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Steffisburg

Politische Gemeinde des Kantons BernVerwaltungskreis Thun sowie ehemalige Landschaft, im unteren Zulgtal und am rechten Ufer der Aare, umfasst seit 2020 auch Schwendibach. Die Gemeinde besteht aus der grossflächigen Siedlung Steffisburg mit mittelalterlichem Dorfkern, den Quartieren Au, Schwäbis, Bernstrasse, Glockenthal, Hübeli, Flühli und Hardegg, hat Anteil an der Thuner Schwemmebene sowie am rückwärtigen Hügelland. 1133 Stevensburc, französisch Steffisbourg. 1764 924 Einwohner; 1850 3166; 1900 4829; 1950 8941; 1980 12'539; 2000 14'349; 2010 15'431.

Steffisburg: Situationskarte 2020 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2020 HLS.
Steffisburg: Situationskarte 2020 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2020 HLS.

Im Gemeindegebiet wurden Einzelobjekte aus unterschiedlichen Epochen gefunden: so aus dem Neolithikum im Ortsteil Schwäbis und beim Schulheim Sunneschyn, aus der Frühbronzezeit im Eichfeld und aus der Bronzezeit in der Wolfgrube, im Schönbühl sowie im Dorfhaldewald. Weiter kamen eine römische Kulturschicht mit Brandspuren im Schwäbis sowie frühmittelalterliche Gräber in der Zelgmatte und im Klosterhubel zum Vorschein. Das mittelalterliche Thuner Siechenhaus mit einer Jakobskapelle lag am Ort des 1769 errichteten Burgerheims.

Steffisburg gehörte zum Territorium der einheimischen, 1133 belegten Freiherren von Heimberg, das sich über das ganze Zulgtal ausdehnte. Im Spätmittelalter waren hier kyburgische Ministerialenfamilien wie die von Rüti, von Matten, von Wichtrach, von Scharnachtal oder von Kien begütert. Deren Besitz gelangte vorerst an mehrere Klöster – vor allem an Interlaken, FraubrunnenEngelberg und an die Kartause Thorberg – und dann ab dem 15. Jahrhundert an Thuner und Bernburger (Matter, von Erlach). Der Ort war Teil des zähringischen (von Zähringen), ab 1218 kyburgischen (von Kyburg) Äusseren Amts der Grafschaft Thun. Um 1323 versah hier der kyburgische Vogt Werner Katterli hohe und niedere Gerichte (1385 «Katterlisamt»), den von Matten gehörte die Beizjagd in den Hochwäldern (1320 erwähnt). Auch unter Bern, das 1384 das Äussere Amt mit Thun erworben hatte, blieb Steffisburg Dingstätte und Tagungsort des Landgerichts, das im Oberdorf am Platz des später errichteten Landhauses stattfand. Die Richtstätte lag auf dem Galgenhubel ob Glockenthal. Das sogenannte Freigericht an der Lauenen, ein Niedergericht, wurde 1471 in die Gerichtsbezirke Steffisburg und Sigriswil aufgeteilt; Gerichtshaus des neuen Freigerichts Steffisburg, das dem Thuner Schultheissen unterstand, war das Landhaus in Steffisburg (Bau 1543, ab 1549 auch Taverne, 1581 Freistatt, mehrfach umgebaut, Gasthaus, ab 2019 Gesundheitszentrum). Das Freigericht umfasste wie das Kirchspiel das ganze Zulgtal, ferner Heiligenschwendi, Schwendibach, Goldiwil, Herbligen und Brenzikofen. Die Landschaft Steffisburg besass ein 1405 kodifiziertes Landrecht, das mehrfach redigiert und 1834 schliesslich aufgehoben wurde. Die Achtzehner, eine eigene Landschaftsbehörde, die aus je sechs Vertretern des Dorf-, Langenegg- und Hombergdrittels bestand, verwalteten das Kirchen-, Schul- und Armenwesen; Amtsleute der Achtzehner und des Gerichts waren die einheimischen Statthalter, Weibel und Landsäckelmeister. Die Mannschaft der Landschaft Steffisburg gehörte ab 1476 zum Banner der Stadt Thun, hatte aber ihren eigenen Exerzier- und Musterplatz in Steffisburg. Die Gesellschaft der Büchsenschützen wurde vor 1553 gegründet. 1641 und 1653 nahm Steffisburg aktiv an den Bauernunruhen teil; Animositäten richteten sich gegen das Amt und die Stadt Thun. 1798-1803 war Steffisburg Hauptort des gleichnamigen helvetischen Distrikts, dem auch die Kirchgemeinden Oberdiessbach und Wichtrach angehörten. 1803 wurde die Gemeinde dem Oberamt Thun zugewiesen und war 1831-2009 Teil des Amtsbezirks Thun. Der Landschaftsverband wurde 1872 aufgelöst.

Das Dorf Steffisburg war Zentrum einer Grosspfarrei. Die zwei Vorgängerbauten der 1224 erwähnten Kirche (Stephanspatrozinium) stammten jeweils aus der Wende vom 7. zum 8. bzw. vom 9. zum 10. Jahrhundert; der heutige Bau von 1681 integriert Teile einer Basilika aus dem 10. und 11. Jahrhundert sowie den Turm von ca. 1320. Die um 1500 angebaute Beinhauskapelle wurde nach 1528 abgetragen. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hatten die Herren von Rüti den Kirchensatz inne, der vor 1299 mit dem Hof an der Scheidgasse an das Stift Interlaken kam; 1320 inkorporierte das Kloster die Kirche. In der Reformation 1528 fiel der Kirchensatz an Bern. Die Pfarrei umfasste einst das ganze Zulgtal mit Steffisburg, Fahrni, Unterlangenegg sowie Oberlangenegg, Eriz, Homberg, Buchen und Horrenbach (Horrenbach-Buchen). Heimberg zählte 1536-1988 ebenfalls zur Kirchgemeinde. Um eine Ausbreitung des Täufertums zu verhindern, liess Bern 1693 im Dorf Schwarzenegg eine Kirche errichten und wies dieser das obere Zulgtal zu. 1936 wechselte Homberg von Steffisburg zur neuen Kirchgemeinde Buchen. Die Katholiken gehören zur St.-Marien-Kirchgemeinde in Thun.

Bemalter Wandteller aus Terrakotta, mit einer Edelweissverzierung und einer Ansicht von Interlaken, hergestellt in der Manufaktur Wanzenried-Ingold in Steffisburg (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, LM-45380).
Bemalter Wandteller aus Terrakotta, mit einer Edelweissverzierung und einer Ansicht von Interlaken, hergestellt in der Manufaktur Wanzenried-Ingold in Steffisburg (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, LM-45380). […]

Das Dorf Steffisburg bildete einen von den Einzelhöfen abgegrenzten Zelgverband; seine Allmenden wurden indes bis zur Allmendteilung 1780 auch von den Höfen bestossen. Neben Ackerbau ist vom 14. Jahrhundert an Weinbau bezeugt; der beträchtliche Rebbesitz des Klosters Interlaken fiel 1528 an Bern. Mit dem Übergang zur Vieh- und Milchwirtschaft ab den 1830er Jahren gewann der Futterbau an Gewicht, während der Weinbau aufgegeben wurde. Die Bauersame hatte vom Mittelalter an Nutzungsrechte in den obrigkeitlichen Hochwäldern im oberen Zulgtal; 1897 entgalt der Staat die Gemeinde mit 180 ha Wald im Heimenegg- und Neuenbann sowie die Burgergemeinde Steffisburg mit 322 ha. Ab dem 14. Jahrhundert sind Wasserwerke (Mühlen, Stampfen, Sägereien, später Walkereien, Öl- und Pulvermühlen) am dörflichen Gewerbekanal bezeugt. Nach dem Roden der Auenwälder längs der Zulg waren Müller und Gemeinde ab 1591 zur Bachverbauung verpflichtet (Schwellenpflicht); Abhilfe gegen die wiederkehrenden Überflutungen verschafften erst die Aare- und Zulgkorrektion im 19. Jahrhundert. Ab dem 17. Jahrhundert nahm die Zahl der Handwerksbetriebe zu und neue Gewerbe hielten im Dorf Einzug (nach 1750 Töpferei, 1809 Ziegelei, ab 1818 Bierbrauereien). Die Spar- und Leihkasse eröffnete 1863. Die gute Verkehrserschliessung durch die Landstrasse Bern-Thun, den Weg ins Oberemmental über den Schallenberg (Fahrstrasse 1895-1900 erstellt), die Burgdorf-Thun-Bahn von 1899 (ab 1925 zwei Stationen) sowie die Trambahn Steffisburg-Thun-Interlaken von 1913 (1958 durch einen Bus ersetzt) einerseits und die Nähe zu Thun andererseits förderten das Wachstum der Gemeinde ab 1900 entscheidend. Steffisburg verzeichnete ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten Pendler, die in den eidgenössischen Betrieben in Thun arbeiteten. Im Sog der Stadt Thun erlebte der Ort ab 1900 eine erste Bauwelle, weitere folgten nach 1945, in den 1980er sowie in den 2000er Jahren. Damit änderten sich Beschäftigungs- und Siedlungsstruktur; 2009 lebte nur noch Ortbühl hauptsächlich von der Landwirtschaft (Futter- und Obstbau, Beerenkulturen), die Bevölkerung der anderen Gemeindeteile arbeitete dagegen in Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. In der Ebene wuchsen die verschiedenen Neuquartiere, deren Bewohner sich auf Thun ausrichteten, rasch zusammen. Das in mehreren Zonen angesiedelte Gewerbe umfasst Maschinenfabriken (u.a. Präzisionsschleif- und Trennmaschinen sowie Verpackungsautomaten), ferner Seilbahn-, Apparate- und Fahrzeugbau, Fensterglas- und Fensterfabrik, Baugewerbe, Milchverarbeitung sowie ein grosses Dienstleistungsangebot. Das vielfältige dörfliche Kleingewerbe ist vor allem im Geschäftszentrum Oberdorf-Unterdorf angesiedelt. Die 1850 eingerichtete eidgenössische Pferderegieanstalt im Schwäbis wurde 1982 in einen Armeemotorfahrzeugpark umgewandelt; seit 2008 beherbergt die Anlage die Sammlung Historisches Armeematerial.

Steffisburg verfügt über zehn Kindergärten, acht Primar- und zwei Oberstufenschulen (Schönau, Zulg), zusammengefasst in einer einzigen Schulgemeinde, sowie über die Kirchenzentren Sonnenfeld (1960) und Glockenthal (1968). Zum kulturellen Angebot der Gemeinde gehören die eigene Kunstsammlung und die Kunstausstellungen in der Villa Schüpbach. An sozialen Institutionen sind das 1913 gegründete Sonderschulheim, das Kinderheim von 1930 sowie sechs Alters- und Pflegeheime zu nennen. 1947 wurde die Gemeindeversammlung durch den 34-köpfigen Grossen Gemeinderat ersetzt. Die Exekutive, der Gemeinderat, zählt einschliesslich des seit 1947 hauptamtlichen Gemeindepräsidenten sieben Mitglieder.

Die Gemeinde weist verschiedene Architekturdenkmäler auf, so unter anderem die Landsitze Ortbühl, ein 1794 von Carl Ahasver von Sinner erweitertes älteres Herrenhaus mit Pächterhaus von 1650, und Glockenthal, erstellt um 1859 durch Hans Heinrich Jud, seit 1929 als Altersheim genutzt. Beim mittelalterlichen Zulgübergang liegen das Kleine Höchhus, erbaut im 14. Jahrhundert von den Herren von Kien, und das Grosse Höchhus, errichtet um 1480 vom Thuner Schultheissen Heinrich Matter. Die Bäder Schwanden- (1486 erwähnt) und Schnittweierbad (1547 erwähnt) überlebten als Gasthöfe.

Quellen und Literatur

  • Hurni, Paul; Tschabold, Mario: Steffisburg. Eine bernische Gemeinde heute, 1983.
  • Eggenberger, Peter; Ulrich-Bochsler, Susi et al.: Steffisburg, reformierte Pfarrkirche. Die Ergebnisse der archäologischen Forschungen von 1980 und 1982, 1994.
  • Schneeberger, Hansjürg; Biland, Anne-Marie: Bauinventar der Gemeinde Steffisburg. Amtsbezirk Thun. Aufnahme des erhaltenswerten Baubestandes, [1995].
  • Frank, Georg: «Dank dem Gewerbefleiss früherer Jahrhunderte». Die Nutzung der Wasserkraft in der bernischen Gemeinde Steffisburg vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 3 Bde., 2000.
  • Dubler, Anne-Marie: Die Region Thun-Oberhofen auf ihrem Weg in den bernischen Staat (1384-1803), 2004 (Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, 66/2).
  • Frank, Georg: «Gerichtsort Steffisburg. Zur Geschichte der Dingstatt, des Gerichtshauses und der Freistätte für Totschläger», in: Schlossmuseum Thun, 2013, S. 37-50.
Weblinks
Normdateien
GND
Kurzinformationen
Ersterwähnung(en)
1133: Stevensburc
Endonyme/Exonyme
Steffisbourg (französisch)
Steffisburg (deutsch)

Zitiervorschlag

Dubler, Anne-Marie: "Steffisburg", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 12.05.2020. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000538/2020-05-12/, konsultiert am 28.09.2021.