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Wetzikon (ZH)

Polit. Gem. ZH, Bez. Hinwil, die südlich des Pfäffikersees im Zürcher Oberland liegt und neben W. die Ortsteile Kempten (mit Burg), Ettenhausen, Robenhausen, Medikon und Linggenberg-Robank umfasst. 1044 Weihenchovan (Kopie von 1787). 1467 ca. 295 Einw.; 1634 740; 1799 2'491; 1850 3'364; 1900 5'690; 1950 8'017; 1970 13'469; 2000 18'129.

Vorrömische Zeit

Im Ried von Robenhausen entdeckte Jakob Messikommer bei der Kanalisierung der Aa 1858 prähist. Pfahlbauten. Im feuchten Untergrund hatten sich neben den übl. Pfahlbaufunden v.a. Objekte aus organ. Materialien wie Gewebe, Geflechte, Holzgeräte, Samen, Früchte und Getreide ausserordentlich gut erhalten, sodass Messikommers Ausgrabungen bald international bekannt wurden. Zur Finanzierung seiner Grabungen verkaufte dieser Funde an Museen in der ganzen Welt. Neben dem Schweiz. Landesmuseum in Zürich besitzt auch das Museum W. eine reichhaltige Sammlung. 1872 definierte die franz. Forschung gar eine archäolog. Zeitstufe als Robenhausien; der Begriff setzte sich allerdings nicht durch.

Neuere Forschungen zeigen, dass die Ufer des Pfäffikersees über alle Zeiten hinweg relativ dicht besiedelt waren. An mehreren Fundstellen bezeugen Steingeräte die Anwesenheit von spätpaläolith. und mesolith. Wildbeutergruppen. Im Neolithikum und in der Bronzezeit standen am damals um einiges grösseren Pfäffikersee mehrere Bauerndörfer. Zu den spektakulären Funden aus dieser Zeit zählen eine Türe und mehrere Einbäume. 1999 wurde in Robenhausen ein Webgewichtensemble mit fast 30 Textilfragmenten ausgegraben. Offenbar war ein Webstuhl durch einen Brand zerstört worden.

Ebenfalls erst vor einigen Jahren kamen in Kempten schweizweit seltene Siedlungsreste der endneolith. Glockenbecherzeit zum Vorschein. Der Hügel Robank-Burg, der erstmals 1888 angegraben wurde, enthielt Steinsetzungen, ein Grab der mittleren Bronzezeit und eisenzeitl. Scherben. Weitere, aus der Hallstattzeit datierende Tumuli wurden ebenfalls früh ausgegraben; aus dem 1857 untersuchten Grabhügel in der Schönau stammen zwei fast vollständig erhaltene, reich verzierte Bronzearmbänder des Typs W. Gräber der Latènezeit wurden in Robenhausen und Medikon entdeckt.

Von der römischen Zeit bis 1798

In Kempten bestand ein ausgedehnter röm. Gutshof (1996-2005 untersucht), der von der Mitte des 1. bis Anfang des 4. Jh. n.Chr. bewohnt war. Die Gebäude lagen in der Nähe der sog. Rät. Strasse von Winterthur nach Kempraten. An mehreren Orten in der Gem. wurden alemann. Gräber gefunden.

811 schenkte der alemann. Adlige Landbert Güter in Kempten (Camputuna/Campitona) dem Kloster St. Gallen. Dieser Güterkomplex sowie die niederen Gerichte über Kempten waren den 1223-1392 bezeugten Frh. von Kempten erblich verliehen. Deren oberhalb des Dorfs gelegene Burg wurde von den damaligen Inhabern, den Blarer von Wartensee, Mitte des 16. Jh. aufgegeben; fortan dienten drei versch. Gerichtshäuser in Kempten als Herrschaftssitze. Die Gerichtsherrschaft blieb bis 1798 bestehen. Die im HochMA entstandene Gerichtsherrschaft W. geht auf die ab 1229 sicher fassbaren Frh. von W. zurück, deren Abstammung von den in der sog. Hunfried-Urkunde 1044 erw. de Weihenchovan angezweifelt wird. Die bei Oberwetzikon gelegene Burg und die Herrschaft W. befanden sich spätestens ab 1320 im Besitz der Ebersberger; sie kamen um 1430 nach mehreren Besitzerwechseln an die Breitenlandenberger und 1526 an den reichen Bauern Heini Weber von Egg. Die bis 1798 bestehende niedere Gerichtsherrschaft W. umfasste Ober- und Unterwetzikon, Walfershausen, Stegen, Ober- und Untermedikon, Neubruch sowie die Höfe Böhnler (Gem. Gossau), Erlosen und Bossikon (beide Gem. Hinwil). Von ca. 1570 bis 1671 war die Herrschaft geteilt und wurde von der Burg bzw. vom Gerichtshaus Walfershausen aus verwaltet. 1581 übernahm mit Marx von Escher erstmals ein Vertreter des Stadtzürcher Patriziats die Herrschaft; 1606-1755 gehörte sie der Fam. Meiss, welche die Burg 1614-17 zu einem Schloss ausbaute.

Die Dörfer der heutigen Gem. W. lagen vom HochMA an im Grenzbereich dreier versch. Herrschaftsgebiete. Die Hochgerichtsrechte über Robenhausen und Robank gehörten zur Herrschaft Greifensee, gelangten mit dieser 1402 an Zürich und waren in der Folge bis 1798 als Exklave Teil der Landvogtei Greifensee. Das Hochgericht über Kempten, Ober- und Unterwetzikon lag bei der Herrschaft Grüningen und kam 1408 an Zürich, das diese Dörfer bis 1798 in der Landvogtei Grüningen verwaltete. Ettenhausen zählte hochgerichtlich zur Herrschaft Kyburg, kam mit dieser 1424 bzw. 1452 an Zürich und war bis 1798 als Exklave der Landvogtei Kyburg angegliedert.

Die kirchl. Verhältnisse im Früh- und HochMA sind nicht restlos geklärt. Die Lokalgeschichtsschreibung geht davon aus, dass die Standorte der erstmals 857/858, letztmals 1320 erw. Ratpoldskirche und der 1334 erstmals genannten Kirche in Oberwetzikon, deren Patrozinium nicht überliefert ist, identisch seien. 1711-13 sowie 1895-97 wurde die Kirche jeweils neu gebaut. Der Inhaber der Herrschaft W. besass die Kollatur; sie kam über die Breitenlandenberger 1526 an die Fam. Weber von Egg, die sie 1563 dem Rat von Zürich abtrat. Die Pfarrei umfasste schon früh die meisten Siedlungen der heutigen Gemeinde. Eine Zwischenstellung zwischen W. und Bäretswil nahm die 1275 erw. Kapelle St. Paulinus in Ettenhausen ein. Spätestens nach deren Profanierung in der Reformationszeit war die dortige Bevölkerung nach W. kirchgenössig. Ein Teil von Unterwetzikon sowie Obermedikon - die dortige Filialkapelle wurde um 1525 abgetragen - gehörten kirchlich ursprünglich zu Gossau und wurden 1775 nach W. umgeteilt. 1621-1991 wurde die Kirche Seegräben von W. aus versehen. Seit 1890 halten die Katholiken Gottesdienste in W. ab; 1924 wurde die Franziskuskirche in W., 1975 die Heilig-Geist-Kirche in Kempten eingeweiht.

19. und 20. Jahrhundert

Einigende Klammer und territoriale Basis für die Bildung der polit. Gemeinde 1798 war die ref. Kirchgemeinde. W. war ab 1798 Teil des Distrikts, ab 1803 des Bez. Uster, kam 1814 ans Oberamt Grüningen und 1831 schliesslich zum Bez. Hinwil. Die dörfl. Selbstbestimmung lebte im 19. Jh. in sieben Zivilgemeinden fort: Ober- und Unterwetzikon, Kempten, Robenhausen, Ettenhausen und Robank bestanden bis 1928, während sich die 1825 neu formierte Zivilgemeinde Burg schon 1875 aufgelöst hatte.

Neben die auf Getreidebau und in den ausgedehnten Riedgebieten am Pfäffikersee auf Streue- und Torfgewinnung ausgerichtete Landwirtschaft trat im 18. Jh. die textile Heimarbeit, die um 1800 rund der Hälfte der Einwohnerschaft einen Verdienst bot. Das Gewerbe bestand aus dörfl. Handwerk, Mühlebetrieben in Kempten und Stegen, einer Gerberei und einer Färberei (heute Museum) sowie drei ehehaften Tavernen in Kempten, Oberwetzikon und Walfershausen. Ab 1815 machte die Mechanisierung der Textilindustrie W. zu einem bedeutenden Fabrikstandort mit mehreren Baumwollspinnereien und -webereien, die hauptsächlich entlang des Chämptnerbachs in Kempten sowie des Aabachs bei Stegen, in der Schönau, in Untermedikon und im Floos errichtet wurden. Gegen Ende des 19. Jh. gesellten sich Seidenzwirnereien und -webereien sowie Stickereien dazu. Im Zusammenhang mit der Textilindustrie siedelte sich auch Maschinenindustrie an (z.B. 1863 Giesserei Honegger), die im 20. Jh. an Bedeutung gewann (z.B. 1899 Mechan. Eisenwarenfabrik Kempten, 1916 Nutzfahrzeugfabrik FBW, 1918 Sicherheitsschlösser Bauer) und W. eine vielfältige Industriestruktur verlieh. Von 1858 bis etwa 1876 wurde südlich von Unterwetzikon Schieferkohle abgebaut.

Um die Mitte des 19. Jh. entwickelte W. sich dank Strassenausbauten (ab 1831 nach Pfäffikon, Hinwil, Bauma) und -neuanlagen (durch das Aatal nach Uster) sowie den Bahnbau zu einem regionalen Verkehrsknotenpunkt. 1857 erfolgte in Unterwetzikon der Anschluss an die Strecke nach Wallisellen, die in den folgenden Jahren nach Rapperswil (SG) verlängert wurde. 1876 wurde die Strecke Effretikon-Hinwil mit Bahnhöfen in Kempten und W. eingeweiht. 1901-69 bestand in Emmetschloo eine Station an der Uerikon-Bauma-Bahn. 1903-50 war zwischen W. und Meilen eine Schmalspurbahn in Betrieb, 1903-39 eine Strassenbahn zwischen dem Bahnhof W. und Kempten. Die stillgelegten Bahnen wurden durch Busse der 1945 gegr. Verkehrsbetriebe Zürcher Oberland ersetzt.

Fabrikgebäude, Fabrikantenvillen und Arbeiterwohnhäuser veränderten das Siedlungsbild ausserhalb der Dorfkerne. Beim peripher gelegenen Bahnhof W. bildete sich noch vor 1900 ein kleiner Siedlungsschwerpunkt mit städtisch anmutenden Gebäuden (Hotel, Bank, Post, Fabrikantenvilla, Buchdruckerei). Entlang der Bahnhofstrasse wuchsen Unterwetzikon, Walfershausen, Oberwetzikon und Kempten zu Beginn des 20. Jh. allmählich zusammen. Robenhausen und Oberwetzikon verbanden sich ebenfalls entlang einer Verbindungsstrasse. Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich die langgezogene Siedlung an den Dorfrändern in die Breite, wobei die Felder zwischen den ursprüngl. Dörfern überbaut und die hist. Siedlungsstrukturen verwischt wurden. Zwischen Kempten und Robenhausen entstand ein weiteres grosses Industriegebiet.

1955 war W. ein typ. Industriedorf mit 75% aller Arbeitsplätze im 2. Sektor. Dessen Bedeutung nahm aber stetig ab; 1985 stellte er 54% und 2005 nur noch 33% der Arbeitsplätze in der Gemeinde. Das grosse Angebot an Arbeitsplätzen (2005 10'671) und Wohnmöglichkeiten sowie die Ansiedlung von Berufsschulen (ab 1863), Kreisspital (1910) und Kantonsschule (1955) machten W. zu einem Zentrum des Zürcher Oberlands. In den 1970er und 80er Jahren konzentrierte sich der Bau von grossen Einkaufsläden in der Nähe der ref. Kirche in Oberwetzikon, wo sich auch das Gemeindehaus befindet (Neubau 1983). 2012 beschlossen die Stimmbürger die Einführung eines Gemeindeparlaments.

Quellen und Literatur

  • Kantonsarchäologie Zürich
  • Museum W.
  • F. Meier, Gesch. der Gem. W., 1881
  • Kdm ZH 2, 1943, 248-256
  • W. Altorfer, Als W. noch ein Dorf war, 1984
  • J. Streuli, «Die Frh. von W. und von Kempten», in ZTb 1991, 1990, 43-73
  • Eine Ahnung von den Ahnen, 1993
  • B. Frei, W., 2001
  • SPM 5, 401
  • K. Altorfer, Die prähist. Feuchtbodensiedlungen am Südrand des Pfäffikersees, 2010.
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