de fr it

Meiringen

Politische Gemeinde des Kantons Bern, Amtsbezirk Oberhasli. Das Gebiet der 40 km2 grossen Gemeinde steigt vom Talboden der Aare (um 600 m) rechtsufrig zum Brünigpass bis auf 1375 m, linksufrig über Alpgebiet zur Wellhornkette bis auf 2961 m an; es umfasst im Tal das Dorf Meiringen an der Strasse zum Grimselpass und zum Sustenpass sowie die ehemaligen Dörfer bzw. heutigen Ortsteile Sand, Stein, Eisenbolgen, Hausen, Balm, Unterbach und Unterheid sowie am Brünigpass das Dorf Brünigen und auf Talterrassen die Weiler Prasti, Zaun und Wylerli. 1234 Magiringin. 1764 964 Einwohner; 1850 2358; 1900 3077; 1950 3640; 1980 4072; 2000 4803.

Dorfpartie mit Dorfbach und Alpbach. Kolorierte Aquatinta von Gabriel Lory (Fils), 1822 (Schweizerische Nationalbibliothek).
Dorfpartie mit Dorfbach und Alpbach. Kolorierte Aquatinta von Gabriel Lory (Fils), 1822 (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Reste der 1333 erwähnten Wehranlage Wyghus wurden im Areal Wacht am Brünigpass entdeckt. Meiringen stellte schon im Hochmittelalter den kirchlichen, politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der Talschaft dar. Die 1234 urkundlich bezeugte Kirche Meiringen (Michaelspatrozinium, heutiger Bau vermutlich aus dem 15. Jh., Umbau 1683-1684) steht ca. 5 m über den durch Wildbachkatastrophen verschütteten Vorgängerbauten, deren ältester bis ins 10. oder gar 9. Jahrhundert zurückreicht. Das Kirchspiel umfasste ursprünglich das ganze Oberhasli; mit Gründung der reformierten Kirchgemeinde Hasle im Grund 1713, die sich später noch weiter aufsplitterte, erhielt die Kirchgemeinde Meiringen ihre jetzige Ausdehnung (heute in die drei Pfarrämter Meiringen, Hasliberg und Schattenhalb aufgeteilt). Der Kirchensatz, 1234 vom deutschen König Heinrich VII. den Lazaritern in Seedorf (UR) geschenkt, 1272 vom Kloster Interlaken erworben, fiel in der Reformation 1528 an Bern. Die 1486 erbaute Frühmesskapelle mit Beinhaus diente nach 1528 als Zeughaus. Um 1880 erfolgte der Bau des anglikanischen Gotteshauses, 1931 derjenige der katholischen Kirche Guthirt.

Politisch war Meiringen stets Hauptort: der gesamten Talschaft, der Reichsvogtei Hasli (bis 1334), danach der bernischen Landschaft Oberhasli (bis 1798), des Distrikts Oberhasli im Kanton Oberland (1798-1803) und des Oberamts bzw. Amtsbezirks Oberhasli im Kanton Bern (seit 1803). Im Dorf hatten die königlichen Talamtleute des 13. und 14. Jahrhunderts ihren Sitz; der Wohnturm der von Rudenz wird 1363 erwähnt, derjenige der von Resti steht am alten Saumpfad zur Grimsel (Restiturm). Im Dorf kam auch die Landsgemeinde zusammen; das Landschaftsgericht tagte an der Kreuzgasse vor dem Kirchhof, nach 1500 im Landhaus, dem offiziellen Amthaus der Landschaft mit Gerichtsstube und Wirtshaus. Das heutige Amthaus ist Sitz der bernischen Bezirksbehörden (Verwaltung; Amtsgericht in Interlaken).

Meiringen war einziger Marktort im Tal mit einem Jahrmarkt (1417 erwähnt), ab 1490 einem Wochenmarkt. Händler aus dem Unterland und der Lombardei kauften hier die einheimischen Exportgüter Vieh, Pferde und Käse ein. Im 17. Jahrhundert stieg die Zahl der jährlichen Viehmärkte auf vier. Am Fuss von Brünig-, Grimsel-, Susten- und Jochpass gelegen, war Meiringen Umschlagplatz im Transithandel vom Unterland über die Pässe: Von Brienz her gab es den offiziellen Transportdienst des sogenannten Landkarrers; in Meiringen lud man auf Saumtiere um. Von 1732 an war die Sust offizielles Lagerhaus. Haupterwerb blieb wie überall im Oberhasli bis ins 19. Jahrhundert die Viehwirtschaft im Tal- und Alpbetrieb. Ursprünglich bestanden sechs Bäuertgemeinden mit Dörfern und Streusiedlungen.

Im 16. Jahrhundert begannen Aarehochwasser die Ebene zu überfluten; in den 1550er Jahren zerstörten sie die Taldörfer Balm und Bürglen (ältester Verhüttungsort für einheimisches Eisen), die zu Wüstungen wurden. Unterheid ging durch Wechsel des Aarelaufs 1762 zugrunde (Neuanlage). 1734 wurde die Alpbachmauer als Wildwasserschutz gebaut; wirkliche Abhilfe schaffte aber erst 1866-1880 die Aarekorrektion.

Das Bevölkerungswachstum nach 1800 führte zu Verarmung, die trotz Heimindustrie (Holzverarbeitung, -schnitzen) zur Auswanderung vor allem nach Amerika zwang. Ab 1880 leitete der Tourismus den Aufschwung ein; Meiringen wurde Fremdenort und Drehscheibe im Tourismusverkehr. Die Brünigstrasse wurde 1859-1861, die Grimselstrasse etappenweise 1847-1894 und die Sustenstrasse 1939-1946 angelegt; die Brünigbahn nahm 1888 den Betrieb auf. 1913 zählte Meiringen 18 Hotels mit 500 Betten in dem nach Bränden (1879, 1891) neukonzipierten und neuerbauten Dorf. In der Krise der Hotellerie während der Weltkriegszeit entstanden Arbeitsplätze beim Bund (Militärflugplatz Unterbach, eidgenössisches Zeughaus, SBB-Depot), bei der Kraftwerke Oberhasli AG, im Gewerbe (Holz-, Bau-, Gastgewerbe) und im Spitalbereich. Die psychiatrische Privatklinik nahm 1919 die ersten Patienten auf. Ab 1950 stieg der Tagestourismus an. Die Gemeinde verfügt über vier Schulhäuser, eine Sekundarschule (1871), ein Bezirksspital (1891, seit 1999 Teil der  «spitäler fmi ag») sowie ein Elektrizitätswerk (1888). Das Heimatmuseum wurde 1968, das Sherlock Holmes Museum 1991 eröffnet.

Quellen und Literatur

  • G. Kurz, C. Lerch, Gesch. der Landschaft Hasli, bearb. von A. Würgler, 1979
  • U. Maurer, D. Wolf, Bauinventar der Gem. Meiringen, 1999
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Meiringen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.10.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000471/2008-10-23/, konsultiert am 06.12.2022.