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BurgdorfGemeinde

Luftaufnahme, Ende der 1980er Jahre (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Bestand Comet Photo AG).
Luftaufnahme, Ende der 1980er Jahre (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Bestand Comet Photo AG). […]

Politische Gemeinde des Kantons Bern, Hauptort des Amtsbezirks Burgdorf. Sie umfasst die ehemals befestigte Altstadt links der Emme (Schloss, Oberstadt, Unterstadt), Aussenquartiere in der Gürtelzone und an den Ausfallstrassen sowie Flächenbebauungen im Talboden beidseits der Emme und auf dem Moränenhügel. Auf Gemeindegebiet liegen der heute industrialisierte Schachen beidseits der Emme (Lochbach und Brunnmatt im Süden, Neumatt und Buchmatt im Norden), das waldreiche Unterbergental links und das Trockental rechts der Emme (Inneres und Äusseres Sommerhaus, Grafenschüren). Burgdorf hat eine evangelisch-reformierte (Stadtkirche) und seit 1884 eine römisch-katholische Kirchgemeinde. Seit 1803 ist das Schloss Sitz der Bezirksbehörden. 1236 in oppido Burchtorff, französisch Berthoud.

Die Stadt liegt an der Talenge über dem Austritt der Emme aus dem Emmental ins tiefere Mittelland; sie überwachte den west-östlichen Strassenverkehr über die lange Zeit einzige Emmenbrücke (Zollstelle) und den Flossverkehr emmeabwärts. Die Gründung von Burg und Stadt gehörte in das burgundisch-zähringische Konzept einer zweiten Mittelland-Transversale vom Genfersee zum Rhein, die südlich der römischen verlief. Im 18. Jahrhundert gab Bern beim Ausbau seines Kunststrassennetzes der Route über Kirchberg den Vorrang gegenüber jener über Burgdorf-Wynigen, was Burgdorf im 19. Jahrhundert bewog, für den Anschluss an die Eisenbahn Bern-Olten zu kämpfen. Der Planungsverband "Region Burgdorf" umfasst auch Teile der Amtsbezirke Fraubrunnen und Trachselwald. Burgdorf beherbergt regionale Schulen und kulturelle Einrichtungen. Als Knotenpunkt der Bahnlinien Olten-Bern, Solothurn-Thun, Burgdorf-Langnau und im alten Landstrassennetz liegt Burgdorf günstig für Industrie und Gewerbe (Markthalle).

Bevölkerungsstruktur der Gemeinde Burgdorf

Jahr17641798
Einwohner1 2251 295
   
Jahr 18501880a191019301950197019902000
Einwohner 3 6366 5819 3679 77211 58615 88815 37314 714
SpracheDeutsch 6 4439 1319 53511 18813 85613 49413 088
 Französisch 65122146215175131116
 Italienisch 6291591301 394662402
 Andere 1123321304631 0861 100
KonfessionProtestantisch 6 2568 7659 08710 62812 88211 3289 934
 Katholisch 2895216218802 8092 2411 993
 Andere368164781971 8042 787
 davon konfessionslos      533986
NationalitätSchweizer3 4856 2268 8999 48911 30913 81313 30512 404
 Ausländer1513554682832772 0752 0682 310

a Einwohner und Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache und Konfession: ortsanwesende Bevölkerung

Bevölkerungsstruktur der Gemeinde Burgdorf -  Staatsarchiv Bern; Bundesamt für Statistik; Bernhist, Historisch-Statistische Datenbank, 1984-2006

Älteste Siedlungsspuren

Funde aus Neolithikum, Spätbronze- und Hallstattzeit bezeugen die frühe Besiedlung des Raums, wobei der Schwerpunkt bis ins Mittelalter rechts der Emme lag: Zu nennen sind Einzelfunde unter den Flühen, im Fernstallwald und Lerchenbühl (neolithisch) sowie auf dem Schlossfelsen (spätbronzezeitlich), ein Erdwerk mit Doppelwall und Graben (hallstattzeitlicher Fürstensitz?) auf den Gisnauflühen, hallstattzeitliche Grabhügel auf den Flühen, im Bättwilhölzli, bei Grafenschüren und im Wietlisbachwald, ein frühmmittelalterliches Reihengräberfeld auf dem Gsteig sowie ein Schalenstein im Pleerwald.

Vom Hochmittelalter bis zur Helvetik

Stadtgründung und Stadtherren

Im Hochmittelalter lag der Raum Burgdorf im Bereich des burgundischen Königshofs Kirchberg und kam nach 1080 an die Zähringer. Diese oder die hochburgundischen Könige erbauten auf dem linken Ufer die Burg. Der zähringischen Stadtgründung (Oberstadt-West) im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts folgte vor 1287 die erste (Oberstadt-Ost) und 1287-1300 die zweite kyburgische Stadterweiterung durch Einbezug der vorstädtischen Siedlung Holzbrunnen (Unterstadt). Alter Markt (innerhalb der Burgbefestigung, 1322 rechtlich in die Stadt einbezogen), Barfüsserkloster und (Niederes) Spital lagen anfangs ausserhalb der Stadtmauern. Um 1300 hatte die Stadt ihre definitive Ausdehnung innerhalb des Mauerrings erreicht. Ab 1323 bestand ein Bauverbot im Umkreis der Mauern; erst nach 1800 wuchs Burgdorf über diese hinaus. Nach dem Tod des letzten Zähringers 1218 konnte dessen Witwe ihre Ansprüche auf Burgdorf nicht durchsetzen, die Haupterben, die Grafen von Kyburg, nahmen Stadt und Burg an sich. Ab 1273 war das Haus Neu-Kyburg Stadtherr. Sein politisches Lavieren zwischen Österreich und Bern brachte Ungemach, so 1363 die Verpfändung Burgdorfs an Österreich trotz gegenteiligem Versprechen an die Stadt von 1331. Der von Rudolf II. von Kyburg vom Zaun gebrochene Burgdorferkrieg zwang Burgdorf nach Rudolfs missglücktem Überfall auf Solothurn zur Kriegserklärung an Bern; dies führte zur Belagerung durch Bern und dessen Verbündete.

Burgdorfs Autonomie im bernischen Staat

Nach eidgenössischer Vermittlung erwarb Bern die Kleinstadt 1384. Der Niedergang der Kyburger hatte Burgdorf politische und wirtschaftliche Privilegien eingebracht, die Bern 1384 alle anerkannte. Dies erklärt die einzigartige Autonomie Burgdorfs im altbernischen Staat. Basis des Stadtrechts war die vom Haus Neu-Kyburg gewährte Handfeste von 1273 (1300, 1322, 1326 bestätigt) mit zwei verschollenen Vorläufern, ergänzt durch Stadtsatzungen von 1465, 1540 und 1622. Burgdorf besass das niedere Gericht im sogenannten Stadtgericht (heutiges Gemeindegebiet links der Emme) und ab 1323 das hohe Gericht innerhalb der Burgernziele. Der Landtag (Blutgericht) fand vor dem Rathaus statt, Richtstätte war der Galgenbühl über dem Lindenfeld. Ab 1394 erwarb Burgdorf vom verarmten Adel stückweise Niedergerichte, Grundbesitz, vor allem auch Wälder in Stadtnähe, und errichtete eigene Herrschaften: 1394 Rütschelen, 1395 Grasswil, 1400 Wil (heute Gemeinde Rütschelen), 1402 Inkwil (bis 1720), 1423 und Anfang des 16. Jahrhunderts Nieder- und Oberösch, 1429 Bettenhausen, 1429 und 1509/1510 Thörigen, 1431 Gutenburg, Lotzwil, 1435 Kleindietwil. Daraus schuf Burgdorf die Vogteien Grasswil (Grasswil, Ösch, Heimiswil) und Lotzwil (Thörigen, Lotzwil) unter der alternierenden Verwaltung eines Ratsherrn. Hochgerichtlich unterstanden diese Dörfer ab 1406 dem bernischen Landvogt von Wangen (Vergleich von 1460). Im 17. und 18. Jahrhundert kam es mit diesem um Burgdorfs Niedergerichte zu Prozessen, die für Burgdorf stets mit Verlusten endeten.

Pfarrhaus und Kirchturm. Kolorierte Aquatinta von Samuel Weibel, 1826 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Sammlung Gugelmann).
Pfarrhaus und Kirchturm. Kolorierte Aquatinta von Samuel Weibel, 1826 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Sammlung Gugelmann). […]

Burgdorfs Stadtbehörde bestand aus dem Kleinen (12 Mitglieder) und dem Grossen Rat (32 Mitglieder) unter Vorsitz des kyburgischen, ab 1384 bernischen Schultheissen (Verwalter des Schultheissenamts). Kleinräte, von Burgdorf vorgeschlagen, wurden von Bern gewählt, Grossräte vom Kleinen Rat ernannt. Oberstes städtisches Amt war bis 1659 jenes des Burgermeisters (Stadtverwalter), der in seiner Funktion, vor allem auch als Stellvertreter des Schultheissen, 1659 vom Venner abgelöst wurde. Einträgliche Ämter waren Vogtstellen (Grasswil-, Lotzwil-, Spital-, Waisenvogt), Grossweibel, Eichmeister, Kornverwalter, Zöllner usw. Ab dem 14. Jahrhundert hatte Burgdorf Ausburger in weitem Umkreis aufgenommen, die in der Stadt Grundbesitz oder Udel (Pfand) hatten und Steuern, Fuhr- und Kriegsdienst leisteten. 1431 beschränkte Bern seine Landstadt Burgdorf auf einen Ausburgerbezirk (Kirchspiele Kirchberg, Koppigen, Wynigen, Rüti, Hasle, Oberburg, Affoltern, Dürrenroth), in welchem Burgdorf Steuern erhob und zum Kriegsdienst aufbot. Im bernischen Milizheer führte Burgdorf wie unter Kyburg das eigene Banner, dem ausser der Stadt 19 Kirchspiele (Ausburgerbezirk und Schultheissenamt) zugeteilt waren. Als befestigte Stadt war Burgdorf Sammelplatz für die Oberländer Kontingente.

Kirche, soziale Einrichtungen und Schule

Die 1249 erwähnte Stadtkirche auf dem Kirchbühl (Marienpatrozinium) war anfänglich Filiale der Kirche Oberburg mit Kapelle und Friedhof (1325 neu geweiht). In Übereinkunft mit Kyburg (Patronatsherren) wurde sie 1401 von Oberburg gelöst und verselbstständigt; Bern übernahm den Kirchensatz. Der Kirchenbau 1471-1512 war eine Leistung der Stadt und ihrer Bürger mit vielen privaten Stiftungen (u.a. Altäre der Zünfte). Während diese in der Reformation (1528) untergingen, blieb die nun reformierte Kirche der Stolz der Bürgerschaft. Um 1280 gründeten die Stadtherren das Barfüsserkloster zwischen Ober- und Unterstadt mit Konventgebäude, Heiligkreuzkirche (Stiftergrab) und Friedhof. 1456 stellte sich das kleine Kloster unter Ratsaufsicht. In der Reformation 1528 säkularisiert, wurde die Kirche 1541 abgetragen; das Konventgebäude diente als burgerliches Pfrundhaus (1821 abgerissen). Erst ausserhalb, später in die Unterstadt einbezogen, lag das Niedere Spital (1287 erwähnt), vermutlich eine Stiftung der Alt-Kyburger, ein Armen-, Kranken- und Pilgerasyl. Seine Katharinenkapelle, 1324 von Oberburg abgelöst, erhielt 1326 einen Kaplan, der nach Schenkung der Kirche Heimiswil an das Spital (1340-1341, 1347 inkorporiert) auch diese betreute. Das 1419 gestiftete Obere Spital diente ebenfalls als burgerliches Alters- und Krankenheim. 1742 wurde das Obere, 1839 das Niedere Spital (heute Schlachthaus) aufgehoben. An der Landstrasse jenseits der Emme entstand wohl im 13. Jahrhundert das 1316 erwähnte Siechenhaus; erhalten sind ein spätgotischer Nachfolgebau (frühes 16. Jahrhundert) und die zugehörige Bartholomäuskapelle (Mitte 15. Jahrhundert). Im 17.-18. Jahrhundert beherbergte das Siechenhaus alte Pfründner. Der Schulmeister der 1300 erwähnten städtischen Lateinschule versah von der Reformation bis zur Anstellung eines Provisors (1575) auch das Siechenhaus und die Kirche Heimiswil. 1664 gründete die Stadt die Deutsche Lehrmeisterei zur Vorbereitung auf die Lateinschule. 1755 wurden alle drei städtischen Schulen, einschliesslich der 1639 gegründeten Töchterschule, zusammengelegt. Eine Schule für Hintersassenkinder wurde 1773 eingerichtet.

Wirtschaft und Gesellschaft

Burgdorf war der einzige städtische Marktort zwischen Solothurn und Bern. Seine Bürger genossen die üblichen städtischen Privilegien (persönliche Freiheit, Freizügigkeit, freier Grundstückerwerb, Zollvergünstigungen). Neben Bauern nahmen im Spätmittelalter auch Mitglieder des kyburgischen Ministerialadels Wohnsitz (z.B. von Mattstetten, von Büttikon, Michel von Schwertschwendi), indes ohne in der Stadtpolitik eine wesentliche Rolle zu spielen. Im 14. Jahrhundert baute Burgdorf seine Wirtschaft durch Aufkauf von kyburgischem Besitz aus: 1325 Allmenden, 1335 Transitzoll, Brot- und Fleischschal, 1372 und 1402 Emmenzölle, Zölle in Goldbach und Kirchberg, 1383 Mass und Gewicht. Im 15. Jahrhundert war Burgdorf mit rund 900 Einwohnern grösser als die meisten bernischen, aargauischen und westschweizerischen Kleinstädte. Acker- und Gartenbau, in denen die meisten Bürger nebenberuflich tätig waren, spielten bis 1798 eine erhebliche Rolle. Daneben erlangten Handwerk und Gewerbe (Gerberei, Woll- und Leinenweberei) regionale Bedeutung. Die meisten Bürger waren Handwerker. Im 14. und 15. Jahrhundert organisierten sich diese in Gesellschaften ohne politische Ansprüche und Einfluss. Nebst der Funktion als gesellschaftliche Foren hatten sie städtische Verpflichtungen: unter anderem Reisgeld-Verwaltung, Betreuung des Feuerwehr- und Wachtdienstes bis 1632. Fünf Gesellschaften besassen eigene Häuser in der Oberstadt (Schmiede-Zimmerleute, Metzger-Schuhmacher 1367 erwähnt, Pfister, Weber 1378 erwähnt, Schneider), eine in der Unterstadt (Gerber). Jede Gesellschaft umfasste mehrere Handwerke, die Schmiede und Zimmerleute allein 22 eisen-, stein- und holzverarbeitende. Auch Nichthandwerker hatten später Zutritt.

Die wirtschaftliche Blüte im 15. Jahrhundert ermöglichte den Aufbau der städtischen Herrschaften, Bau und Unterhalt der Befestigungen und öffentlichen Gebäude (Rathaus, Kaufhaus) sowie den Kirchenbau. Die gute Konjunktur der Stadtwirtschaft ging indes ab den 1460er und 1470er Jahren schrittweise in wirtschaftliche Stagnation über. Innere Gründe lagen im Übergang auf die Zunftwirtschaft, deren Bestimmungen seit Ende des 16. Jahrhunderts die freie Entwicklung der Handwerke zunehmend hemmten. Die Berufsausübung wurde vom Kauf von Bürgerrecht, Wehr und Meisterschaft abhängig gemacht. Im 17. und 18. Jahrhundert verschlechterten obrigkeitliche Preis- und Lohndiktate die materielle Lage der Handwerker, die sich mit Zusatzeinkommen abzusichern hatten. In Selbstgenügsamkeit waren die meisten Bürger auf städtische Ämter und Ämtchen (Sackträger, Turmwächter, Weibel, Bote usw.) aus, behalfen sich mit Gartenbau auf städtischem Pflanzland, mit unentgeltlichem Holz und Weide und verliessen sich auf die öffentliche Altersversorgung im Spital. Dabei verpassten sie die neue Entwicklung: Im Landhandwerk und in den Dorfmärkten (v.a. Langenthal, Langnau, zeitweise Sumiswald) war ihnen vom 16. Jahrhundert an Konkurrenz erwachsen, der mit Zunftprivilegien nicht beizukommen war. Die Einfuhrverbote für fremde Ware (1619, 1666-1674) untergruben Burgdorfs Stellung als regionales Markt- und Dienstleistungszentrum (seit 1639 vier Jahrmärkte). Burgdorfs Unternehmerfeindlichkeit behinderte fremde Unternehmer, wie zum Beispiel den Stahlfederfabrikanten Harrison (1769-1782), oder vertrieb sie in die Nachbargemeinden. Wenige einheimische Unternehmen erlangten Bedeutung, so die Leinwandhandels- und Verlagshäuser Trechsel (vor 1627) und Fankhauser (1630) oder die Geschützgiesser Maritz (17.-18. Jahrhundert).

Eine Seite aus der Carte topographique de la grande route de Berne à Zurich et Zurzach, gezeichnet und veröffentlicht 1787 von Pierre Bel (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner).
Eine Seite aus der Carte topographique de la grande route de Berne à Zurich et Zurzach, gezeichnet und veröffentlicht 1787 von Pierre Bel (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner). […]

Auch äussere Gründe trugen zur Stagnation bei: Im Lauf des Ancien Régime entwerteten sich die Einkünfte der städtischen Herrschaften, und das ehemals gute Einkommen aus der Ausburgersteuer ging durch erzwungene Zugeständnisse zurück. Durch den Bau der Landstrasse über Kirchberg (1756-1764) geriet Burgdorf ins Abseits des Transitverkehrs, und Berns Zollvereinheitlichung beschnitt seine Einnahmen (Kirchbergzoll 1745 an Bern verpachtet). Verheerende Brände (1706 Ober-, 1715 Unterstadt) bedingten den Neubau ganzer Strassenzüge. Insgesamt stagnierte die Bevölkerungszahl, weil Neubürger nach 1655 nur noch selektiv aufgenommen wurden, um den Bürgern die städtischen Privilegien zu erhalten. Der Anteil der minderberechtigten Hintersassen lag 1764 bei hohen 40%. Im Rat hatte die Zahl der Handwerker abgenommen; immer weniger Familien besetzten die Ratsstellen. Zeitweilig zählte der Grosse Rat mangels Kandidaten nur 27 statt 32 Mitglieder. Es bildete sich ein kleinstädtisches Patriziat, das den hauptstädtischen Lebensstil kopierte. Standesgemäss waren Tätigkeiten im Rat, in der Stadtverwaltung, der Offiziersdienst daheim und im Ausland. Der städtische Anspruch auf Vorrang in politisch-rechtlichen (Steuerpolitik gegenüber Ausbürgern) und gewerblicher Hinsicht (Verbot von Konzessionsgewerbe und Märkten ausserhalb Burgdorfs) erbitterte die Landbevölkerung, zum Beispiel von Sumiswald. Im Bauernkrieg 1653 fühlte sich das berntreue Burgdorf bedroht, wurde aber verschont. Der Einfall der Franzosen 1798 und die erzwungene helvetische Staatsordnung machten dem obsolet gewordenen Kleinstadtidyll mit dem Verlust der Herrschaften und Privilegien ein Ende.

Von der Helvetik bis zur Gegenwart

Burgdorfs politische Neuausrichtung nach 1798

Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung 1798 und Ansätzen für eine Neuausrichtung (u.a. politische Rechte für Hintersassen) setzte die bernische Obrigkeit in Burgdorf 1804 eine der früheren ähnliche, restaurative Stadtverfassung mit Stadtrat (27 Mitglieder), Kleinem Rat (9 Mitglieder) und Präsidenten durch. In zuvor politisch benachteiligten Burgdorfer Familien erwuchs Opposition dagegen; dazu gehörte vor allem die Juristen- und Schreiberfamilie Schnell mit den Brüdern Johann, Johann Ludwig und Karl. Sie trieben als Wortführer der bernischen Regenerationsbewegung den demokratischen Umschwung von 1830-1831 entscheidend voran ("Berner Volksfreund", Burgdorfer Tagblatt). 1832 gab sich Burgdorf ein Gemeindereglement, das die Stadtpolitik neu einer durch Gemeindesteuern finanzierten Einwohnergemeinde übergab; die Burgergemeinde blieb Verwalterin des bisherigen Gemeindevermögens (endgültige Vermögensausscheidung 1853). Mit der Reorganisation der Einwohnergemeinde 1919-1920 ersetzte ein Stadtrat (40 Mitglieder) die Gemeindeversammlung; dem Gemeinderat (7 Mitglieder) steht ein seit 1964 vollamtlicher Stadtpräsident vor.

Die wirtschaftliche Lage Burgdorfs verbesserte sich nach anfänglichen Krisen erst ab 1831. Wirtschaft und Bevölkerung begannen zu wachsen. Führend wurden die Nahrungsmittel- (u.a. Brauereien Lochbachbad, Steinhof) und die Textilindustrie, die teils auf Burgdorfer Unternehmen (Fankhauser), allgemein auf der Oberaargauer Leinwandtradition mit Verlagsspinnerei und -weberei basierte, meist kombiniert mit Tuchhandel. Die Fabrikproduktion setzte etwas später mit Flachsspinnereien (1839) und Zwirnereien (1843) ein. Burgdorfer Unternehmer errichteten Anfang des 19. Jahrhunderts im nahen Oberburg, später auf Gemeindeboden Webereien (1857, 1861, 1894), die zum Teil mit Bleichereien und Färbereien verbunden waren. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kamen neue Zweige dazu: Kunstwolle-, Hemden-, Strickerei-, Steppdecken-, Hutfabrikation, ferner eine Wollspinnerei; die Strohflechterei konnte sich nicht festsetzen. Nach 1831 war Burgdorf als Standort für auswärtige Unternehmer interessant geworden: Textilfirmen siedelten aus Walkringen (1839) und Eriswil (1850er Jahre), eine Käsehandelsfirma aus Trubschachen (1849), die zukünftige Maschinenfabrik von Wynigen (1883) nach Burgdorf über. Ausschlaggebend war Burgdorfs Aussicht auf Anschluss an die 1857 eröffnete Bahnlinie Olten-Bern. Die Stadt erbrachte für dieses Ziel grosse Eigenleistungen (Aktienkauf, Landabtretung, Emmenverbauung, Tunnelbau). Als nächstes wurden die Linien nach Solothurn 1875, Langnau 1881 und Thun 1899 eröffnet, diese als erste elektrische Normalspurbahn Europas. Strassenkorrektionen (u.a. am Stalden 1829-1834) und neue Emmenbrücken verbesserten Burgdorfs Verkehrssituation ebenfalls. Weitere Käsefirmen mit internationalen Geschäftsbeziehungen (1848, 1859) und das vorher wenig vertretene Metallgewerbe siedelten sich an (u.a. Giesserei 1881, Maschinenbau 1883, Pflug- und Hammerfabrik sowie Bäckereimaschinenbau um 1890). Zum allgemeinen Aufschwung trugen lokale Kassen und Banken bei (Sparkasse 1821-1848, Amtsersparniskasse 1834, Kantonalbank-Filiale 1858, Bank in Burgdorf 1864) sowie lokale wirtschaftspolitische Verbände (Handels- und Industrieverein 1860, Kaufmännischer Verein 1862, Handwerker- und Gewerbeverein 1879).

Im 20. Jahrhundert führte die Krise im Textilsektor zu Fusionen (1913) und Betriebsaufgaben. 1998 bestanden nur noch eine Leinenweberei und eine Wollgarnfabrik. Neue Branchen hielten Einzug: Betriebe der chemisch-pharmazeutischen, fotochemischen (1916) und Farbbranche sowie eine Stanniolfabrik (Neugründung 1922). 1932 eröffnete Burgdorf seine Markthalle. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren Bauunternehmen, Verpackungsindustrie, Maschinen-, medizinischer Geräte-, Metall- und Stahlbau, Schuhhandel neben mittlerem und Kleingewerbe vertreten. Der Dienstleistungssektor war jedoch bei weitem der grösste Arbeitgeber in Burgdorf. Zur wirtschaftlichen Expansion parallel verlief im 19. Jahrhundert eine relativ starke Bevölkerungszunahme. Die Zuzüger stammten meist aus der näheren ländlichen Umgebung. Burgdorfs wiedergewonnene Stellung manifestierte sich im Zuzug von Unternehmern wie Miescher und Schmid (Textilfabrikanten), Mauerhofer (Käsehandel), Langlois (Buchverlag) und Aebi (Maschinenfabrik) sowie von Intellektuellen wie etwa Johann Heinrich Pestalozzi, Dichterpfarrer Gottlieb Jakob Kuhn, dem Politiker Eduard Blösch, dem Mathematiker Jakob Steiner, dem Pharmazeuten Friedrich August Flückiger und deutschen Emigranten, die die Stadt während kürzerer oder längerer Zeit belebten. Nach 1900 verringerte sich das Bevölkerungswachstum. Als sechstgrösste Stadt im Kanton verzichtete Burgdorf auf Eingemeindungen, im Unterschied zu Thun, das so bis 1920 das einst politisch wichtigere Burgdorf überflügelte.

Einachstraktor der Firma Aebi & Co., 1958 (Aebi & Co. AG, Burgdorf).
Einachstraktor der Firma Aebi & Co., 1958 (Aebi & Co. AG, Burgdorf). […]

Stadtentwicklung und regionale Aufgaben

Städtebauliche Konzepte (u.a. von Bauinspektor Robert Roller 1840) wurden wenige realisiert. Erst nach 1850 dehnte sich die Stadt den Ausfallachsen entlang über Mauerring und Gürtelzone aus; ihre Entfestigung vollzog sich zwischen 1807-1865. Während sich Gewerbe und Industrie längs der Bachläufe ansiedelten, entstanden neue Quartiere an den Ausfallstrassen und seit 1857 im Umfeld des Bahnhofs; einzig Gsteig, mit Gymnasium, Technikum und katholischer Kirche von grösserer Bedeutung, erhielt 1901 einen Strassenplan. Der Stadtbrand von 1865 zerstörte den grössten Teil der westlichen Oberstadt. Nach dem Wiederaufbau konzentrierten sich Bauvorhaben für hundert Jahre auf die Neuquartiere im Talboden (Meiefeld, Neumatt, Ey, Felsegg, Einungerquartier), auf der oberen Allmend (Schlossmatt, Einschlag), 1910-1930 auf Genossenschaftssiedlungen (u.a. Lerchenbühl). Ab den 1960er Jahren entstanden längs der Zubringer der neuen Autobahn und beidseits der Emme ausgedehnte Gewerbezonen. Beim Ausbau der städtischen Infrastruktur war die durch Burgdorfs Hügellage erschwerte Wasserversorgung zu sichern (Quellfassung Tannen 1898, Pumpwerke Einschlag und Fernstall 1919, 1953, 1971). 1862 wurde Burgdorf mit Gas, ab 1899 mit Elektrizität versorgt.

Plakat, um 1900 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat, um 1900 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). […]

Zu Burgdorfs regionalen Aufgaben gehören grössere Sozialwerke, vor allem das von 26 Gemeinden getragene Regionalspital: 1877 vom Ökonomisch-Gemeinnützigen Verein des Amtes Burgdorf als Bezirksspital gegründet, 1894 mit dem städtischen Krankenhaus fusioniert, erfuhr es 1956-1959 und 1976-1980 Erweiterungen. Burgdorf bietet ferner Altersheime und -siedlungen, ein Alterspflegeheim (1978) sowie das Sonderschulheim Lerchenbühl für geistig behinderte Kinder und das Schulungs- und Arbeitszentrum für Behinderte, unter anderem mit Lehr- und Dauerwerkstätten. Ein Teil des Schulangebots ist auf kantonale und regionale Bedürfnisse ausgerichtet, so das Gymnasium (Progymnasium 1855, Gymnasium 1873), das erste bernische Technikum (1892, heute Fachhochschule für Technik und Architektur) und die Berufsschulen. Der Armeemotorfahrzeugpark in Burgdorf gehört zu den grössten der Schweiz. Das städtische Freizeitangebot dient auch der Region: Frei- und Hallenbad (1974), Sportzentren Neumatt und Lindenfeld. Die Solennität ist seit 1729 das Fest der Burgdorfer Jugend. Zum kulturellen Angebot der Stadt gehört neben Museen (Schlossmuseum, Museum für Völkerkunde, Helvetisches Goldmuseum, alle drei im Schloss), Galerien und Theater (Emmentaler Liebhaberbühne) seit 1991 das Schweizerische Zentrum für Volksmusik, Trachten und Brauchtum im Kornhaus. 2002 wurde das Museum Franz Gertsch in der Unterstadt eröffnet.

Quellen und Literatur

  • SSRQ BE II/9
  • Heimatbuch des Amtes Burgdorf und der Kirchgem. Utzenstorf und Burgdorf, 2 Bde., 1930-38
  • P. Lachat, Das Barfüsserkloster Burgdorf, 1955
  • F. Häusler, Das Emmental im Staate Bern bis 1798, 2 Bde., 1958-68
  • P. Lachat, Die Kirchensätze zu Oberburg, Burgdorf und Heimiswil bis zur Reformation, 1960
  • P. Lachat, Zunft zur Pfistern in Burgdorf, 1960
  • A.G. Roth, Ein Führer durch die Stadt Burgdorf, 21969
  • M. Winzenried et al., Burgdorf: Gesch. und Gegenwart, 1972
  • Kdm BE Land 1, 1985
  • A.-M. Dubler, «Das polit.-wirtschaftl. Umfeld des Burgdorfer Kirchenbaus 1471-90», in Burgdorfer Jb. 59, 1992, 65-88
  • A. Baeriswyl et al., Burgdorf Kornhaus, 1995
  • A.-M. Dubler, «Die Herrschaften der Stadt Burgdorf im Oberaargau», in Jb. des Oberaargaus, 1996, 105-130

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler; Heinz Schibler: "Burgdorf (Gemeinde)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 17.11.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000241/2011-11-17/, konsultiert am 16.05.2022.