de fr it

Erstfeld

Politische Gemeinde des Kantons Uri. Strassendorf mit bäuerlichen Streusiedlungen im Tal- und Berggebiet. 1258 Ourzcvelt, 1831 Hirschfelden, 1638 lateinisch in Protocampis. Standort zahlreicher Einrichtungen der Gotthardbahn. 1743 614 Einwohner; 1799 700; 1850 916; 1880 1184; 1900 2416; 1910 3149; 1950 3747; 1970 4516; 2000 3933.

Der Goldschatz von Erstfeld

Der sogenannte Goldschatz von Erstfeld wurde am Ausgang des Lochertals im Steilhang der Ribitäler Rüfi, etwa 70 m über dem Talboden unter 9 m Bergsturzschutt gefunden. Vier Hals- und drei Armringe aus hochkarätigem Gold (bis zu 95%) von insgesamt 640 g Gewicht wurden 1962 am Fuss eines mächtigen Felsblocks geborgen. Es handelt sich um praktisch neuwertigen Frauenschmuck. Alle Ringe tragen Verschlüsse und weisen auch sonst zahlreiche Übereinstimmungen auf. Je zwei Hals- und zwei Armringe bilden ein Paar. Bei den Halsringen ist der reich verzierte Vorderteil ausschwenk- bzw. entfernbar und wird durch Nietstifte gesichert. Es handelt sich um handwerklich hochstehende Treibarbeiten aus mehreren verlöteten und mit dem Punzierstift überarbeiteten Goldblechschalen. Der Zierteil in Form eines durchbrochenen Figurenfrieses ist axialsymmetrisch aufgebaut und stellt Menschen, Tiere, Fabelwesen und Pflanzenmotive dar. Da Vorder- und Hinterseite identisch sind, erhalten die wiedergegebenen Gestalten einen nahezu rundplastischen Ausdruck. Ihre szenenartige Gruppierung muss in der mythologischen und religiösen Vorstellungswelt verwurzelt sein; die Deutung ist offen. Das Armringpaar trägt ein plastisch herausgearbeitetes Pflanzenmotiv in der Ausformung einer typisch keltischen Wellenranke.

Detail eines Halsrings aus dem keltischen Goldschatz von Erstfeld, 4. Jahrhundert v.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Detail eines Halsrings aus dem keltischen Goldschatz von Erstfeld, 4. Jahrhundert v.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).

Der Erstfelder Goldschatz gehört zu den herausragenden Meisterwerken des keltischen Kunsthandwerks mit wenigen Vergleichen in Europa nördlich der Alpen. Der Fundort selbst weist auf die Begehung der Zentralalpen in keltischer Zeit hin. Unter mehreren Deutungen (u.a. Händlerdepot) findet diejenige eines kultisch motivierten Weihegeschenks zur sicheren Überquerung der Alpen derzeit die grösste Akzeptanz. Empfängerin ist eventuell eine weibliche Gottheit. Die Datierung wird kontrovers diskutiert; ein Ansatz innerhalb des 4. Jahrhunderts v.Chr. ist aber unbestritten.

Frühmittelalter bis heute

Die frühen alemannischen Streusiedlungen lagen vor allem links der Reuss entlang dem ursprünglichen Gotthardweg. Das rechtsufrige Gebiet blieb dünn besiedelt. Verschiedene Güter von Adeligen aus dem Raum der Landgrafschaft Burgund wurden im 13. Jahrhundert vom Kloster Wettingen erworben und gingen 1359 in den Besitz des Landes Uri über. Mehrere Höfe und der Zehnt gehörten der Fraumünsterabtei Zürich, welche hier um 1250 ein Meieramt errichtete. Mit ihm verbunden war wahrscheinlich der Turm, dessen heraldischer Schmuck 1583 von Renward Cysat kopiert wurde. Die Meier von Erstfeld waren in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts das führende Geschlecht in Uri. Bis ins 17. Jahrhundert stellte die bäuerliche Oberschicht von Erstfeld mehrmals den Landammann. 1428 ging das Zehntrecht an die Landespfarrei Altdorf über.

Die Kirche St. Ambrosius und St. Othmar ist 1318 erstmals erwähnt (1870-1872 Neubau, 1956-1958 Renovation und Erweiterung). 1393 wurde die Seelsorge zwischen den Kirchgenossen von Erstfeld und dem Pfarrer von Altdorf geregelt, 1477 erfolgte die Abkurung von der Landespfarrei Altdorf. 1515 wurde die Kapelle Jagdmatt mit einer Pfründe ausgestattet. 1482 und 1504 wurde je ein Steuerbuch der Gemeinde angelegt. 1635 ist ein Schulmeister erwähnt. 1555 erhielten die Kirchgenossen vom Land Uri den Stegbannwald. Die Hirte Surenen wurde schon früh von Erstfeld gemeinsam mit Altdorf und Attinghausen verwaltet, wofür die drei Gemeinden spätestens ab 1635 jährlich eine Prozession zur Kapelle in der Blackenalp abhalten mussten. Im Land Uri bildeten Erstfeld rechts der Reuss (mit Schattdorf und Bürglen unter dem Gräblein) und Erstfeld links der Reuss (mit Gurtnellen) je eine Genosssame. Im 18. Jahrhundert bestanden am Rinächt Marmorsteinbrüche. Der Viehmarkt von Erstfeld wurde 1860 aufgehoben.

Teilansicht des Orts und der Erweiterung des Reusstals in Richtung Altdorf, um 1950 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Photoglob).
Teilansicht des Orts und der Erweiterung des Reusstals in Richtung Altdorf, um 1950 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Photoglob). […]

Mit der Eröffnung der Gotthardbahn (1882) und der Reparaturwerkstätte in Erstfeld setzte ein beträchtlicher Zuzug qualifizierter, meist reformierter Arbeitskräfte ein, was zu einem sozialen Wandel der bisher agrarisch geprägten Siedlung führte. 1885 entstand die Protestantische Kirchgemeinde Uri mit Sitz in Erstfeld (1899 Bau der reformierten Kirche), 1932 eine Gemeinde der neuapostolischen Kirche. Die Bahnangestellten organisierten sich 1885 im Heizerverein. Aus der Grütlisektion Erstfeld ging 1905 die Arbeiterpartei hervor, später die SP Uri. Die Gotthardbahn führte 1893-1938 eine eigene Sekundarschule und erstellte 1908 ein Kasino für kulturelle Veranstaltungen. Der rechtsufrige Dorfteil entwickelte sich ab 1880 sprunghaft; vor allem die Initiative der 1909 gegründeten Eisenbahnergenossenschaft brachte bedeutende Zeugnisse des Arbeiterwohnungsbaus hervor. 1905 wurde der Allgemeine Konsumverein mit Geschäften im ganzen oberen Kantonsteil gegründet, 1975 erfolgte die Fusion mit Coop Zentralschweiz. Als Reaktion auf die Aktivitäten der Arbeiterbewegung gründete die katholische Pfarrei zahlreiche Standesvereine kultureller und sozialer Ausrichtung. Um 1905 trat eine konservative Partei in Erscheinung. Gewerbekreise gründeten 1900 die Fortschrittlich-demokratische Partei und 1917 den Handwerker- und Gewerbeverein, der 1921-1933 eine eigene Gewerbeschule führte. 1916 erhielt Erstfeld eine Filiale der Urner Kantonalbank, 1927 einen Verkehrsverein. 1902 wurde die Landwirtschaftliche Genossenschaft gegründet, 1935 der Viehmarkt (zusammen mit einem Warenmarkt) wiederbelebt. 1980 wurde mit der A2 auch die Gotthard-Raststätte in Erstfeld eröffnet. 1987 erhielt Erstfeld Anschluss an das regionale Netz der Auto AG Uri. 2000 arbeitete noch immer ca. ein Drittel der in Erstfeld Erwerbstätigen im 2. Sektor. Knapp 50% der Arbeitsplätze waren von Zupendlern besetzt. 1919-1929 erfolgte die Melioration der Reussebene. 1961-1973 wurden die Ribitäler verbaut. Laufende Verbesserungen der Reussdämme schützen den Lebensraum.

Bereits 1892 wurde die Gemeinde in eine Einwohner-, Kirch- und Bürgergemeinde ausgeschieden. 1931 baute Erstfeld das gemeindeeigene Elektrizitätswerk Bocki (Ausbau 1963). Mit der Hilfs- und Werkschule für den oberen Kantonsteil (1970), dem kantonalen Zivilschutz-Ausbildungszentrum (1971), der ARA für das mittlere Reusstal (1985) und dem regionalen Betagten- und Pflegeheim (1990) ist Erstfeld zu einem regionalen Dienstleistungszentrum geworden.

Quellen und Literatur

Der Goldschatz von Erstfeld
  • R. Wyss, Der Schatzfund von Erstfeld, 1975
  • F. Müller, «Zur Datierung des Goldschatzes von Erstfeld», in JbSGUF 73, 1990, 83-94
  • M.A. Guggisberg, Der Goldschatz von Erstfeld, 2000
Frühmittelalter bis heute
  • T. Herger, Die Pfarrgeistlichkeit von Erstfeld, 1970
  • Erstfeld, zur 500jährigen Selbständigkeit, 1977
  • Erstfeld, Verkehrswege verändern ein Dorf, 1991
Von der Redaktion ergänzt
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Müller, Felix; Stadler, Hans: "Erstfeld", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.02.2018. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000695/2018-02-07/, konsultiert am 05.12.2021.