Fontana, erstes Viertel 18. Jahrhundert (Centro di dialettologia e di etnografia, Bellinzona; Fotografie Roberto Pellegrini, 2003). […]

Die im Mittelpunkt dieser Ausführungen stehende Familie Cantoni aus Cabbio ist, zusammen mit ihrem Zweig aus Muggio, gut erforscht. Sie stammt von dem im Valle di Muggio weit verbreiteten Geschlecht der Agustoni ab; im 16. und in Quellen des beginnenden 17. Jahrhunderts führen ihre Mitglieder entsprechend häufig beide Familienamen nebeneinander. Aus der Bezeichnung de Augustonibus vocati Canton wurde mit der Zeit Cantone und später Cantoni. Der Ursprung des Beinamens Cantone bleibt dabei im Dunkeln; gesichert ist lediglich, dass es sich nicht, wie in vielen anderen Fällen, um den Übernamen eines Vaters oder einer Ehefrau handelt. Er taucht früh in genuesischen Quellen auf, etwa in Notariatsakten oder in Handschriften der Familie.

Die ältesten Belege aus dem 16. Jahrhundert erwähnen Simone und Taddeo Agustoni (vor 1544), möglicherweise Brüder oder Cousins. Sie begründeten zwei Familienzweige, deren Wege sich in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelten. Die Nachkommen von Simone lassen sich in Genua nachweisen, wo sich dieser Zweig dauerhaft niederliess. Demgegenüber blieben die Nachfahren von Taddeo mit ihrem Heimattal verbunden, obwohl sie es waren, die das Ansehen der Cantoni in der ligurischen Hauptstadt begründeten: Bernardo Cantoni (1505-ca. 1580), auch bekannt als Bernardino da Cabio, wurde als leitender Stadtarchitekt von Genua («architetto camerale per i Padri del Comune») berühmt, ein Amt, das er 1531 bis fast an sein Lebensende bekleidete. Er plante und realisierte die Strada Nuova und ab 1551 das daran angrenzende Luxuswohnviertel, leitete den Bau der Basilika Santa Maria Assunta nach Plänen des aus Perugia stammenden Architekten Galeazzo Alessi im Stadtteil Carignano (1556-1567) und verwirklichte zahlreiche weitere öffentliche sowie private Bauten. Auch seine Brüder Antonio und Pietro (1571 in Spanien), seine Cousins Agostino und Giorgio sowie seine Neffen Taddeo und Battista Cantoni taten sich als Baumeister hervor. Pier Francesco und Bernardo Cantoni, Söhne des Letzteren, waren 1625-1630 bzw. 1647-1653 ihrerseits die Stadtarchitekten Genuas. In der wirtschaftlich günstigen Zeit des 16. und frühen 17. Jahrhunderts – dem sogenannten Genueser Jahrhundert – profitierten sie von den zahlreichen Aufträgen des städtischen Adels. Später führten sie öffentliche Bauvorhaben wie die neue Hafenmole, die Stadtmauern, die Festung auf dem Monte Peralto oder die Verteidigungstürme entlang der Küste und auf Korsika aus.

In dieser Zeit entwickelten die verschiedenen Familienzweige klare Strategien im Umgang mit den wechselnden Heimat- und Wirkungsorten. Einige betrieben eine temporäre Wanderung und behielten ihren Familiensitz in Cabbio. Oft kümmerten sich die Frauen um das Haus und die Gemeinschaft im Heimattal, auch wenn einzelne wie Caterina Cantoni, die zweite Frau Pietro Cantonis, oder Anna Cantoni ihren Männern in die Emigration folgten. Andere Auswanderer heirateten in ligurische Familien ein, um sich besser in das städtische Leben Genuas zu integrieren. Wieder andere suchten aufgrund ökonomischer Schwierigkeiten und vor allem während der Pest 1656-1657 Schutz in den Tälern oder zogen an gänzlich neue Orte, wie der Zweig, der sich in und um Monaco niederliess. Zu diesen Spielarten der Mobilität kamen Heiratsstrategien hinzu, die für den beruflichen Erfolg des Geschlechts gleichermassen bedeutsam waren. Ehen wurden bevorzugt mit anderen Kunst- und Bauhandwerkerfamilien (Maestranze) geschlossen. Zur Vermögenssicherung ging man sogar Verbindungen innerhalb der eigenen Verwandtschaft ein. So heirateten etwa die Brüder Simone und Gaetano Cantoni (1745-1827) ihre Nichten, die Schwestern Maria Giuseppa und die bereits erwähnte Anna Cantoni.

In Cabbio verblieben Taddeo Cantoni (1617-1662) und später sein ältester Sohn, der bereits erwähnte Pietro Cantoni. Letzterer begründete mit seinen beiden Ehen wiederum zwei Linien im Heimattal: Die Cantoni oder Cantoni Grigo aus Muggio, die Werkleiter, Architekten und Ingenieure stellten, zu denen auch die oben genannten Brüder Simone und Gaetano Cantoni gehörten, sowie die Cantoni aus Cabbio, Inhaber einer wichtigen Stuckateurwerkstätte. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts gelang es den Stuckateuren Francesco Maria Cantoni und seinen Söhnen Pietro Matteo (1724-1798), Rocco (1731-1818), Giacomo (1734-1804) und Giovanni Battista (1736-1789), ihren Wirkungskreis zu konsolidieren und zu erweitern.

Die älteren Brüder Pietro Matteo und Rocco Cantoni brachten zusammen mit ihren Lehrlingen, den Landsleuten Bartolomeo Bernasconi, Giuseppe Petondi, Pietro Bossi, Pietro Chiesa und Carlo Fiandra, viele vom Vater Francesco Maria Cantoni begonnene Arbeiten in Kirchen und Kapellen, Sommerschlössern und Genueser Stadtpalais zum Abschluss und festigten so die Beziehungen zu den Auftraggebern. Sie schufen die Stuckaturen in den Kirchen Il Gesù in Genua (1725-1758) und San Rocco in Ognio (1734-1759), arbeiteten am herrschaftlichen Landhaus der Familie Brignole Sale in Albaro (1742-1772) sowie an den Sommerresidenzen der Durazzo in Cornigliano (1752-1773) und Albissola (1756-1760) und waren als Stuckateure im Palazzo Rosso der Brignole Sale (1743-1783), im Palazzo Reale der Durazzo (1725 und ab 1754) sowie im Stadthaus der Pallavicini (1762 und 1778-1782) beschäftigt. Die jüngeren Brüder Giacomo und Giovanni Battista Cantoni hingegen zogen in die Marken und nach Umbrien, wo sie ihre Fähigkeiten als Stuckateure und Architekten unter Beweis stellten. Sie fertigten die Stuckdekorationen in den Kirchen San Francesco in Montegiorgio (1771) und Sant'Agostino in Fabriano (1768-1769) und entwarfen die Pläne für die Kirche Sant'Agostino in Sigillo (1788-1791).

In Genua bewährte sich die Zusammenarbeit der Brüder Pietro Matteo und Rocco mit ihren Cousins Simone und Gaetano Cantoni, die sie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei den Aufträgen für die Familie Brignole Sale (Villa in Albaro und Palazzo Rosso in Genua) begonnen hatten, auch bei der Renovation des Palazzo Ducale, der nach einem Brand 1777 unter der Leitung von Simone Cantoni wieder in Stand gesetzt wurde. Auf dieser Baustelle waren viele Handwerker aus dem Muggiotal beschäftigt, die untereinander über Verwandschafts- und Lehrlingsbeziehungen mehr oder weniger eng verbunden waren: Als Spezialisten arbeiteten dort neben den Cantoni der Baumeister Gaetano Perucchi aus Castel San Pietro, die Maler und Ornamentiker Pozzi, die Maurermeister und Stuckateure Petondi sowie die erfahrenen Maurer Bonetti. Diese auf eine jahrhundertealte Familientradition zurückgehende Form der Arbeitsteilung und Zusammenarbeit, die über die eigene Werkstatt hinausgriff, brach ab, als direkte männliche Nachkommen ausblieben. In Cabbio starb die Familie mit Maria Caterina, der einzigen Tochter Rocco Cantonis, aus; in Muggio verfügten weder Simone noch Gaetano über Erben. Entfernte Verwandte der Cantoni führten zwar die Tradition des Baugewerbes weiter und versuchten ihr Glück in Argentinien, wo sich im Bausektor noch immer Möglichkeiten boten, blieben aber erfolglos. In den Dörfern des Heimattals haben die Cantoni – ähnlich wie andere Handwerkerfamilien – zahlreiche Spuren hinterlassen. Ein Beispiel dafür ist das Haus der Familie in Cabbio, in dem im 20. Jahrhundert das Museo etnologico della Valle di Muggio eingerichtet worden ist.

Quellen und Literatur

  • Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona, Cantoni-Fontana, Oldelli (corrispondenza 25), Torriani.
  • Archivio di Stato di Genova, Genua, Fondi Camera-Finanza, Corsica, Notai antichi, Palazzo Ducale, Miscellanea del Senato.
  • Archivio Durazzo Pallavicini, Genua, Fondi Durazzo, Pallavicini, Sauli.
  • Archivio storico del Comune di Genova, Genua, Fondi Brignole Sale, Conti, Palazzo Rosso, Padri del Comune.
  • Martinola, Giuseppe: L’architetto Simone Cantoni (1739-1818), 1950.
  • Poleggi, Ennio: Strada Nuova. Una lottizzazione del Cinquecento a Genova, 1968 (19722).
  • Alfonso, Luigi: Tomaso Orsolino e altri artisti di «Natione Lombarda» a Genova e in Liguria dal sec. XIV al XIX, 1985.
  • Ossanna Cavadini, Nicoletta: Simone Cantoni architetto, 2003.
  • Bianchi, Stefania: I cantieri dei Cantoni. Relazioni, opere, vicissitudini di una famiglia della Svizzera italiana in Liguria (secoli XVI-XVIII), 2013.

Zitiervorschlag

Stefania Bianchi: "Cantoni (TI)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.10.2022, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/059613/2022-10-18/, konsultiert am 22.07.2024.