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GlarusGemeinde

Politische Gemeinde des Kantons Glarus, Kantonshauptort, seit 2011 mit Ennenda, Netstal und Riedern. Abseits der überregionalen Verkehrsachsen im Glarner Mittelland auf der breiten linken Talseite am Fuss des Vorderglärnisch gelegen, im Osten von der Linth begrenzt. Burg- und Sonnenhügel (früher Galgenhügel) im Nordostteil und Bergli am Westrand sind Überreste eines prähistorischen Bergsturzes. Im Mittelalter umfasste Glarus auch Riedern, das zwischen 1594 und 1630 zu einem eigenständigen Tagwen wurde, aber weiterhin mit Glarus einen Wahltagwen bildete. Das Klöntal wurde erst 1902 durch Landratsbeschluss dem Tagwen Glarus zugeteilt. Erste Erwähnungen: Anfang des 9. Jahrhunderts lateinisch Clarona, 1178 deutsch Glarus. Französisch Glaris, italienisch Glarona, romanisch Glaruna.

Glarus (Gemeinde): Situationskarte 2020 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2020 HLS.
Glarus (Gemeinde): Situationskarte 2020 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2020 HLS.

Glarus ist Landsgemeindeort, Sitz der kantonalen Verwaltung und der Gerichte. Im Hauptort befinden sich auch das Kantonsspital, die Kantonsschule, das Oberstufenzentrum Glarner Mittelland, die Landesbibliothek, das Landesarchiv und das Kunsthaus sowie Hotels, Banken und zahlreiche Einkaufsgeschäfte. Obwohl Glarus weder im historischen noch im statistischen Sinn eine Stadt ist, verstand es sich besonders nach dem grosszügigen Wiederaufbau von 1861 als solche (Mitglied des Schweizerischen Städteverbandes).

Bevölkerungstruktur der Gemeinde Glarus

Jahr1554168217771837
Einwohnerca. 1 550ca. 1 200ca. 2 4004 094
     
Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner4 0825 4855 3574 8775 1235 2695 7246 1895 7285 556
Anteil an Kantonsbevölkerung13,5%15,6%15,8%15,1%15,4%14,8%15,2%16,2%14,9%14,6%
Sprache          
Deutsch  5 2574 7564 8585 1475 5085 3764 9294 777
Italienisch  517212453117539326264
Andere  49491416999274473515
Religion, Konfession          
Protestantisch3 5124 2633 8383 6203 6273 7163 8943 7472 9752 520
Katholischb5701 2391 5021 2481 4711 5411 7992 4052 4272 095
Andere 1417925123137326941
davon jüdischen Glaubens 14123926  1
davon islamischen Glaubens       11122352
davon ohne Zugehörigkeitc       12134432
Nationalität          
Schweizer3 9605 2044 9684 4244 4714 8585 3765 2154 7234 379
Ausländer1223123894536524113489741 0051 177

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Bevölkerungstruktur der Gemeinde Glarus -  Autor; eidgenössische Volkszählungen

Älteste Siedlungsspuren

Die Anfänge der Besiedlung liegen im Dunkeln. Aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammt der älteste Bau der Pfarrkirche. Die ersten Höfe lagen vermutlich am Oberdorfbach und am Fusse des Bergli, wo sie vor Überschwemmungen sicher waren. Das Kloster Säckingen dürfte von der Mitte des 8. Jahrhunderts an in Glarus grundherrliche Rechte ausgeübt haben.

Vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

Kirche und Pfarrei

Bis 1273 war die Kirche St. Fridolin und Hilarius am Spielhof die einzige Pfarrkirche im Glarnerland. Durch archäologische Untersuchungen 1968 und 1971 wurden vier Bauten nachgewiesen: ein erstes Gebäude aus dem 6. Jahrhundert oder der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts, ein zweites vom Ende des 7. Jahrhunderts, ein drittes aus der Zeit zwischen 800 und 1000 sowie ein viertes, das um 1100 entstand. Bei diesem letzten Bau handelt es sich um eine dreischiffige romanische Pfeilerbasilika mit eingezogener Apsis. Im 13. Jahrhundert erfolgte die Erneuerung des Kirchturms. Unter Huldrych Zwingli, der von 1506-1516 als Pfarrer in Glarus wirkte, wurde eine Seitenkapelle angebaut. Beim Stadtbrand von 1861 wurde die Kirche zerstört. Vor der Jahrtausendwende erfolgte der Bau der St. Michaelskapelle auf dem Burghügel (1762-1769 durch barocken Neubau ersetzt). Daneben stand bis fast 1600 ein Schwesternhaus (Kloshaus), in dem Kranke gepflegt wurden. Der Pfarrsprengel Glarus umfasste am Ende des 14. Jahrhunderts auch Netstal, Mitlödi, Ennenda und Riedern. Erstere drei errichteten im 18. Jahrhundert eigene reformierte Kirchen, ohne sich jedoch vollständig von der Kirchgemeinde Glarus zu lösen.

1528 obsiegte die Reformation im Flecken, eifrig gefördert von Zwingli aus Zürich. Eine starke katholische Minderheit blieb aber bestehen. Die Kirche wurde weiterhin von beiden Konfessionen benutzt (Simultaneum), wobei im 18. Jahrhundert Katholiken und Reformierte je eine eigene Orgel hatten. 1697 bildeten sich zwei finanziell voneinander unabhängige konfessionelle Kirchgemeinden.

Siedlung und zentralörtliche Funktionen

«Der Haubt Fläcken Glarus» gegen Westen. Kolorierte Federzeichnung von Johann Rudolf Steinmüller, um 1745, im Landbuch von 1751 (Landesarchiv des Kantons Glarus).
«Der Haubt Fläcken Glarus» gegen Westen. Kolorierte Federzeichnung von Johann Rudolf Steinmüller, um 1745, im Landbuch von 1751 (Landesarchiv des Kantons Glarus). […]

Ursprünglich bestand Glarus aus den im Säckinger und Habsburger Urbar (beide Anfang 14. Jh.) aufgeführten Tagwen Ober- und Niederdorf. Noch im 15. Jahrhundert setzte sich der Flecken hauptsächlich aus einzelnen Gehöften mit Block- oder Ständerbauten zusammen. 1299, 1336 und 1477 wurde Glarus von Feuersbrünsten heimgesucht. Nach 1477 liessen sich immer mehr Hauptleute und Solddienstoffiziere steinerne Wohnhäuser mit aufwendiger Innenausstattung errichten. Wegen Überschwemmungsgefahr blieben die Gebiete in Linthnähe bis ins frühe 16. Jahrhundert unbebaut. Mit der Bändigung der Linth und ihres natürlichen Nebenlaufs, des Giessen, rückte die Bebauung langsam gegen den heutigen Spielhof vor, der zum Mittelpunkt des Fleckens wurde. Gemäss einem Häuserverzeichnis des Tagwens von 1561 befanden sich im engen Dorfbereich 98 Wohnhäuser; 38 waren von der Abläsch über das Oberdorf bis nach Riedern verstreut. An der Stelle des ersten nachweisbaren Rathauses von 1471 liess Landammann Aegidius Tschudi 1559 an der Südseite des Spielhofs ein neues bauen, in dem unter anderem das gewölbte Landesarchiv, die Gefängnisse und die Folterkammer sowie der grosse Saal für den Rat und die Gerichte untergebracht waren. Ein weiterer öffentlicher Bau war das 1558 errichtete Spital (1860 abgebrochen). Ferner gab es ein Schulhaus, verschiedene Pfrundhäuser, ein Schiess- und Tanzhaus (bei Regenwetter für das Blutgericht benützt), die Ankenwaage und ein Büchsenhaus. 1679 erfolgte der Bau eines Pulverturms; ein eigenes Zeughaus erhielt Glarus erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Als Standort der Talkirche und wegen seiner günstigen Mittellage zwischen dem Glarner Unter- und Hinterland nahm Glarus schon früh eine bevorzugte Stellung ein. 1419 erhob die Landsgemeinde das Dorf zum Hauptflecken und Marktort. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts war Glarus auch Tagungsort der Landsgemeinde. Nach der Einführung der konfessionellen Landsgemeinden 1623 in Schwanden (der Reformierten) und Näfels (der Katholiken) wurde die gemeinsame Landsgemeinde wieder nach Glarus verlegt, welches auch als Gerichtsort diente: Das Blutgericht fand in der frühen Neuzeit auf dem Spielhof statt, die Richtstätte lag im Ingruben, am östlichen Fuss des Galgenhügels.

Gemeindebildung

Eine ausgebildete Gemeindeorganisation ist erst im Tagwensbrief von 1531 fassbar, der hauptsächlich die durch die Bürger zu leistenden Tagwerke (Gemeinschaftsarbeiten wie Wegbau, Allmendsäuberung, Wuhrarbeiten usw.) regelte. Gebote und Verbote wurden alle zehn bis zwanzig Jahre in «Reformationen» zusammengefasst. Der Wahl- oder Gesamttagwen Glarus-Riedern war für die Bestellung der Ratsherren zuständig, der Gemeindevertreter in der Landesbehörde. Die Tagwensversammlungen fanden ab 1623 konfessionell getrennt statt. Die Katholiken hatten Anspruch auf einen der vier Sitze im Rat, konnten aber von 1624 an dazu noch zwei sogenannte Vertragsherren abordnen. Nur Wohlhabende vermochten die Wahlkosten zu bezahlen.

Der Tagwen Glarus (im Unterschied zum Wahltagwen auch Wirtschaftstagwen genannt) behandelte Sachfragen und wählte den Tagwenvogt sowie die Gemeindebediensteten. Der Tagwenvogt war Vorsitzender der Behörde, die aus den oben genannten Ratsherren sowie den in Glarus verbürgerten amtierenden oder ehemaligen Landammännern, Landesstatthaltern und Landvögten bestand, und besorgte gleichzeitig die zahlreichen Amtsgeschäfte (Kontrolle der Tagwerke, Rechnungswesen usw.). Hatte man 1419 Auswärtige noch zur Niederlassung in Glarus eingeladen, so wurde das Tagwenrecht (Bürgerrecht) vom 16. zum 18. Jahrhundert immer teurer (500 Gulden 1753). Die Benachteiligung der Bei- und Hintersassen nahm zu; es kam auch zu Wegweisungen. Wegen der Linthverbauung gab es öfters Streitigkeiten mit Ennenda. 1507 wurde darüber zum ersten Mal ein Vertrag abgeschlossen, dem zahlreiche weitere folgten. Der heutige, begradigte Linthlauf geht auf das Hochwasser von 1779 zurück, das die beiden Gemeinden zu energischem Handeln zwang.

Wirtschaft

Im Hochmittelalter betrieb man in der Umgebung von Glarus hauptsächlich Schafzucht, im 14. und 15. Jahrhundert vermehrt Grossviehzucht. Daneben wurden vor allem Gerste, Hafer und Hanf angebaut. In der frühen Neuzeit förderte die Gemeinde den Obstbau. Entlang des Oberdorf- oder Strengenbachs und des Giessen, die bis 1861 oberirdisch durch Glarus flossen, entstanden Mühlen, Stampfen, Sägereien, Walken, Zigerreiben und Hammerschmieden. 1434 wird erstmals eine Mühle am Giessen erwähnt. Wegen der weitgehenden Selbstversorgung fehlte es zunächst an spezialisierten Handwerkern. Mehrere Meister wanderten zu, 1573 ein deutscher Metzger, um 1600 ein Walker. Zünfte tauchten erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf. Ab dem 17. Jahrhundert entwickelte sich ein vielfältiges Handwerk. Besonderen Aufschwung nahm die Halbwollweberei, deren Erzeugnisse (Mätzen genannt) ab 1670 nach auswärts, besonders nach Zürich, verkauft wurden. Der Handel mit in Heimarbeit gewirkten Strümpfen, Mützen und Jacken florierte. 1740 errichtete Johann Heinrich Streiff am Oberdorfbach die erste Baumwolldruckerei und legte so den Grundstein zum Glarner Textildruck (Zeugdruck). Er liess 1770-1771 das bedeutendste barocke Herrenhaus errichten, das sich aus dieser Zeit erhalten hat, das Haus in der Wiese mit französischer Gartenanlage. Dank der aufblühenden Protoindustrie dehnte sich Glarus stark aus: 1714-1797 stieg die Zahl der Häuser von 188 auf 440 an, die Einwohnerzahl von 1800 auf 2500.

Schulen

Eine von Zwingli angeregte Lateinschule ging Ende des 16. Jahrhunderts ein. Ähnliche Neugründungen im 18. Jahrhundert erlitten beim Zusammenbruch des Ancien Régime das gleiche Schicksal. 1524 wurde am Burghügel auf Landeskosten ein Schulhaus für den Elementarunterricht gebaut. 1594 kam es zur konfessionellen Trennung. Ein evangelisches Schulhaus entstand auf der Pressi. Die relativ gut bezahlten evangelischen Schulmeister waren meist gebildete Laien: 1611-1615 unterrichtete Philipp Geiger, ein Mathematiker, und von 1635 bis Ende des 18. Jahrhunderts die Schulmeisterdynastie Steinmüller. Bei den Katholiken amtierten bis 1700 geistliche Lehrer. 1783-1798 existierte eine sogenannte Realschule mit Latein für Knaben ab zwölf Jahren.

19. und 20. Jahrhundert

Politisch-administrative Entwicklung

Im Mai 1798 wurde Glarus Hauptort des neu geschaffenen Kantons Linth und des Distrikts Glarus. Damit wurde es Sitz des Regierungsstatthalters, der Verwaltungskammer, des Distrikts- und des Kantonsgerichts sowie Tagungsort der Wahlmännerversammlung. Der Gemeinde stand die siebenköpfige Munizipalität mit einem Präsidenten vor. Die Vertreter der neuen Ordnung hatten aber mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Im August 1802 zogen die Behörden des Kantons Linth nach Rapperswil. Die Mediation bestätigte Glarus als Hauptort des wiederhergestellten Kantons Glarus. Die Gemeindebehörde erhielt 1803 wieder den alten Aufbau. Die Reorganisation der Gemeinde begann erst nach Annahme der neuen Kantonsverfassung 1836: Glarus wählte 1837 einen dreizehnköpfigen Gemeinderat mit zwei Vize- und dem Gemeindepräsidenten. In den Neubauten des Gemeindehauses (1837) und des Regierungsgebäudes (1837-1838) fand die institutionelle Erneuerung auf Kantons- und Gemeindeebene auch architektonischen Ausdruck. 1878 befürworteten die Bürger die Trennung von Bürger- und Ortsgemeinde. 1891-1892 erschien die erste kommunale Gesetzessammlung im Druck.

Vom Flecken zur Kleinstadt

Der Dorfkern von Glarus war vergleichbar mit den anderen ländlichen Hauptflecken wie Appenzell, Altdorf, Stans und Schwyz. Nach 1800 nahm die Bevölkerung rasch zu. Neue Häusergruppen entstanden in der Abläsch, im Bohlen, beim Zaun, auf der Allmeind, auf der Pressi, am Schützenplatz; um 1850 wurde der Kirchweg, ab 1860 das Bahnhofquartier mit dem Glarnerhof (1861-1862) und dem Volksgarten (1874-1876) angelegt. Die Industrialisierung, vor allem der Aufschwung des Textildrucks, verwandelte den Flecken allmählich in einen kleinstädtischen Ort mit geschlossenen Häuserreihen. 1859 wurde Glarus an das Netz der Vereinigten Schweizerbahnen (VSB) angeschlossen.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1861 legte ein Brand, angefacht vom Föhnsturm, grosse Teile von Glarus in Schutt und Asche. 593 Gebäude, darunter die Pfarrkirche, das Rathaus und das Regierungsgebäude sowie der ganze Kern des Fleckens gingen in Flammen auf. Verschont blieben lediglich die Ortsteile westlich des Spielhofs, das Oberdorf, die neueren Quartiere im Süden und alle Textildruckereien. Die Pläne für den rasterförmigen Wiederaufbau erstellten die Architekten Johann Kaspar Wolff und Bernhard Simon. Die breiten, rechtwinklig angeordneten Strassenzüge mit Steingebäuden im Stile des Klassizismus und der Neurenaissance verliehen Glarus ein städtisches Gepräge. Um die neu geschaffene Stadtanlage mit den bestehenden Quartieren harmonisch zu verbinden, musste der Tschudirain, ein 23 m hoher Bergsturzhügel, abgetragen werden. Die Errichtung des neuen Glarus, die zügig durchgeführt wurde, gilt als eine der bedeutendsten städtebaulichen Leistungen des 19. Jahrhunderts in der Schweiz. Die Pfarrkirche wurde trotz Widerstand an einen neuen Standort verlegt und als neuromanische Basilika mit Doppelturmfassade nach den Plänen von Ferdinand Stadler 1863-1866 gebaut (nach Brand 1940 wieder hergestellt). Bernhard Simon gestaltete das Regierungsgebäude (1862-1864), Johann Kaspar Wolff das Gerichtshaus (1862-1864) und die nachmalige Höhere Stadtschule (1870-1872). Im Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg erlitt die Bausubstanz aus der Zeit des Wiederaufbaus zahlreiche Eingriffe, die planmässige Struktur der Stadtanlage blieb aber erhalten. Am Rande von Glarus entstanden im 20. Jahrhundert neue Wohnquartiere: Bühl, Oberdorfstrasse, Lurigen, Adler- und Lindengut sowie Buchholz (hier auch Kleinindustrie).

Wiederaufbauplan von Glarus nach dem Projekt der Architekten Bernhard Simon und Johann Kaspar Wolff. Lithografie, 1861 (Landesarchiv des Kantons Glarus).
Wiederaufbauplan von Glarus nach dem Projekt der Architekten Bernhard Simon und Johann Kaspar Wolff. Lithografie, 1861 (Landesarchiv des Kantons Glarus). […]

Nach dem Stadtbrand verbesserte Glarus seine Infrastruktur: 1862 wurden Gasleitungen gelegt und 1895 die heutige Wasserversorgung erstellt. 1901 gelangten das Gas- und Wasserwerk in Gemeindebesitz. Das 1904-1908 am Klöntalersee erbaute Elektrizitätswerk (Löntschwerk) brachte der Gemeinde Glarus als Konzessionsgeberin wichtige Einkünfte. 1908 erfolgte die Inbetriebnahme des Werkes.

Blick von Ennetbühls gegen den Vorderglärnisch und die Stadt nach deren Wiederaufbau. Lithografie nach einer Zeichnung von H. Steiner, 1865 (Landesarchiv des Kantons Glarus).
Blick von Ennetbühls gegen den Vorderglärnisch und die Stadt nach deren Wiederaufbau. Lithografie nach einer Zeichnung von H. Steiner, 1865 (Landesarchiv des Kantons Glarus). […]

Wirtschaft

Jungviehausstellung im Oktober 1955 auf dem Landsgemeindeplatz in Glarus (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-11810) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv.
Jungviehausstellung im Oktober 1955 auf dem Landsgemeindeplatz in Glarus (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-11810) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv. […]

Die industrielle Entwicklung des Hauptorts beruhte hauptsächlich auf der exportorientierten Textilindustrie (Baumwolldruckereien und Bleichereien). Die bedeutendsten Unternehmen waren die Baumwolldruckereien Egidius Trümpy, Brunner, Gebr. Streiff, Heer-Schuler und die 1861 gegründete Bleicherei Streiff am Strengenbach. In Trümpys Unternehmen fand 1837 einer der ersten Streiks in der Schweiz statt. Die Textilindustrie bot direkt und indirekt auch zahlreichen Handwerkern Arbeit und zog neues Gewerbe an: so die Erlen-Brauerei (1827-1981), später die Zigarrenfabrik Bachofen & Co. (1851-1957). Da der Brand von Glarus 1861 kaum Fabrikbetriebe zerstört hatte, konnte ungehindert weiterproduziert werden. 1864 waren in Glarus 1753 Personen in den Baumwolldruckereien beschäftigt, 123 in der Seidenzwirnerei. Um 1890 kam nach mehreren Absatzkrisen das Ende des Glarner Textildrucks. Die Krise wirkte sich für Glarus selbst nicht so gravierend aus, da viele Arbeitslose Einwohner umliegender Dörfer waren. Ab 1880 entwickelte sich Glarus zudem zum kantonalen Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum. Die Kantonalbank, die vier Grossbanken und alle wichtigen Versicherungsgesellschaften errichteten Niederlassungen im Hauptort. 1902 wurde eine Filiale der Möbelfabrik Horgen eröffnet. Der Buch- und Zeitungsdruck wurde erst im 20. Jahrhundert zum wirtschaftlichen Faktor: Die um 1890 gegründete Firma Tschudi & Co. gab die «Glarner Nachrichten» heraus (seit 1997 in «Die Südostschweiz» integriert) und führte einen eigenen Verlag. Bauunternehmen, kleinere Industrie- und Gewerbebetriebe, vor allem zahlreiche Einkaufsgeschäfte und Gaststätten prägen heute die Wirtschaftsstruktur von Glarus; weit über die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitet im 3. Sektor.

Krankenkassenschein für Drucker und Modelstecher, ausgestellt am 26. Oktober 1880, entworfen von Joachim Knobel (Museum des Landes Glarus, Näfels).
Krankenkassenschein für Drucker und Modelstecher, ausgestellt am 26. Oktober 1880, entworfen von Joachim Knobel (Museum des Landes Glarus, Näfels). […]

Kirche, Bildung und Kultur

1828-1830 wurde der Hochwald der alten gemeinsamen Kirchgemeinde Glarus auf die fünf Tagwen Glarus, Riedern, Netstal, Ennenda und Mitlödi aufgeteilt. Seit 1862 erstreckt sich die reformierte Kirchgemeinde nur noch auf Glarus und Riedern. Das 400-jährige Simultaneum wurde auf Initiative der Katholiken 1961 aufgelöst. Nach der Errichtung der St. Fridolinskirche 1962-1964 durch Ernest Brantschen stand diesen ein eigenes Gotteshaus zur Verfügung. Die Stadtkirche ging ganz ins Eigentum der reformierten Kirchgemeinde über. Der wertvolle Kirchenschatz mit dem sogenannten Zwinglikelch (wohl um 1300, von Zwingli benutzt), der Hostienmonstranz von 1518 und der barocken Silberplastik Fridolin und Ursus von Oswald Schön (1638) verblieben bei der katholischen Kirchgemeinde. Im Vorauen wurde 1965-1966 eine reformierte Kirche gebaut.

Das Schulwesen der Oberstufe entwickelte sich nur langsam: 1811 erfolgte die Eröffnung des Heer'schen Instituts als private Sekundarschule; 1818 wurde diese durch das Isler-Bruch'sche Institut abgelöst. 1835 entstand die halb private, halb kommunale Sekundarschule im Zaunschulhaus, die 1867 ganz von der Gemeinde übernommen wurde. 1872 zog sie an die Hauptstrasse beim Spielhof ins neue Gebäude von Johann Kaspar Wolff, 1890 wurde sie zur Höheren Stadtschule mit Untergymnasium, 1956 zur kantonalen Maturitätsschule aufgewertet. Ab 1976 zog diese in das von Roland Leu entworfene Kantonsschulgebäude (1973-1977) an der Winkelstrasse. 1860 entstand das Burgschulhaus als katholische Primarschule. 1876 wurden die konfessionellen Schulen aufgehoben und die Schulgemeinde Glarus-Riedern gegründet. Weitere Unterrichtsstätten entstanden: 1923-1925 die Handwerkerschule (bis 1975), 1955-1957 das Primarschulhaus Erlen und 1978-1980 das Oberstufenschulhaus Buchholz.

Die 1761 gegründete Landesbibliothek war 1863-1992 im Gerichtshaus untergebracht, seit 1993 befindet sie sich als Freihandbibliothek in der ehemaligen Höheren Stadtschule. Nach langer Planungsphase wurde 1951-1952 das Kunsthaus von Hans Kaspar Leuzinger erbaut, dessen Finanzierung ein Legat des Künstlers Gustav Schneeli ermöglichte. Die Sammlung enthält vor allem Werke von Glarner Malern.

Quellen und Literatur

  • GemA
  • Gerichtshaus, Modell von Alt-Glarus vor dem Brand von 1861, von H. Leuzinger, Massstab 1:250, 1961
  • Kath. PfarrA
  • SSRQ GL
  • Das alte Glarus, 1901
  • J. Winteler, Glarus, 1961
  • H.R. Sennhauser, «Die ältesten Kirchen des Kt. Glarus», in JbGL 65, 1974, 46-99
  • J. Davatz, Glarus, 1983
  • B. Becker, Der Brand von Glarus, 1986
  • H.R. Stauffacher, Herrschaft und Landsgem., 1989
  • G. Studer-Freuler, Die kath. Pfarrei und Kirchgem. Glarus-Riedern, 1993
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Marti-Weissenbach, Hans Laupper, Karin; Marti-Weissenbach, Karin; Laupper, Hans: "Glarus (Gemeinde)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.11.2020. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000766/2020-11-19/, konsultiert am 15.05.2021.