de fr it

Langnau im Emmental

Politische Gemeinde des Kantons Bern, Amtsbezirk Signau. Sie umfasst auf einem ausgedehnten Gebiet beidseits der Ilfis bis an den Napf das Dorf Langnau, Weiler und Einzelhöfe in den sieben Vierteln der Kirchgemeinde Langnau, nämlich in Langnau-Dorf, Frittenbach, Ilfis, Hühnerbach, Grossviertel (mit Bärau), Rigenen und Gohl, sowie ein umfangreiches Alpgebiet mit ca. 20 Alpen, unter anderem Rafrüti, Rislau, Hohmatt und Schynen. 1889 trat Langnau je einen Hof an die Gemeinden Eggiwil und Signau und 1923 Gebiete am östlichen Nordufer der Ilfis an Trubschachen ab. 1139 Lanngnouw, 1246 Langenowe. 1764 3046 Einwohner; 1798 3497; 1850 5385; 1900 8169; 1950 9105; 2000 9148.

Das spät besiedelte, mehrheitlich hügelige Einzelhofgebiet weist mehrere hoch- bis spätmittelalterliche Erdwerke auf, so auf dem Burspu und dem Widerberg, im Gohlgraben und auf dem Zwigarten, sowie die Burgstelle Spitzenberg. Siedlungen entstanden auf den vor Überschwemmungen sicheren Talterrassen (u.a. Langnau-Dorf), auf den Eggen (z.B. Bäregg) und ab dem 16. Jahrhundert in den Schachen (Schwemmland der Ilfis), was die Anlieger und die Gemeinde fortan zu Schutzverbauungen der Flussufer (Schwellen) zwang. Im Mittelalter sind verschiedene Grundherren mit Besitz (Höfe mit Nieder-, zum Teil auch Hochgerichtsrechten) in Gemengelage belegt, was die Bildung einer geschlossenen Herrschaft verhinderte. Zu den Grundherren zählten die einheimischen Freiengeschlechter der Langnau (1246-1262 belegt) und Spitzenberg (vor 1241 ausgestorben) sowie auswärtige Herrschaftsträger, unter anderem die nahe gelegene Abtei Trub mit Höfen im Gross- und Hühnerbachviertel, die Grafen von Kyburg mit unbekanntem Besitz und die Herrschaft Habsburg-Österreich mit der Burg Spitzenberg und 26 Höfen. Ein Streit zwischen Trub und Kyburg führte 1371 zur ersten Vermarkung der Gerichtsgrenze Langnau-Trub. Nach der Schlacht von Sempach 1386 brach Wolfhart IV. von Brandis als Parteigänger Berns die Burg Spitzenberg. Langnau fiel damit kraft Kriegsrecht an Bern. Die Stadt Bern behielt die Gerichte, da sie ab 1408 auch im Besitz des zuständigen Hochgerichts Ranflüh war, verkaufte aber alle grundherrlichen Einkünfte vermutlich an die Lehenbauern, zumal es von da an in Langnau keine Grundherren mehr gab. Das Niedergericht Langnau (im Umfang der Kirchgemeinde ohne Gross- und Hühnerbachviertel) blieb 1408-1798 dem Amt Trachselwald unterstellt.

1276 schenkte Walter von Aarwangen der Abtei Trub den Kirchensatz der 1275 erstmals belegten Kirche Langnau (Martinspatrozinium, 1406 Kanzelgericht erwähnt). Nach deren Inkorporation 1294 besetzte Trub die Pfarrstelle mit Mönchen. Mit der Säkularisation der Abtei 1528 fielen diese Rechte an Bern. Von der romanischen Kirche ist der Turm aus dem 13. Jahrhundert (1923 erhöht) erhalten, während der heutige Kirchenbau von 1673-1674 datiert. 1666 teilte man der Kirche Langnau die Höfe Blapbach, Ortbach und Wingei (vorher bei der Kirchgemeinde Lauperswil) zu, die 1727 in Schulsachen der neuen Helferei im Trubschachen unterstellt wurden. Trotz staatlicher Verfolgung der Täufer war Langnau eines ihrer Zentren.

Da Flurgenossenschaften fehlten, übernahm von der Reformation an die Kirchgemeinde die kommunalen Funktionen, vor allem die Armenpflege (Tellgemeinde). Am Marktplatz des Dorfes Langnau lagen die Kirche, das Gemeindehaus (das um 1530 erbaute Chüechlihus, heute Heimatmuseum), die Tavernen Bären und Löwen sowie die Markthalle (die 1519 erstellte Kramlaube, 1900 abgetragen). Die überregional bedeutsamen Jahrmärkte (1467 erwähnt) – im 17. Jahrhundert wurden vier, im 18. Jahrhundert fünf abgehalten – genossen erhöhten Rechtsschutz (1559 Landsatzung); die kommunale sogenannte Laubenordnung von 1743 regelte den Marktbetrieb. Ausser zeitweiligen Wochenmärkten gab es ständige Kramläden (in der zweiten Hälfte des 18. Jh. waren es deren sechs).

Die Einzelhöfe in Hügellage betrieben seit jeher Feldgrasbau (Wechselwirtschaft mit Kornbau bis auf Höhen über 1000 m sowie mit Vieh- und Milchwirtschaft). Das Dorf Langnau gab im 16. Jahrhundert seine Flurgemeinschaft auf, teilte die Allmenden (u.a. 1571 Dorfberg) und ging ebenfalls zum Feldgrasbau über. Unter dem Bevölkerungsdruck siedelten Arme, die kein Land besassen, ab den 1530er Jahren als Taglöhner und Handwerker in den unbewohnten Schachen. Dort sowie im Dorf Langnau entwickelte sich Handwerk. Das Grossgewerbe befand sich am Ilfiskanal des Dorfschachens und umfasste neben älteren Mühlen, Sägereien und Gerbereien auch eine Pulverfabrik (1603-1862, staatlicher Konzessionsbetrieb, 1652-1852 in Privatbesitz), eine Färberei, Bleicherei (1663), Hafnerei und Töpferei. Im 17. Jahrhundert kam das Leinwandgewerbe in Form der Verlags- und Heimindustrie auf und beschäftigte Arme mit Spinnen und Weben. Ab dem 16. Jahrhundert entwickelte sich die exportorientierte Hartkäserei. Leinwandverlag und europaweiter Käsehandel erlebten im 18. Jahrhundert ihre Blütezeit und lagen zum Teil in der Hand derselben Langnauer Unternehmer (u.a. Joost, Lehmann, Röthlisberger, Probst); die Produktion des Emmentalers fand hingegen ausschliesslich auf den Alpen statt. Im Gegensatz zu den überwiegend agrarischen Aussenbezirken war Langnau-Dorf ein gewerbliches Dienstleistungszentrum (1763-1764 arbeiteten 47% der Erwerbstätigen im 2. und 3. Sektor) mit dem grössten Anteil an armen Schachen- (53%) und reichen Unternehmerhaushalten. Die vom Handel geprägte Weltoffenheit förderte den Unabhängigkeitswillen: Langnau stand sowohl im Thuneraufstand von 1641 als auch im Bauernkrieg von 1653 auf der Seite der Rebellen und begrüsste 1798 die neue Ordnung.

In der Helvetik wurde Langnau Hauptort des Distrikts Oberemmental, 1803 des neuen Amtsbezirks Signau. Die politische Gemeinde Langnau entstand 1834 auf der Basis der Kirchgemeinde, ab 1852 jedoch ohne Blapbach, Ortbach und Wingei, die 1874 auch kirchlich Trubschachen zugeschlagen wurden. Aus der Täufergemeinde wuchsen im 19. Jahrhundert zahlreiche Freikirchen und Gemeinschaften, die sich zum Teil der Evangelischen Allianz anschlossen. 1932 wurde die katholische Kirche gebaut. Im Schulwesen sah sich die weitläufige Gemeinde zu grossen Anstrengungen gezwungen: Sie erstellte im Dorf Langnau und in den Aussenbezirken Frittenbach, Bärau, Hühnerbach, Kammershaus, Gohl, Gmünden und Aeugstmatt zwischen 1823 und 1859 neun Schulhäuser. Vorläuferin der 1832 gegründeten Sekundarschule war eine private Erziehungsanstalt, die 1817 errichtet wurde. Langnau-Dorf beherbergt weitere Institutionen mit regionaler Ausstrahlung, so die 1873 gegründete Gewerbeschule (heute Berufsfachschule Emmental), das 1898 errichtete Regionalspital (anstelle der 1836 im Bärau gegründeten "Notfallstation"), die 1974 gegründete Musikschule sowie die 1958 eröffnete, 1974 erweiterte und 2002 schliesslich aufgehobene Kantonale Landwirtschaftsschule Bäregg (heute Inforama). Im Bärau ersetzte 1897 die regionale Armenanstalt (heute Heimstätte Bärau) das 1814 gegründete Gemeindearmenspital (1840-1897 Staatsarmenanstalt). Seit dem 19. Jahrhundert besitzt Langnau auch ein reges Kultur- und Vereinsleben: Unter den über 80 Vereinen sind der Theater- und Kunstverein als Nachfolger der Liebhaber-Theater-Gesellschaft (1816), der Gemischte Chor (1849), der Männerchor Sängerbund (1853) und der Orchesterverein (1866) zu nennen. Regionale Bedeutung hatte auch das "Emmenthaler Blatt", das aus dem 1844 gegründeten "Dorfblatt von Langnau" hervorging und 1973 mit der "Berner Zeitung" fusionierte. Seit 1893 ist Langnau ein wichtiger Mobilmachungsplatz.

Vor dem Gasthof Hirschen abgestellte Fuhrwerke an einem Langnauer Markttag. Fotografie, frühes 20. Jahrhundert (Regionalmuseum Chüechlihus, Langnau).
Vor dem Gasthof Hirschen abgestellte Fuhrwerke an einem Langnauer Markttag. Fotografie, frühes 20. Jahrhundert (Regionalmuseum Chüechlihus, Langnau).

Mit dem Niedergang des Leinwandgewerbes setzte nach 1820 in Langnau ein Strukturwandel ein. Der Übergang zur genossenschaftlichen Talkäserei (in Langnau ab 1829) brachte die Alpkäserei innert weniger Jahrzehnte zum Erliegen, förderte aber den Käsehandel mit Zentrum Langnau. 1893 wurde die Landwirtschaftliche Genossenschaft Langnau und Umgebung eröffnet. Die gute Verkehrslage – seit 1864 bzw. 1875 besteht die Bahnlinie Bern-Langnau-Luzern (SBB), seit 1881 die Linie Langnau-Burgdorf (EBT) – begünstigte die Industrialisierung und Modernisierung des alteingesessenen Gewerbes mit Standort im Raum Langnau-Dorf-Bärau. Es kamen Leinenweberei (1845 und 1875 je eine neu gegründete Firma), Holzhandel und Holzverarbeitung, Bauunternehmen, Gerberei, Kürschnerei, Kupferschmiede, Ofenfabrik (1877), Glockengiesserei, Töpferei, Druckerei (1844), Präzisionsmaschinenbau (1960) und Grossmetzgerei (1974) hinzu. Die Finanzierung wird durch ortsansässige Institute wie die Ersparniskasse des Amtsbezirks (1840), die Bank in Langnau (1885, ab 1998 bzw. 2001 Valiant Gruppe), Filialen der Kantonalbank und der UBS gewährleistet. Mit dem grossen Angebot an Läden und sechs Jahrmärkten ist Langnau ein überregionaler Einkaufsstandort. 2001 bot der Dienstleistungssektor über die Hälfte der Arbeitsplätze in der Gemeinde, Gewerbe und Industrie stellten ein weiteres Drittel.

Quellen und Literatur

  • F. Häusler, Das Emmental im Staate Bern bis 1798, 2 Bde., 1958-68
  • R. Ramseyer, Das altbern. Küherwesen, 1961
  • F. Gerber, Wandel im ländl. Leben, 1974
  • F. Häusler, Die alten Dorfmärkte des Emmentals, 1986
  • B.C. Bietenhard, Langnau im 18. Jh., 1988
  • A.-M. Dubler, F. Häusler, Aus der Gesch. des Grenzraumes Emmental-Entlebuch, 1992
  • H.-P. Ryser, Bauinventar der Gem. Langnau im Emmental, 4 Bde., [1993]

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Langnau im Emmental", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 13.11.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000512/2008-11-13/, konsultiert am 02.10.2022.