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Tuggen

Politische Gemeinde des Kantons Schwyz, Bezirk March. Die in der Linthebene und am Südhang des Buechbergs (624 m) gelegene Streusiedlung umfasst das Dorf Tuggen, die Weiler Bolenberg, Girendorf und Holeneich sowie zahlreiche Höfe und die ehemalige Zollstelle Grinau. Sie grenzt am oberen Zürichsee und im Linthkanal an den Kanton St. Gallen. Um 816/824 Tuccinia und Tucconia. 1660 300 Kommunikanten; 1743 525 Einwohner; 1799 700; 1850 1161; 1900 1060; 1950 1409; 2000 2646.

Die Identifikation der Station Duebon Crino (oder auch Duchonnion) an der spätantiken Wasserstrasse Zürich-Walensee mit Tuggen im Itinerar von Anonymus Ravennas ist strittig, doch scheint eine Besiedlung an der Grenze der römischen Provinzen Maxima Sequanorum und Raetia prima als wahrscheinlich. Im Frühmittelalter grenzte das zum Bistum Konstanz gehörige Tuggen an Churrätien und das Bistum Chur. Der Tuggenersee, der in der Zeit zwischen etwa 500 und 1000 durch Geschiebeablagerungen der Linth vom oberen Zürichsee abgeschnitten worden war, verlandete ab dem 16. Jahrhundert nach und nach. Um 610 missionierten die Wandermönche Kolumban und Gallus in Tuggen. Aus der Mitte des 7. Jahrhunderts stammen Überreste der Stiftergräber dreier Alemannen in der Kirche, wahrscheinlich aus der Beata-Sippe. Im Churrätischen Reichsgutsurbar (um 840) werden die Kirche Tuggen, der Hof Tuggenried nebst zehn Höfen und einer Mühle als Besitz des Klosters Pfäfers genannt. Pfäfers war bis 1652 Grundherr in Tuggen und besass hier einen Kehlhof. Als weitere – oft konkurrierende – Grundherren traten im Hoch- und Spätmittelalter die Klöster Einsiedeln, Schänis und Rüti sowie die Grafen von Rapperswil, von Habsburg und von Toggenburg auf. 1217-1603 besass auch Einsiedeln eine Mühle in Tuggen (1952 Einstellung des Betriebs). Mit der Obermarch kam Tuggen 1437 unter Schwyzer Landeshoheit.

In Tuggen entstand in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts die erste Kirche der March. Sie bildete im 12. und 13. Jahrhundert das Zentrum einer Grosspfarrei, welche die Obermarch und das Wägital umfasste. Erwähnt ist sie 1116 als Marienkirche und 1345 mit den Patrozinien Maria, Katharina sowie Viktor. Seit dem 17. Jahrhundert ist sie dem heiligen Erhard geweiht. 1733-1743 wurde sie neu gebaut. 1399 wurde die Kaplaneipfrund St. Katharina sowie 1515 die nach St. Viktor und Wendelin benannte Pfrund gestiftet. Die Loslösung von Filialen, die zu eigenen Pfarrkirchen wurden, begann im 8./9. Jahrhundert mit Wangen; es folgten 1498 Reichenburg, 1536 Schübelbach und vor 1568 auch das Wägital. Reformatorische Bestrebungen in Tuggen wurden nach 1536 von Schwyz unterdrückt. Mit dem Loskauf von Pfäfers 1652 erlangten die Kirchgenossen das Patronatsrecht.

Im Früh- und Hochmittelalter wurden vor allem Ackerbau und wenig Viehzucht betrieben. Die von den Genossamen Tuggen (erwähnt 1447), Holeneich und Zenzen genutzten Allmenden umfassten vor allem Riedland, das oft umstritten war, aber auch Alpweiden, Weiden und Wälder. Vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert waren die genossenschaftlich organisierte Fischerei und die Linthschifffahrt von wirtschaftlicher Bedeutung. An der sogenannten Reichsstrasse liess Schwyz 1608 eine Sust bauen. Die Schifffahrt begünstigte den Sandsteinabbau am Buechberg. Dem Bau des 1816 eröffneten Linthkanals folgte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue Streckenführung der Kantonsstrasse Lachen-Grinau. Nur 1870-1873 bestand eine Sekundarschule in Tuggen. Seit 1876 unterhält die Gemeindekorporation Tuggen den Wald. Bis 1965 erfolgte die Melioration der Linthebene. Im Bauerndorf, in dem vom 16. Jahrhundert bis Anfang des 20. Jahrhundert auch Reben bewirtschaftet wurden, siedelten sich ab 1872 mit der Maschinen- und Schifflistickerei Betriebe der Textilindustrie an; es folgten eine Zwirnerei und Holz- sowie Polstermöbelfirmen. 1948 gründete Albin Huber die Tulux-Leuchtenfabrik. Die Liegemöbelfabrik Bamert produzierte 1957-2005 Einlegerahmen für den Matratzenhersteller Bico. 1925-1928 wurde erfolglos nach Erdöl gesucht, dargestellt im Roman «Riedland» (1938) von Kurt Guggenheim. Einen direkten Anschluss an die 1973 eröffnete Autobahn A3 Zürich-Chur erhielt Tuggen 1977 über den Autobahnzubringer Schmerikon. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts prägen ehemalige Fabriken, Fabrikanten- und Arbeiterhäuser das Ortsbild.

Quellen und Literatur

  • Kdm SZ NF 2, 1989, 409-465
  • J.F. Wyrsch, «Riedland und Spitzen, Erdöl und Tuggner Licht», in MHVS 100, 2008, 288-291
  • K. Fuchs, G. Descœudres, «Frühes und hohes MA», in Gesch. des Kt. Schwyz 1, 2012, 131-189

Zitiervorschlag

Ralf Jacober: "Tuggen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.01.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000722/2014-01-07/, konsultiert am 28.05.2022.