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Gersau

Ansicht von Gersau in Richtung Osten mit der Hochflue im Hintergrund. Zeichnung von Jakob Schwegler, lithografiert von den Brüdern Eglin in Luzern, um 1837 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Ansicht von Gersau in Richtung Osten mit der Hochflue im Hintergrund. Zeichnung von Jakob Schwegler, lithografiert von den Brüdern Eglin in Luzern, um 1837 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Politische Gemeinde und Bezirk des Kantons Schwyz. Dorf und Landschaft in geschützter Lage am Südabhang der Rigi-Scheidegg und an den Ufern des Vierwaldstättersees mit mildem Klima (Kurort). Bis ins 19. Jahrhundert war Gersau nur auf dem Seeweg oder über den Gätterlipass (von Lauerz) erreichbar. 1390/1433-1817 freie Republik, seit 1817 einzige Gemeinde des gleichnamigen Bezirks. 1064 Gersouwe. 1774 ca. 1000 Einwohner; 1850 1585; 1870 2270; 1880 1775 (Niedergang der Seidenindustrie); 1900 1887; 1910 2263 (neue Blüte der Seidenindustrie); 1950 1890; 2000 1934.

Aus der mittleren Bronzezeit stammt eine bei der Kindlimordkapelle gefundene Dolchklinge. 1985 gelang bei einem Tauchgang die Bergung eines in die Mitte des 7. Jahrhunderts zu datierenden Skramasax. Das Kloster Muri im Freiamt, das den Hof Gersau als Stiftungsgut von den Grafen von Lenzburg erhalten hatte, ist der früheste bekannte kirchliche Grundherr. Die Bauern und Fischer von Gersau hatten als Hof- und Gotteshausleute dem Kloster Muri Abgaben zu entrichten. Erwähnt werden Käse, Ziger, Fleisch, Fische, Kleinvieh, Tuch, Schafwolle, Filz, Häute, Felle, Geld, Nüsse, Obst. Die klösterlichen Landgüter gelangten allmählich in die Hand der Habsburger, doch übergaben die Herzöge Albrecht und Otto von Österreich 1333 die Güter und Gülten in Gersau an Rudolf von Freienbach und Jost von Moos; damit fielen Gerichtsbarkeit und Rechte in die Hand von Luzerner Edelleuten. 1359 wurde Gersau ins Bündnis der Eidgenossen aufgenommen, wobei die rechtliche Stellung Gersaus zu den eidgenössischen Orten der eines zugewandten Ortes gleichkam: die Waldstätte übernahmen für Gersau eine Schutz- und Schirmherrschaft, das dafür seine waffenfähige Kriegsmannschaft zur Verfügung zu stellen hatte. Ein erstes Mal kämpften Gersauer 1386 auf dem Schlachtfeld von Sempach, wo sie das Banner des Grafen Rudolf von Hohenzollern erbeuteten. 1390 kaufte sich Gersau für eine Summe von 690 Pfund Pfennigen von der habsburgischen Verpfändung und Vogteigewalt los, die damals in der Hand der Luzerner Bürger Johann, Peter und Agnes von Moos lagen. Dadurch fielen Gerichtsbarkeit, Vogtei- und Steuerrechte an die Hofleute von Gersau, das damit eine freie, unverpfändbare Gemeinde wurde. 1433 erhielt Gersau von Kaiser Sigismund in Basel die urkundliche Bestätigung der alten Freiheiten, Rechte und Privilegien und wurde damit als reichsunmittelbare Gemeinde direkt unter den Schutz des deutschen Kaisers gestellt. Nach der Anerkennung als Freistaat und Republik ordnete Gersau 1436 sein gemeindliches Staatsleben mit einem eigenen Hof- und Eherecht. Die höchste Gewalt lag bei der von einem Landammann geleiteten Landsgemeinde. Richtstätte und Galgen waren Zeichen der hohen Gerichtsbarkeit.

Die Bestätigung der Freiheiten und Privilegien durch Kaiser Sigismund am 31. Oktober 1433. Ölgemälde im Alten Rathaus von Gersau, gemalt von Josef Martin Obersteg dem Älteren, 1794 (Staatsarchiv Schwyz, Fotosammlung).
Die Bestätigung der Freiheiten und Privilegien durch Kaiser Sigismund am 31. Oktober 1433. Ölgemälde im Alten Rathaus von Gersau, gemalt von Josef Martin Obersteg dem Älteren, 1794 (Staatsarchiv Schwyz, Fotosammlung). […]

Mit der Französischen Revolution (1798) wurde Gersau eine Munizipalität, 1804-1814 ein Bezirk des Kantons Schwyz, und von 1814-1817 lebte Gersau unter ausdrücklicher Genehmigung von Schwyz nochmals als Republik auf. Politisches Zentrum der Republik Gersau war das Rathaus (1745) mit Rats- und Gerichtssaal (heute Museum) und "Chefi" (ehemaliges Gefängnis, heute Ausstellungsraum von sechs Stradivari-Instrumenten der Stradivari-Stiftung Habisreutinger). 1817 entschied die Tagsatzung auf der Grundlage der Erklärung des Wiener Kongresses und der im 1. Artikel des Bundesvertrages von 1815 ausgesprochenen Gewährleistung des Gebietes aller Kantone, dass der Flecken und die Landschaft Gersau mit dem Kanton Schwyz vereinigt und auf immer ein Bestandteil desselben sein soll. Seit 1818 ist Gersau Gemeinde und Bezirk im Kanton Schwyz.

Die dem heiligen Marzellus geweihte Kirche (ecclesiam Gersouvo) wird in den Papsturkunden von 1179 und 1189 erstmals erwähnt. Aus dem Besitz des Klosters Muri gelangte das Patronatsrecht an die Habsburger, später an verschiedene Private. 1483 verkaufte Hans von Büttikon den Kirchensatz den Kirchgenossen von Gersau. 1806-1812 erfolgte der Bau einer neuen Pfarrkirche St. Marzellus unter dem Einsiedler Bruder Baumeister Jakob Nater, gefördert durch den aus Gersau stammenden Einsiedler Abt Beat Küttel. Renommierte Kunsthandwerker wie Johann Josef Moosbrugger (Altäre und Stuckaturen), Josef Anton Mesmer (Deckengemälde) und Martin Braun (Orgel) prägten den Innenraum des 1812 eingesegneten Neubaus. Die feierliche Kirchweihe erfolgte erst nach der Auflösung des Bistums Konstanz und wurde 1821 durch den päpstlichen Nuntius Ignazio Nasalli vorgenommen. Die Kirchgemeinde verwaltet das Kirchen- und Pfrundvermögen. Weitere Sakralbauten sind: die Kapelle Maria Hilf im Kindli (sogenannte Kindlimordkapelle, 1570 erbaut), eine ehemalige Wallfahrtskapelle; die Kapelle St. Josef, 1683 anlässlich der Erneuerung der Sennenbruderschaft auf dem Käppeliberg errichtet; die kleine Feldkapelle ("Büölchäppeli") am Weg zum Büöl und zur Richtstätte am See; die Kapelle auf der Rigi-Scheidegg. Abgebrochen wurde die 1900 eingeweihte, zweistöckige Lourdeskapelle "auf der Tschalun" (heute Wohnhaus Neumühle). Noch heute bestehen in der Pfarrei Gersau vier Bruderschaften: Niklausenbruderschaft (karitativ tätig), Sennenbruderschaft (Pflege der alten Traditionen der Land- und Alpwirtschaft), Sebastiansbruderschaft (Pflege des Schützenwesens) und St.-Anna-Bruderschaft.

Bis zum Zeitpunkt der Ausscheidung des Korporationsgutes vom Bezirksgut (1838) bestand zwischen der Allmendkorporation (Genosssame) und der politischen Gemeinde kein Unterschied. Genossengut und Gemeindegut wurden gemeinsam genutzt und verwaltet. An Grundstücken gehörten der Genosssame die Alpen und Allmenden ("an Grund und Boden und Wäldern"), wobei die einzelnen Grundstücke nicht namentlich aufgezählt wurden. Auch nach der Ausscheidung galt der Grundsatz, dass das Genossenvermögen als Stammgut nicht veräussert werden dürfe. Zugewanderte oder Beisässer besassen keine Nutzungsrechte. Noch heute sind nur die Nachkommen der alteingesessenen Ortsbürger von Gersau nutzungsberechtigt. Dazu gehören nur jene mit den Familiennamen Baggenstos, Camenzind, Dahinden, Küttel, May, Müller, Niederer, Nigg, Rigert, Schöchlin, Waad. Heute werden die Aufgaben der Genosssame (Verwaltung über Holz, Feld und Alpen) vom fünfköpfigen Genossenrat erledigt, unterstützt vom Genossenschreiber, vom Bannwart und vom Weibel. 1992 gehörten der Genosssame noch 350 Bürger an.

Oberstes Organ des Bezirks ist die Bezirksgemeindeversammlung, die jeweils im Frühjahr stattfindet. Über die der Urnenabstimmung unterstellten Sachgeschäfte ist vorher an der Gemeindeversammlung zu beraten. Der siebenköpfige Bezirksrat mit dem Bezirksammann an der Spitze ist das vollziehende und verwaltende Organ des Bezirks und vertritt diesen nach aussen. Der Landschreiber steht der Bezirkskanzlei vor. Das Bezirksgericht urteilt in erster Instanz. Der 1987 gegründeten Wuhrkorporation Gersauer Dorfbäche steht ein siebenköpfiger Wuhrrat vor. Diese Korporation hat den Zweck, die Gersauer Dorfbäche zu verbauen und dadurch das Dorf vor Bachüberschwemmungen und die Bergliegenschaften, Wälder und Alpen vor Erdrutschen zu schützen.

Schon zur Zeit der Republik gab es in Gersau neben Alp- und Landwirtschaft auch Gewerbebetriebe (Kalk- und Ziegelbrennerei, Nagelschmieden). Aus dem aus Sargans herbeigeschafften Roheisen wurden in Gersau Nägel und Griffeisen hergestellt, die grossen Absatz fanden. Die Handwerker schlossen sich 1730 in der Meisterzunft zusammen. Im gleichen Jahr bewilligte die Gersauer Landsgemeinde Sebastian Melchior Rigert das Fäulen von Seidenabfällen. Fergger überwachten die Kämmlerarbeit, wobei die Gersauer Fergger und ihre Kämmler-Arbeiter ihrer Ehrlichkeit und ihres Fleisses wegen geschätzt wurden. In der Blütezeit des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts (vgl. Bau der Pfarrkirche) liessen die Firmen Seidenabfälle sogar auswärts, vor allem im benachbarten Vitznau und Weggis fäulen, in Engelberg und Nidwalden kämmen und im Zugerland sowie Schwyz spinnen. Mit dem Bau von drei Spinnereigebäuden (1846 im Eggi, 1856 in der Bläui und 1861 am See) und der Einführung von mechanischen Spinnmaschinen wurde Gersau der führende Seidengarn-Industrieort der Innerschweiz. Die Seidenindustrie bildete damals in Gersau den wichtigsten Erwerbszweig. Nach der Krise von 1875-1892, in deren Verlauf ca. 90 Personen nach Amerika auswandern mussten (Reisegeld vom Bezirk 250 Fr.), und der Übernahme der drei Fabriken durch die Firma Camenzind & Co. AG konnte die Seidenindustrie in Gersau wieder ausgebaut und gestärkt werden. Nach Umstrukturierungen beschäftigte die Firma in der sogenannten Schappeseiden-Spinnerei 1992 etwa 65 Arbeitskräfte, 2004 noch 32. Daneben sorgen Gewerbebetriebe (Sägerei, Holzhandel, Schreinereien, Baugeschäfte) für weitere Erwerbsmöglichkeiten. 2000 war im 1. Sektor rund ein Zehntel der Erwerbstätigen beschäftigt (im Winter sind viele von ihnen zusätzlich im Bau- und Holzgewerbe tätig), im 2. Sektor rund ein Viertel und im 3. Sektor etwas mehr als die Hälfte. Rund die Hälfte der Beschäftigten sind Wegpendler. Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt, dem Bau einer Bahn vom Kaltbad zur Rigi-Scheidegg (1870-1875) und der Erschliessung Gersaus durch eine 14 Fuss breite Strasse nach Brunnen (1861-1867) und nach Vitznau (1884-1886) setzte der Fremdenverkehr ein. 1875 zählte der Kurort Gersau über 30 Hotels, Restaurants und Pensionen; die berühmtesten waren: Hotel-Pension Scheidegg (1840) und Hotel Müller (1863, 1978 abgebrannt und neu errichtet).

Mit Fasnacht ("Gerfaz"-Figur), Mittefastenfeuer, Sennengemeinde auf "Holzbüöl", Sennenkilbi mit "Tschämeler" (Wildmannen), Klausentricheln und Klausenumzug kennt Gersau ein vielfältiges Brauchtum. Noch heute erinnern Ausdrücke wie "Gersauern" oder "Gersauerstückli" an die Eigenart Gersaus und ihrer Einwohner zur Zeit ihrer Republik. Sie gehören, wie etwa die Taten der Leute von Merligen, in das Kapitel der Schildbürgerstreiche.

Quellen und Literatur

  • «Gersauer Bibl.», in Schwyzer H. 40, 1987
  • A. Müller, «Gersau – 3. Juni 1390», in MHVS 82, 1990, 81-87
  • A. Müller, Gersau z.Z. der Helvetik 1798-1803, 1998
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Albert Müller: "Gersau", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 08.12.2006. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000711/2006-12-08/, konsultiert am 06.07.2022.