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Werthenstein

Politische Gemeinde des Kantons Luzern, Amt Entlebuch, Wahlkreis Entlebuch. Die rechts der Kleinen Emme gelegene Gemeinde umfasst den Wallfahrtsort Werthenstein mit dem ehemaligen Franziskanerkloster sowie seit 1853 bzw. 1889 die ehemaligen politischen Gemeinden Wolhusen-Markt und Schachen, die noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts eigene Korporationsgemeinden besitzen. Um 1306 Werdenstein. 1850 592 Einwohner; 1900 1506; 1950 1983; 1970 2063; 2000 1892.

Die Gemeinde Werthenstein ging aus dem Hof Schwanden hervor, der im 13. Jahrhundert zur Herrschaft der Freiherren von Rotenburg gehörte. Um 1300 hatte Österreich in Schwanden die hohe und die niedere Gerichtsbarkeit inne. Die im Hofgebiet auf einem Felsen über der Kleinen Emme gelegene und mit einem Gut ausgestattete Burgstelle Werthenstein war Eigen der Herrschaft Rothenburg. Der Hof Schwanden und das darin aufgegangene Gut Werthenstein bildeten ab dem Ende des 13. Jahrhunderts eine Exklave des österreichischen Amts und nach 1385/1386 der luzernischen Vogtei Rothenburg. Das Einzelhofgebiet Schwanden (1691 ca. 180 Einwohner) besass ein Hofrecht aus dem 14. Jahrhundert und hielt eigene Gerichtstage. Ein dörfliches Zentrum entstand erst durch die in der frühen Neuzeit aufgekommene Wallfahrt. 1798 wurde Schwanden als Gemeinde Werthenstein dem Distrikt Ruswil zugeteilt. 1803 kam Werthenstein zum Amt Entlebuch, 1831 zum Amt Sursee und 1889 wieder zum Amt Entlebuch.

Das Gebiet der Gemeinde Werthenstein gehörte mit Ausnahme des nach Malters pfarrgenössigen Schachen zur Grosspfarrei Ruswil, bis es 1657 zusammen mit einem Teil der Schachener Höfe zur neu errichteten Pfarrei Wolhusen kam. Seit 1807 bildet Werthenstein – ohne Wolhusen-Markt – eine eigene Pfarrei, der weitere Höfe in Schachen und in der Pfarrei Ruswil zugewiesen wurden. Kollator und zugleich Pfarrer war bis 1838 der Guardian des Franziskanerklosters.

1518 wurde bei der abgegangenen Burgstelle Werthenstein eine Marienkapelle erbaut, nachdem ein niederländischer Goldwäscher dort eine himmlische Erscheinung hatte. Der anwachsende Pilgerstrom führte zu einem Ausbau der Stätte, den unter anderem die luzernische Obrigkeit förderte. 1608-1612 wurde gemäss den Plänen von Anton Isenmann die Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau in nachgotischer Art errichtet und ab 1620 durch Kapellenanbauten und einen Hallenumgang in toskanischem Stil erweitert. Nachdem die Franziskaner 1630 die Kapuziner in der Wallfahrtsseelsorge abgelöst hatten, wurde 1631-1636 der Klostertrakt nach einem Gesamtkonzept von Niklaus Geisler erbaut. Werthenstein war im 17. und 18. Jahrhundert einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte der Schweiz. 1838 hob die Luzerner Regierung das Kloster auf; die Wallfahrtskirche blieb weiterhin Pfarrkirche, die übrigen Klostergebäude dienten 1840-1847 einer Taubstummenanstalt und 1909-1980 den Missionaren der Heiligen Familie.

In der Blütezeit der Wallfahrt wurde die Landstrasse über Werthenstein rege frequentiert. Der erste gesicherte Beleg einer Brücke über die Kleine Emme datiert von 1565, derjenige der Zollstelle von 1698. Die heutige gedeckte Holzbrücke stammt aus dem Jahr 1775. Nach dem Bau der linksufrigen Kunststrasse 1840 lag der Wallfahrtsort abseits der Hauptverkehrsachsen. Das an der neuen Strasse entstandene Werthenstein-Unterdorf gehört zur Gemeinde Ruswil.

Der Ortsteil Wolhusen-Markt entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem regionalen Industrie- und Dienstleistungszentrum. In Schachen betreibt die Eidgenössische Alkoholverwaltung bzw. deren Profitcenter Alcosuisse seit 1942 ein Tanklager für Ethanol; nach der Schaffung einer Industriezone 1973 in der dortigen Flussebene siedelten sich noch weitere Betriebe an. Der grösste Teil des Gemeindegebiets ist aber nach wie vor landwirtschaftlich geprägt. Seit 1998 stehen verschiedene Reformprojekte für die unter Fusionsdruck geratene Gemeinde Werthenstein zur Debatte.

Quellen und Literatur

  • F. Glauser, J.J. Siegrist, Die Luzerner Pfarreien und Landvogteien, 1977
  • HS V/1, 288-299
  • Kdm LU NF 1, 1987, 357-431
  • A. Schwingruber et al., Die Gem. Werthenstein, 1989
  • IVS Dok. LU 9, 10
  • A. Hofstetter, Schachen, mein Dorf, 2012
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Peter Mulle: "Werthenstein", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.10.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000591/2013-10-04/, konsultiert am 27.06.2022.