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AarwangenGemeinde

Politische Gemeinde des Kantons Bern, Amtsbezirk Aarwangen. Strassendorf am rechten Ufer der Aare mit den Vierteln Bleuerain, Mumenthal, Schürhof, Vorstadt, Hard und Moosberg, den Weilern Haldimoos und Meiniswil. 1255 villa Arwangen. Aarwangen entstand am Aareübergang und am Handelsweg von Langenthal durch die Klus von Balsthal nach Basel. Marktort, Vogtei- und Bezirkshauptort. 1588 51 Haushalte; 1764 179 Feuerstellen und 718 Einwohner; 1850 1725; 1900 1793; 1950 2469; 2000 4001.

Die Überschwemmungen der Langeten im Gebiet Hard-Vorstadt waren der Besiedlung abträglich, deshalb finden sich nur spärliche Siedlungszeugen aus der Zeit bis ins Hochmittelalter, unter anderem Grabhügel im Burger- und Spichigwald (Neolithikum-Latènezeit) sowie ein hochmittelalterliches Erdwerk (Holzburg) im Spichigwald. Nach dem Bau der Aarebrücke und des Wasserschlosses im 13. Jahrhundert entwickelte sich Aarwangen zur Zollstätte (1313 erwähnt) und zum Marktort, blieb jedoch ohne Stadtrecht. Brücke, Burg, Dorf und das Niedergericht Aarwangen, das ausserdem Bannwil und Graben umfasste, gehörten den Rittern von Aarwangen und bildeten den Kern ihrer Herrschaft. Das Hochgericht war Teil der kyburgischen Landgrafschaft Burgund und kam mit dieser 1406 an Bern. Die Kapelle im Dorf (1331 erwähnt, romanische Baureste des 13. Jh., Heiligkreuzpatrozinium) war der Kirche Wynau unterstellt. 1482 veranlasste Bern, dass der Kaplan von Aarwangen auch Bannwil versah. Nach dem Bau der bestehenden Kirche (1577) löste sich Aarwangen von Wynau; Bannwil wurde Filiale von Aarwangen.

Zertifikat der Republik Bern für einen Metzgergesellen von Langenthal, ausgestellt im Oktober 1777 durch den Meister Ueli Mattis von Gutenburg. Die drei Vignetten stammen vom Berner Kleinmeister Johann Ludwig Nöthiger (Schweizerisches Nationalmuseum).
Zertifikat der Republik Bern für einen Metzgergesellen von Langenthal, ausgestellt im Oktober 1777 durch den Meister Ueli Mattis von Gutenburg. Die drei Vignetten stammen vom Berner Kleinmeister Johann Ludwig Nöthiger (Schweizerisches Nationalmuseum).

Nach dem Kauf der Herrschaft durch Bern (1432) gewann Aarwangen als Hauptort der neuen Landvogtei an Bedeutung. Die Einwohner kauften sich 1439 von der Leibeigenschaft los und wurden der bernischen Wehr-, Fuhr- und Steuerpflicht unterstellt. Unter den Städten und Dörfern mit Marktrecht war Aarwangen 1468/1478 der einzige Ort, dem der privilegierte Handel mit Salz, Eisen, Stahl und Tuchen gestattet war. Der Markt hatte aber kurzen Bestand, wohl wegen zu grosser Nähe zum Langenthaler Markt. Nach dem Brand des Dorfes Aarwangen ging er 1515 ein und wurde erst 1795 auf Verlangen der Gemeinde wieder eingeführt. Wichtiger waren die Anlegestelle für Aareschiffe mit der Ablage für Wein und Korn (staatliche Kornmagazine von 1616-1617 bzw. 1762) und der Umschlagplatz für Holzflösse. Im Bauernkrieg von 1653 sympathisierte die Bevölkerung mit den Aufständischen; der Schulmeister Emanuel Sägesser wurde hingerichtet. Schon im 18. Jahrhundert erfolgten die Auflösung der Zelgen und der Übergang zu Feldgraswirtschaft. Die arme Bevölkerung fand ihr Auskommen zunehmend in der Seidenbandweberei und in Handwerken. Im Bleuerain entstand eine Tauner- und Handwerkersiedlung.

Nach einem kurzen Unterbruch um 1802 blieb der Sitz des Regierungsstatthalters in Aarwangen. 1844 wurde er nach Langenthal verlegt. Im Schloss verblieben Amtsgericht, Kanzlei und Gefängnis. Zur Kirchgemeinde Aarwangen stiess 1871 Schwarzhäusern. 1862-1988 wurde eine staatliche Erziehungsanstalt für Knaben im Kornhaus (Schulheim) geführt, 1933 die Sekundarschule eröffnet. Aarwangen blieb bis zum Zweiten Weltkrieg ein landwirtschaftlich geprägtes Kleinzentrum mit Landwirtschaftsschulen, Ersparniskasse, Käserei- und Obstverwertungsgenossenschaft sowie Käsehandel. Bereits 1857 war Aarwangen durch die Streckenführung der Centralbahn benachteiligt worden, und auch der Anschluss an die Schmalspurbahn Langenthal-Niederbipp (1907) förderte mehr die Ausrichtung auf das Wirtschaftszentrum Langenthal (1990 66% Wegpendler, v.a. nach Langenthal) als die eigene Industrialisierung. Dominant blieben die traditionellen Leichtindustrien: Wollgarn- bzw. Handschuhfabrik (beide bis 1989). In der Industrie- und Gewerbezone im Hard siedelte sich seit den 1960er Jahren unter anderem der Textilmaschinenbau an. Neue Wohnquartiere entstanden in den 1930er Jahren mit kommunaler Subvention im Hard und seit den 1970er Jahren in den Farneren. Den industriellen Charakter der Gemeinde unterstreicht die Zahl von 38% Erwerbstätigen im 2. Sektor (1990).

Quellen und Literatur

  • P. Kasser, Gesch. des Amtes und Schlosses Aarwangen, 21953
  • A. Hertzog, E. Moser, Aarwangen, 1968
  • E. Moser, Die Kirche Aarwangen 1577-1977, 1977
  • Aarwangen, 1989
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Aarwangen (Gemeinde)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 03.11.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000184/2010-11-03/, konsultiert am 01.12.2022.