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Münsingen

Politische Gemeinde des Kantons Bern, Verwaltungskreis Bern-Mittelland, spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Herrschaft und Schloss. Die Gemeinde im Aaretal umfasst das gleichnamige Dorf, das Areal Schwand, jenes der kantonalen psychiatrischen Klinik, seit 2013 auch Trimstein und seit 2017 zudem Tägertschi. Zwischen 993 und 1010 Munisingam. 1764 555 Einwohner; 1850 1202; 1900 2306; 1950 5250; 1970 8350; 2000 10'937; 2010 11'758; 2013 12'060; 2017 12'533.

Münsingen: Situationskarte 2017 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Münsingen: Situationskarte 2017 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Das keltische Gräberfeld

Originalplan des keltischen Friedhofs in Münsingen-Rain. Reinzeichnung von Jakob Wiedmer-Stern (Bernisches Historisches Museum).
Originalplan des keltischen Friedhofs in Münsingen-Rain. Reinzeichnung von Jakob Wiedmer-Stern (Bernisches Historisches Museum). […]

Der früh- und mittellatènezeitliche Friedhof in Münsingen-Rain, 1904 beim Kiesabbau entdeckt und bis 1906 vollständig ausgegraben, ist mit seinen rund 1200 erhaltenen Fundobjekten die quantitativ und qualitativ reichste archäologische Begräbnisstätte im schweizerischen Mittelland. Seine Aussagekraft macht ihn zu einem der bedeutendsten Referenzpunkte für die keltische Archäologie überhaupt. Die über 220 Gräber verteilen sich streifenförmig auf einer Distanz von 140 m entlang der Kante der untersten Geländeterrasse und knapp über dem Talboden der Aare. Nur wenige Brandbestattungen sind am Schluss der Belegung nachgewiesen; die Körpergräber, zum Teil in einem Sarg oder mit Steinumrandung, dominieren. Frauen und Kinder sind in vollständigem Trachtschmuck begraben, einige Männer mit Waffen (Schwert, Lanze, Schild). Der verantwortliche Archäologe Jakob Wiedmer erkannte eine zeitliche Staffelung der Grablegungen, eine Erkenntnis, die dann später in der Forschung zur Methode der sogenannten Horizontalstratigrafie ausgebaut wurde. Diese geht davon aus, dass sich Gräberfelder von einem Entwicklungskern ausweiten, woraus sich eine zeitliche Abfolge (Sequenz) der Bestattungen ergibt. Sie erfuhr in der unabhängig vorgenommenen kombinationsstatistischen Auswertung der Grabensembles durch Frank Roy Hodson 1968 eine Bestätigung. Die in Münsingen erarbeitete, allgemeingültige Richtschnur wurde damit zum Arbeitsinstrument für die Datierung isolierter Gräber und Funde von Frankreich bis Rumänien und von Mitteldeutschland bis Oberitalien von der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts bis zum Anfang des 2. Jahrhunderts v.Chr. Um 400 v.Chr. trugen die in Münsingen bestatteten Frauen einen Halsring, im 4. Jahrhundert vermehrt ganze Sätze von vier Beinringen aus Bronze. Ab 250 v.Chr. kamen Armringe aus Glas und bronzene Gürtelketten auf. Fingerringe sind oft aus Silber oder Gold. Die vielfach paarig gearbeiteten bronzenen Gewandhaften (Fibeln), welche eine markante stilistische Entwicklung durchlaufen, sind zum Teil im keltischen Waldalgesheimstil verziert und mitunter mit scheibenförmigen Auflagen aus rotem Glas oder Koralle versehen (Fibeln vom Typ Münsingen). Obwohl die Kleider im Boden zerfallen sind, kann auf ein durch mehrere Fibeln zusammengehaltenes Obergewand geschlossen werden. Mädchen kleideten sich prinzipiell wie Frauen, trugen aber mehr Amulette und öfters Halsketten. Männer hatten in der Regel nur einzelne Fibeln, vornehmlich solche aus Eisen. Die Vollständigkeit der Trachtausstattung deutet auf die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode. Unter den erhaltenen Knochen, zum Teil mit Krankheitsspuren, fallen vor allem zwei Schädel von Männern mit Trepanationen (Schädelöffnungen) auf. Innerhalb des Gräberfeldes scheinen Gruppen oder Familienangehörige von zwei bis drei Generationen nahe beieinander begraben zu sein. Die Lebensgemeinschaft, welche ihre Toten hier bestattete, war nur klein (kaum mehr als ein oder zwei Dutzend Personen) und repräsentierte aufgrund der materiellen Werte der Grabausstattungen wohl eine soziale Oberschicht. Anthropologische Untersuchungen und historische Überlegungen sprechen für einen adligen Familienverband. Sein Wohlstand beruhte vor allem auf Agrarwirtschaft und möglicherweise zu einem kleineren Teil auch auf dem Durchgangsverkehr über die Alpen. Ein zweites, kleineres Gräberfeld in der Tägermatten umfasst 26 Gräber aus der Frühlatènezeit (ca. 4. Jh. v.Chr.).

Aus römischer Zeit stammen verstreute Mauerreste und das 1941 südlich der Kirche entdeckte Badegebäude mit Wandmalereien und Mosaikfussboden (Fische und Okeanuskopf, um 200 n.Chr., seit 2005 der Öffentlichkeit zugänglich). Diese werden heute als Relikte eines Gutshofs oder allenfalls einer dörflichen Siedlung interpretiert.

Die Herrschaft

König Rudolf III. von Burgund übergab den Königshof Münsingen zwischen 993 und 1010 dem Pfalzgrafen Kuno zu Lehen. Aus dem Nachlass der Zähringer gelangte er an die Grafen von Kyburg (1218 Aussteuer Hartmann IV. von Kyburg), die vor 1223 ihre Dienstleute Senn von Münsingen mit der Herrschaft belehnten. Die letzte Erbin der Senn verkaufte diese mit den Dörfern Münsingen, Niederwichtrach, Tägertschi, Rubigen, Ursellen und Ämligen 1377 an Bernburger (von Buch, Niesso, später von Stein, Büren). 1448 kam sie zu einem Drittel an Burkard Nägeli, 1559 zu zwei Dritteln an Johannes Steiger (sogenannte weisse Familienlinie). 1578 gelangte die Herrschaft durch Heirat ganz an die Steiger, wurde dann aber im 17. Jahrhundert in der Familie in zwei Teile geteilt, die Herrschaft Münsingen mit Tägertschi, Ursellen, Ämligen (im Niedergericht Münsingen) und die Herrschaft Niederwichtrach. Das Niedergericht Rubigen gehörte vermutlich schon im 15. Jahrhundert Bern und war beim Stadtgericht. Die zwei Urbare datieren von 1463 und 1572, der Gerichtstarif stammt von 1797. Die Herrschaft Münsingen unterstand ab 1406 dem bernischen Landgericht Konolfingen; an der Aare lag der obrigkeitliche Inspektions- und Schützenplatz (Trüllplatz). Die helvetische Republik schaffte alle Herrschaftsrechte 1798 ab; 1824 erfolgte die staatliche Entschädigung für die Twingrechte. Münsingen gehörte ab 1803 zum Oberamt, 1831-2009 zum Amtsbezirk Konolfingen.

Die Burg am Steilrand des Mülitals, deren Überreste bis Ende des 18. Jahrhunderts im Gelände noch ausgemacht werden konnten, war wohl Sitz der einheimischen Herren und Bernburger von Münsingen, die bis zu ihrem Aussterben im 14. Jahrhundert in Münsingen begütert waren. Das Herrschaftszentrum war aber die im Dorf gelegene hochmittelalterliche Burg (Kern Mitte des 12. Jh.), Lehenssitz der Senn, 1311 von Bern gebrochen und 1314 als hölzernes Sässhaus in der Vorburg erneuert. 1550 baute Schultheiss Hans Franz Nägeli die Ruine samt Ringmauer zum heutigen Schloss Münsingen aus (Umbau 1749-1753). Anstelle des Sässhauses liess Schultheiss Johannes Steiger, Inhaber des anderen Herrschaftsteils, 1570 einen Landsitz erbauen, der Sitz der neuen Herrschaft Niederwichtrach wurde 1838 abgetragen. 1826 verkauften die Steiger beide Landsitze samt Domänen an Private; der Staat erwarb das Ganze 1877 zur Errichtung einer psychiatrischen Klinik. Das Schloss ist seit 1977 Eigentum der Gemeinde und beherbergt unter anderem das Ortsmuseum.

Die Gemeinde

Die Psychiatrische Klinik. Luftaufnahme von Norden, 1978 (Comet Photoshopping GmbH).
Die Psychiatrische Klinik. Luftaufnahme von Norden, 1978 (Comet Photoshopping GmbH). […]

Die Kirche Münsingen (1146 erwähnt, Martinspatrozinium, Neubau 1709) war Zentrum einer Grosspfarrei, die einst über die heutige Kirchgemeinde hinaus auch die 1911 geschaffene Kirchgemeinde Konolfingen einschloss und der die Kapelle Ursellen und die Kirche Kleinhöchstetten unterstanden. Die Beinhauskapelle stammt von 1475 (Umbau 1841). Den Kirchensatz verkauften die Kyburger 1322 an die Senn, von denen er an Private und 1411 an das Deutschordenshaus Bern überging, bevor er 1528 an die Stadt Bern kam. Kaplanei (1463 Stiftung Bubenberg) und Helferei (1453 Stiftung Nägeli) ergänzten die Seelsorge, gingen aber in der Reformation ein. Zur Kirchgemeinde Münsingen zählten zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch Allmendingen, Rubigen, Tägertschi und Trimstein. Das Zelgdorf Münsingen mit Acker- und etwas Rebbau war Etappenort auf der Route von Bern ins Oberland, an dem die Verbindung durchs Mülital ins Emmental abzweigte, und verfügte über zwei Tavernen, Schenke, Herrschaftspinte, Gewerbe (Mühlen, Schmieden, Gerberei, Ziegelei, Käsehandel) und Handwerk. Die 1849-1870 abgehaltenen Jahrmärkte blieben ohne Erfolg. Die Gemeinde kam im Twingherrenstreit 1469-1471, im Bauernkrieg 1653 und als Versammlungsort der Liberalen zu Beginn der bernischen Regeneration 1831 und der Konservativen und Radikalen vor dem konservativen Umschwung 1850 kurzfristig zu politischer Bedeutung. Seine Hanglage sicherte Münsingen vor Überschwemmungen; nach der Aarekorrektion wurde die Weide in der Au zwischen Aare und Giesse 1801-1838 aufgeteilt und zu Kulturland. Die Schützenfahrbrücke ersetzte 1884 die Aarefähre. Mit dem Ausbau der alten Landstrasse (18.-20. Jh.) und dem Bau der Bahnlinie Bern-Thun (1859) hielt Industrie Einzug. Wolltuch-, Tuch- und Halbleinwebereien, Holzsohlen- und Baubeschlägefabriken, eine Druckerei sowie eine Spar- und Leihkasse (1870) siedelten sich an; im 20. Jahrhundert kamen Holzwaren-, Teigwaren- und Filzfabriken, Baufirmen, auf Pumpenbau und Prothesentechnik spezialisierte Unternehmen sowie Verpackungsindustrie dazu. Ab 1960 stieg – nicht zuletzt infolge des Autobahnanschlusses (1972) – die Bevölkerungszahl rasch an; die starke Bautätigkeit liess das Dorf den Hang hinauf und in die Talsohle wachsen. Viele Münsinger pendeln nach Bern, zu dessen Agglomeration Münsingen seit den 1980er oder 1990er Jahren zählt, oder nach Thun. Vom 19. Jahrhundert an übernahm die Gemeinde mit Sekundarschule (1867), Gewerbeschule (1870), Bezirksspital (1879 als sogenannte Krankenstube gegründet), Kantonalem Jugenderziehungsheim Lory (1933 als Mädchenerziehungsheim gegründet), Altersheimen und -wohnsiedlungen sowie Kinderheimen viele regionale Aufgaben. Kantonal waren die 1892-1895 realisierte Psychiatrische Klinik auf dem ehemaligen Herrschaftsgut (heute Psychiatriezentrum Münsingen) sowie die Landwirtschafts- und Haushaltungsschule Schwand-Münsingen, die 1913 auf dem Areal des Schwandguts (Landsitz um 1790) eingerichtet worden war und 2002 aufgegeben wurde. Dank ihrer beiden landwirtschaftlichen Grossbetriebe in der Talsohle und am Hang blieb der Gemeinde viel Grünfläche erhalten.

Quellen und Literatur

  • Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, BE II/4, 1950
  • J. Wiedmer-Stern, «Das gallische Gräberfeld bei Münsingen (Kanton Bern)», in Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern 18, 1908, 269-361
  • E. Burkhard, Dorf und Herrschaft Münsingen in alter Zeit, 1962
  • F.R. Hodson, The La Tène Cemetery at Münsingen-Rain, 1968
  • C. Osterwalder, «Die Latènegräber von Münsingen-Tägermatten», in Jahrbuch des Bernischen Historischen Museums 51/52, 1971/1972, 7-40
  • 75 Jahre Kantonale Landwirtschafts- und Haushaltungsschule Schwand, 1988
  • P.J. Suter, «Das neuentdeckte Gebäude der römischen Siedlungsstelle Münsingen-Kirche/Rossboden», in Archäologie im Kanton Bern 1, 1990, 133-139
  • F. Müller, Münsingen-Rain, ein Markstein der keltischen Archäologie, 1998
  • R. Hug, Bauinventar der Gemeinde Münsingen, 2000
  • Reallex. der Germ. Altertumskunde 20, 22002, 314-317
  • S. Sievers et al. (Hg.), Lex. zur kelt. Archäologie 2, 2012, 1325-1327
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Felix Müller (Bern); Anne-Marie Dubler: "Münsingen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 09.12.2019. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000364/2019-12-09/, konsultiert am 30.09.2022.