Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) ist das jüngste Kapitel in der gut 350-jährigen Geschichte der schweizerischen Lexikografie. Vom Lexicon universale von 1677 bis heute spannt sich ein weiter Bogen, in dem sich neben dem technischen und konzeptionellen Wandel jedes einzelne Lexikon in seiner Entstehung doch auch immer wieder mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sah.

Die Ursprünge der schweizerischen Lexikografie

Die Tradition der schweizerischen Lexikografie reicht bis ins späte 17. Jahrhundert zurück, als der Basler Griechisch- und Geschichtsprofessor Johann Jakob Hofmann als Erster in der Schweiz ein Universallexikon verfasste (Lexicon universale [...], 1677, 2 Bände). Vorbild war Le grand dictionnaire historique (1674) von Abbé Louis Moreri. Das erste ausschliesslich der Schweiz gewidmete Lexikon ist Johann Jacob Leus Allgemeines Helvetisches, Eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon (1747-1765, 20 Bände), dessen Inhalt der Zürcher Bankier und Ratsherr in Eigenregie verfasste und dessen Druckkosten er selbst trug. Als weiterer Meilenstein in der Geschichte der schweizerischen Lexikografie ist die in den 1770er Jahren erschienene Encyclopédie d’Yverdon (58 Bände, 75'000 Artikel, 1200 Tafeln) zu nennen: Ihre Hauptquelle ist zwar die Pariser Enzyklopädie von Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert, sie ist aber trotzdem als herausragende eigenständige Leistung zu würdigen. Zahlreiche Artikel wurden von Fortunato Bartolomeo de Felice und rund 30 Mitarbeitern eigens neu geschrieben, andere überarbeitet oder vervollständigt.

Die Vorläufer des HLS im 20. Jahrhundert

Eine zweite Hochblüte der Lexika-Produktion setzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein: Während Hans Huber in Frauenfeld das Schweizerische Künstler-Lexikon von Carl Brun (1905-1917, 4 Bände) herausgab, erschien bei Victor Attinger in Neuenburg das Geographische Lexikon der Schweiz (deutsch und französisch, 1902-1910, 6 Bände). Die Anfänge des unmittelbaren Vorgängers des HLS, des Historisch-Biographischen Lexikons der Schweiz (HBLS/DHBS, deutsch und französisch, 1921-1934, 7 Bände plus Ergänzungsband), gehen auf die 1910er Jahre zurück, als Victor Attinger auf der Basis des Lexikons von Leu und des Geographischen Lexikons der Schweiz mit der Erstellung einer Stichwortliste begann, die aber durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Nach Kriegsende wurden unter der Leitung von Marcel Godet, Direktor der Schweizerischen Landesbibliothek, und Heinrich Türler, Bundesarchivar, die Arbeiten wieder aufgenommen. Leitende Mitarbeiter, oft Kantonsarchivare, zeichneten für die Autorensuche verantwortlich, ein zentrales Redaktionskomitee existierte nicht. An die Stelle der Herausgeber trat später aufgrund finanzieller Probleme, die auch die Herausgabe der letzten Bände verzögerten, eine Kommandit- bzw. eine Aktiengesellschaft.

Das am Ende des Zweiten Weltkriegs in Zürich publizierte Schweizer Lexikon sprach aufgrund seiner eher enzyklopädischen Ausrichtung ein breites Publikum an. Unter einem nahezu identischen Titel erschien im Zusammenhang mit der 700-Jahr-Feier des Bundes das Schweizer Lexikon 91 (1991-1993, 6 Bände; 1998-1999 Volksausgabe in 12 Bänden). Die Beiträge zur Schweiz wurden spezifisch für das Lexikon verfasst, die allgemeinen Artikel der Enzyklopädie von Joseph Meyer entnommen.

Zur reichen lexikografischen Tradition gehören neben den national ausgerichteten Grossprojekten auch die vielen seit dem 19. Jahrhundert publizierten Nachschlagewerke, die sich einzelnen Kantonen, Themen (z.B. Kunst) oder Kategorien (z.B. Biografien) widmen.

Das Historische Lexikon der Schweiz: Die Anfänge

Nach der Publikation des lange Zeit rege benutzten Historisch-Biographischen Lexikons der Schweiz wagte sich in der Schweiz während Jahrzehnten niemand mehr an die Herausgabe eines historischen Lexikons. In den 1960er Jahren manifestierte sich jedoch verstärkt der Wunsch, der Schweiz ein neues aktualisiertes historisches Nachschlagewerk zu verschaffen, das auch der Neuausrichtung der Geschichtswissenschaft zu einer Histoire totale Rechnung tragen sollte.

Für ein neues Lexikon der Schweizer Geschichte wurden zudem staats-, kultur- und sprachpolitische Argumente ins Feld geführt: Über die Erarbeitung umfassender Informationen zur Schweiz und ihrer Geschichte hinaus sollte das Lexikon eine Brücke zwischen den Landessprachen schlagen. Dem sprachpolitischen Argument kam dabei besondere Bedeutung zu: Die italienischsprachige Schweiz sollte zum ersten Mal ein umfassendes Nachschlagewerk zur Schweizer Geschichte in italienischer Sprache erhalten – und die rätoromanische Schweiz eine Teilausgabe.

Auf Anregung des Eidgenössischen Departements des Innern und initiiert von der Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft der Schweiz (heute Schweizerische Gesellschaft für Geschichte, SGG) lancierte die Schweizerische Geisteswissenschaftliche Gesellschaft (heute Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, SAGW) ein Projekt zur Erarbeitung einer umfassenden Enzyklopädie zur Schweizer Geschichte, das gestützt auf das Forschungsgesetz von 1983 von den Bundesbehörden 1987 genehmigt wurde und seither mehrheitlich vom Bund finanziert wird.

Die Druckausgabe

Nach der Gründung einer entsprechenden Stiftung begann 1988 eine wissenschaftliche Redaktion unter der Leitung von Chefredaktor Marco Jorio (bis 2014) mit der Umsetzung. Nach umfangreichen Konzeptarbeiten, dem Aufbau eines Netzes von externen Mitarbeitenden (Autorinnen und Autoren, wissenschaftlichen Beraterinnen und Beratern, Übersetzerinnen und Übersetzern) und der Erarbeitung einer Stichwortliste setzte 1992 die eigentliche Redaktionstätigkeit ein. Die sich verschlechternde finanzielle Lage des Bundeshaushalts mit substanziellen Kürzungen für das HLS führten einerseits zu einer Verzögerung der Drucklegung, andererseits eröffnete der digitale Wandel, verbunden mit dem Aufkommen neuer Medien, neue Potenziale.

Von 2002 bis 2014 erschien jeweils im Oktober je ein Band in Deutsch (Schwabe Verlag, Basel), Französisch (Editions Gilles Attinger, Hauterive) und Italienisch (Armando Dadò Editore, Locarno). Nach der Veröffentlichung des 13. Bandes lag die Druckausgabe des HLS mit insgesamt 39 Bänden komplett vor. Die romanische Teiledition Lexicon Istoric Retic (LIR, 2010, 2012, 2 Bände) wurde durch die Chasa editura Desertina in Chur verlegt. Mit dem Abschluss des Druckwerks war der erste Teil des Stiftungszwecks der Stiftung HLS erfüllt: "[die] Herausgabe des historischen Lexikons der Schweiz sowie dessen Weiterführung in Form einer Datenbank".

Erste digitale Versuche: Das e-HLS

Die Grundlagen für eben diese "Weiterführung in Form einer Datenbank" waren schon in den frühen 1990er Jahren gelegt worden, was dem HLS die Möglichkeit bot, bereits 1998 eine digitale Ausgabe des HLS anzubieten, zunächst als Lückenbüsser für die verspätete Druckausgabe.

Bis zur Aufschaltung des neu konzipierten Webauftritts 2018 blieb die Online-Ausgabe im Wesentlichen eine Kopie der Druckausgabe, beschränkt auf die Texte und ohne die Möglichkeiten des Digital Publishing (Multimedialität, Vernetzung, intelligente Suchfunktionalitäten). Erst der Wegfall vertraglicher Verpflichtungen mit den Verlegern der Buchausgabe und neue rechtliche Vereinbarungen mit den zahlreichen Bildgebern erlaubten ab Anfang 2017 auch die digitale Veröffentlichung von Bildmaterial und Infografiken.

Ein grundlegend erneuertes digitales HLS: Erste Entwürfe und Evaluation

Nach Abschluss der Druckausgabe erhielt die Stiftung HLS 2009 vom Staatssekretariat für Bildung und Forschung (SBF) den Auftrag, ein Projekt für ein neues, mehrsprachiges, digitales und multimediales Nachschlagewerk zur Schweizer Geschichte zu entwickeln. Das SBF stimmte dem Entwurf 2010 zu und auch Bundesrat und Parlament sprachen sich 2012 grundsätzlich für die Fortführung des HLS aus. Als Gründe wurden angeführt:

  • Erhalt und weitere Nutzung des während zweier Jahrzehnte aufgebauten Know-hows und damit eine nachhaltige Valorisierung der bisher getätigten Gesamtinvestitionen

  • hohes Nutzungspotenzial für die Wissenschaft

  • hohes Nachfragepotenzial im Bereich von Informations- und Dienstleistungsaufgaben zugunsten öffentlicher wie privater Institutionen

  • nationale Referenz- und Koordinationsstelle zu vergleichbaren Unternehmen auf europäischer Ebene

Aufgrund der 2013 gesprochenen, gegenüber den ursprünglichen Vorstellungen deutlich reduzierten Mittel mussten am Projektentwurf zahlreiche Anpassungen vorgenommen werden. Konkret bedeutete dies den vorläufigen Verzicht auf eine englische Ausgabe, einen historischen Atlas oder eine eigenständige Bilddatenbank zur Schweizer Geschichte. Planung, Konzeption und Umsetzung sollten sich auf das lexikografische Kernprodukt beschränken, der Betrieb sollte dementsprechend reorganisiert werden. Die neuen Rahmenbedingungen boten gleichzeitig den Anlass, das gedruckte HLS im Hinblick auf seine Fortführung als Internet-Lexikon zu evaluieren, um darauf aufbauend seine zentralen Eigenschaften zu definieren und zu konkretisieren. Eine interne Evaluation erlaubte Rückschlüsse auf konzeptionelle und redaktionelle Stärken und Schwächen und eine Online-Umfrage bei rund 2000 Personen lieferte Informationen zur Zufriedenheit der Leserinnen und Leser mit den Inhalten und Konzepten des HLS und zur Nutzung des Lexikons. Ein Benchmarking mit vergleichbaren internationalen Nachschlagewerken ergänzte die Ergebnisse der Evaluation.

Neukonzeption und Neuausrichtung des Unternehmens

Die Neukonzeption stützte sich 2014-2016 auf die Ergebnisse der Evaluation und des Benchmarkings: Zunächst wurden die zentralen Attribute Wissenschaftlichkeit, Aktualität, Multimedialität, Vernetzung und Mehrsprachigkeit präzise gefasst, anschliessend die inhaltlichen Elemente neu konzipiert sowie die Ausgestaltung von Informatikstruktur, Datenbank und Webdesign an die Hand genommen.

Die daraus entstandene Gesamtkonzeption Neues HLS – Synthese wurde im Sommer 2015 in die Vernehmlassung geschickt: 33 Institutionen nahmen Stellung, darunter die Schweizerische Nationalbibliothek, das Schweizerische Nationalmuseum, die Erziehungsdirektorenkonferenz sowie die meisten historischen Institute der Schweizer Universitäten. Einhellig sprachen sich die beteiligten Institutionen für die Fortführung des HLS als Online-Lexikon aus. Die vorgelegte Konzeption fand ein überaus positives Echo. Die zahlreichen wertvollen Inputs trugen zur weiteren Optimierung der Gesamtkonzeption bei, die der Stiftungsrat im Oktober 2015 definitiv verabschiedete. Parallel zur konkreten Umsetzung der inhaltlichen Elemente wurden neue Prozesse definiert und die Betriebsstruktur an die finanziellen Rahmenbedingungen und die neuen Aufgaben angepasst. Mit deren Einführung, dem Anschluss des HLS an die SAGW und dem Amtsantritt des bisherigen operativen Leiters Christian Sonderegger als Direktor per 1. Januar 2017 fand auch die institutionell-strukturelle Transition ihren Abschluss. 2017 und 2018 erfolgte die informationstechnische Umsetzung der Konzeption (Webseite, Redaktionssystem, Taskmanagement), die aus der Druckausgabe migrierten Inhalte und Daten wurden optimiert und internettauglich gemacht (Verschlagwortung, Verlinkung, Multimedialisierung etc.) und die Produktion neuer Inhalte wurde aufgenommen. Seit Dezember 2018 ist der neue Online-Auftritt des HLS öffentlich zugänglich.

Stiftungsrat HLS, 1988-2016 (PDF)
Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des HLS, seit 1988 (PDF)

Jahresberichte (PDF)

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Jahresbericht 2004
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Jahresbericht 2009
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