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Netstal

Ehemalige politische Gemeinde des Kantons Glarus, seit 2011 Teil der Gemeinde Glarus. Industriedorf im Glarner Mittelland am Ostfuss des Wiggis und an der Mündung des aus dem Klöntal fliessenden Löntsch in die Linth. Das Dorf entstand aus den Weilern Netstal, Leuzingen und Löntschen. 1289 Netstal. 1799 1372 Einwohner; 1850 2101; 1900 2003; 1950 2654; 2000 2813; 2010 2875.

Netstal: Situationskarte 2010 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2020 HLS.
Netstal: Situationskarte 2010 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2020 HLS.

Als Zeugen eines prähistorischen Bergsturzes vom Glärnisch erheben sich vier kegelförmige Hügel über die Talebene. Auf dem einen, nordwestlich des Dorfs, liegt die Burgstelle Oberes Bühl. Vermutlich stand hier eine einfache, gegen 1300 verlassene Turmburg der Herren von Netstal. Auf der 25 m hohen Bürglen finden sich Mauerreste aus Steinblöcken eines mutmasslichen Refugiums, das spätestens um 1350 aufgegeben wurde. Bis 1395 hatte Netstal dem Kloster Säckingen Abgaben zu leisten. Die Dorfbewohner waren nach Glarus kirchgenössig. 1421 stiftete Matthias Netstaler eine den Heiligen Drei Königen geweihte Kapelle, die durch einen Neubau (1708 eingeweiht) ersetzt wurde und deren Kollaturrecht bis 1777 seine Nachkommen ausübten. 1875 trennte sich Netstal als eigene katholische Kirchgemeinde von Glarus ab und weihte 1935 die neue Kirche ein. Nach der Reformation war eine Mehrheit katholisch geblieben. Als es mehr Reformierte gab, schufen diese 1697 eine eigene reformierte Kirchgemeinde, errichteten 1698 die Kirche, die 1811-1813 einem Neubau wich. Wegen der konfessionellen Landesteilung tagte zwischen 1624 und 1837 die katholische Landsgemeinde 77-mal im Erlen, an der Grenze zu Näfels, und der katholische Rat des Landes Glarus bis 1742 im noch bestehenden Gasthaus Raben, dann bis 1798 im sogenannten Rathaus.

Kraftwerk am Löntsch bei Netstal. Fotografie von Johann Schönwetter, 1918 (Landesarchiv des Kantons Glarus, Fotosammlung Schönwetter).
Kraftwerk am Löntsch bei Netstal. Fotografie von Johann Schönwetter, 1918 (Landesarchiv des Kantons Glarus, Fotosammlung Schönwetter).

Im Mittelalter basierte die subsistenzorientierte (Alp-)Wirtschaft auf Schafzucht und Getreideanbau, ab dem 16. Jahrhundert wurde vermehrt Grossviehzucht für den Export und im 18. Jahrhundert Milchwirtschaft betrieben. Erwähnt ist 1548 eine erste Mühle, 1651 eine erste Zigermühle, in der die Rohziger von den Alpen gemahlen und weiterverarbeitet wurden sowie 1679 eine Papiermühle von Heinrich Weber (Papierfabrik Netstal AG). Im 17. Jahrhundert setzte ein vermehrter Handel mit Brenn-, Gewerbe- und Bauholz aus dem Klöntal ein. Aus der in gewerblicher Saisonarbeit während des Sommers vor allem in Frankreich ausgeübten Wattemacherei entwickelte sich auch ein Strohhuthandel. Im 18. Jahrhundert brachte die von Andreas Heidegger initiierte Heimarbeit der Baumwollspinnerei neue Verdienstmöglichkeiten. Netstal litt 1799 besonders schwer unter den Plünderungen während der Revolutionskriege. Im 19. Jahrhundert zeitigte die starke Industrialisierung des Textilbereichs im Glarnerland Auswirkungen in Netstal. 1856 wurde die Maschinenfabrik und Giesserei, die nachmalige Netstal Maschinen AG, gegründet (Hauptsitz später nach Näfels verlegt). 1859 erfolgte der Anschluss an die Eisenbahnstrecke Weesen-Glarus der Vereinigten Schweizerbahnen. 1877 übernahm die Gemeinde die bis 1876 konfessionell getrennt geführten Schulen. Nachdem sie 1892 Trinkwasserquellen zur Gewinnung von Elektrizität im Klöntal genutzt hatte, baute hier 1905-1908 die Motor AG aus Baden das Löntschwerk und den Staudamm. 1981 eröffnete die NOK im Kraftwerk in Netstal das Technische Museum mit Einrichtungen aus den Anfängen dieses Werks. Traditionell bedeutende Betriebe sind die Metall- und Plastikwarenfabrik A. & J. Stöckli AG (seit 1878), die Kalkfabrik Netstal AG (seit 1900), die Zahnräderfabrik Sauter, Bachmann AG (seit 1922). In den 1990er Jahren wurde in Netstal eines der sechs schweizerischen Verarbeitungszentren der Postfinance eingerichtet. Der 2. Sektor stellte 2005 51% und der 3. 46% der Arbeitsplätze im Ort.

Quellen und Literatur

  • SSRQ GL 4, 1627-1694
  • P. Thürer, Gesch. der Gem. Netstal, 1922
  • S. Peter-Kubli, Netstal, 2000

Zitiervorschlag

Karin Marti-Weissenbach: "Netstal", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.11.2020. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/000777/2020-11-19/, konsultiert am 23.04.2024.